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Rettungsdienst: „Rettungsgasse wird ignoriert“

Notfalleinsätze Rettungsdienst: „Rettungsgasse wird ignoriert“

Sie kann im Notfall überlebenswichtig sein - die Rettungsgasse. Doch wenn sich Stau bildet, machen viele Autofahrer keinen Platz. Die MAZ hat mit einem Mitarbeiter vom Rettungsdienst über diese Unart gesprochen. Die Folgen können dramatisch sein. Der Experte hat einen einfachen Vorschlag, wie man das Problem lösen könnte.

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Zu schmal: In dieser Rettungsgasse auf der Autobahn 24 würden Rettungsfahrzeuge an ihre Grenzen stoßen

Quelle: Peter Geisler

Neuruppin. Christov Sabo leitet den Rettungsdienst der Ruppiner Kliniken in Neuruppin. Er weiß, mit welchen Problemen seine Kollegen im Arbeitsalltag zu tun haben.

Christov Sabo

Christov Sabo

Quelle: Peter Geisler

MAZ: Wie oft hat der Rettungsdienst in der Region mit fehlenden Rettungsgassen zu kämpfen?

Sabo: Das Problem mit fehlenden Rettungsgassen stellt sich insbesondere auf Autobahnen – immer dann, wenn der Verkehr stockt und schließlich zum Stehen kommt. Dann muss man einfach sagen, ist die Bildung der Rettungsgasse eher eine Ausnahme. Wir führen keine Statistiken darüber, aber wenn es Stau gibt, dann ist gefühlt in 80 Prozent der Fälle keine Rettungsgasse gebildet.

Wie gehen Sie dann vor? Warten Sie, bis Platz gemacht wird oder weichen Sie auf den Standstreifen aus?

Sabo: Das hängt davon ab, wie viele Spuren zur Verfügung stehen, wobei das Prinzip immer das gleiche ist. Die links fahrenden Fahrzeuge weichen auf den äußersten linken Rand aus, die auf den anderen Spuren weichen nach rechts aus und nutzen auch den Standstreifen mit, so dass wir über die Rettungsgasse zum Ereignisort kommen. Den Standstreifen an sich nutzen wir nicht gerne, weil immer die Gefahr besteht, dass ein Fahrzeug plötzlich nach rechts zieht, wenn der Fahrer das Sondersignal hört. Die Gefahr, dass es dann zum Verkehrsunfall mit uns kommt, ist relativ groß. Daher wollen wir die Rettungsgasse nutzen, die für die Rettungsfahrzeuge vorzuhalten ist.

Was glauben Sie, warum es so oft nicht klappt?

Sabo: Ich glaube, die Erklärungen sind relativ vielfältig. Wenn man die Führerscheinausbildung macht, dann lernt man ja, dass man – wenn Fahrzeuge mit Blaulicht und akustischem Signal kommen – unverzüglich freie Bahn zu schaffen hat. Vielleicht ist das für viele nicht mehr so präsent. Ich sag es mal vorsichtig: Wenn man die Führerscheinausbildung gemacht und dann lange nicht mehr damit zu tun hatte, dann sind diese Begrifflichkeiten vielleicht gar nicht mehr da oder die Kraftfahrer wissen nicht mehr um die Bedeutung.

Hat sich die Situation verschlechtert?

Sabo: Ja, eindeutig!

Liegt es nicht auch ein Stück weit daran, dass das Verkehrsaufkommen zugenommen hat?

Sabo: Mit Sicherheit, jeder will als Erster oder zumindest schnell ankommen. Wenn wir auf den Straßen unterwegs sind, empfinden wir schon, dass das Verhalten deutlich aggressiver wird. Auch auf Fahrzeuge mit Sonderrechten wird nicht mehr so viel Rücksicht genommen. Viele versuchen noch, bis zum Letzten weiterzufahren und nur, wenn es gar nicht mehr anders geht, auszuweichen. Wir merken auch im normalen Straßenverkehr, dass die Moral bezogen auf Sondereinsatzfahrzeuge eher schlechter wird.

Haben Sie schon erlebt, dass dadurch Verletzte nicht rechtzeitig behandelt werden konnten?

Sabo: Es ist immer schwer zu sagen: „Wir sind jetzt vier, acht, zehn, zwölf Minuten später angekommen und aus dem und dem Grund hat sich der Zustand akut verschlechtert“. Aber man kann ganz klar sagen, dass wir in sehr vielen Fällen früher vor Ort wären, wenn die Verkehrsteilnehmer eine Rettungsgasse bilden würden. Die Asfinag (Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungsgesellschaft, Anm. d. Red.) aus Österreich geht davon aus, dass der zeitliche Verzug vier bis acht Minuten beträgt.

Was wäre ein Weg, um das Problem zu entspannen?

Sabo: Ich glaube, es ist ein gesellschaftliches Problem. Schulung ist immer wichtig, aber wer einmal den Führerschein oder eine Erste-Hilfe-Ausbildung gemacht hat, muss die nicht wiederholen. Sie sehen das Paradoxe schon darin, dass der Gesetzgeber vorschreibt, dass Sie einen Verbandskasten mit sich führen müssen, und alle sterilen Materialien dürfen das Ablaufdatum nicht überschreiten – das sind in der Regel fünf Jahre. Nach fünf Jahren müssen Sie diese Materialien erneuern, obwohl sie in aller Regel noch steril sind, aber der Hersteller übernimmt halt die Garantie nicht mehr. Es schreibt aber niemand vor, dass derjenige, der den Verbandskasten spazieren fährt, eine aktuelle Ersthelferausbildung hat. So lange sich auf diesem Gebiet im Bewusstsein der Menschen nichts ändert, ist das tatsächlich ein großes gesellschaftliches Problem. Ich glaube, wenn man anfangen würde, in Schulen frühzeitig – in der dritten, vierten, fünften Klasse – regelmäßig zu den Themen Notfälle oder Erste Hilfe zu unterrichten, dann würde sich eine Art Trainingseffekt ergeben. Dann wäre es für die Menschen selbstverständlich, in solchen Situationen zu helfen – und eine Rettungsgasse zu bilden.

Von Mischa Karth

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