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So ruckelt der neue Intercity

Testfahrt im Doppelstockzug So ruckelt der neue Intercity

Mehr Komfort, bessere Aussicht, neues Design – mit der nächsten Intercity-Generation wollte die Bahn das Zugfahren attraktiver machen. Doch der doppelstöckige IC 2 macht bislang vor allem durch spürbares Schwanken während der Fahrt Schlagzeilen. Wir wollten wissen, wie heftig der Wellengang im neuen Zug tatsächlich ist, und sind ein Stück mitgefahren.

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Der neue IC2

Quelle: dpa-Zentralbild

Hannover. Abfahrt Hannover-Hauptbahnhof. Kaum ist der Zug angefahren, wird klar: Es ist nicht übertrieben, von Schaukeln zu sprechen. In der oberen der zwei Etagen ist noch ein Platz neben einer Dame frei, die eingenickt ist. Ihr Kopf schlägt zwischen den königsblauen Kopfstützen hin und her. Rechts, links, rechts, links. Ein Zugbegleiter stolpert die Treppe herauf. Breitbeinig, die Hände haltsuchend zu den Seiten ausgestreckt, kämpft er sich durch den Mittelgang. Ein älterer Herr gluckst fröhlich vor sich hin. „Ist wie auf hoher See, nicht wahr?“, brüllt er durch den Waggon, als müsste er eine Brandung übertönen.

Die Doppelstockzüge, die vor gut einer Woche auf der Strecke Leipzig– Norddeich ihre Premiere feierten, schwanken wie eine Fähre bei der Überfahrt. Besonders im oberen Stockwerk ist Seetauglichkeit gefragt. Nimmt der Zug Fahrt auf, schunkeln die Passagiere unfreiwillig in ihren Sitzen. Lesen, Stricken, Kreuzworträtsel Ausfüllen werden zur Herausforderung, manchem Reisenden wird sogar speiübel. „Ich musste mich beinahe übergeben“, sagt ausgerechnet Ralf Kuhlmann.

Der Zugbegleiter fährt zum ersten Mal im neuen Intercity, dieses Mal als Passagier. Wie die meisten will er oben sitzen und den Ausblick genießen. Aber kurz darauf hockt er im Bauch des Zuges, bleich um die Nase fächert er sich mit dem Reiseplan Luft zu. „Ich habe nichts gegen Schwanken. Aber dieser Zug schwankt ein bisschen zu viel“, sagt Kuhlmann.

Der Deutschen Bahn, die vor Einführung ihres Vorzeigeschnellzuges kräftig die Werbetrommel rührte, ist der Wirbel um die wankenden Waggons selbstredend unangenehm. Der Schaukelkurs stelle „kein Sicherheitsrisiko“ dar, die Züge seien geprüft und zugelassen, betont eine Konzernsprecherin. Außerdem sei das Wanken nur auf bestimmten Streckenabschnitten zu spüren, etwa zwischen Leipzig und Halle oder zwischen Magdeburg und Köthen. Tatsächlich aber wippt der IC 2 auch zwischen Hannover und Nienburg, Verden und Bremen heftig hin und her, sobald er sich an die Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h heranarbeitet.

Prestige-Zug mit Kinderkrankheiten

„Neu, neuer, der neue Intercity“ – mit diesem Slogan wirbt die Deutsche Bahn für ihre Doppelstock-ICs, die seit 12. Dezember auf der Linie Norddeich-Hannover-Leipzig unterwegs sind. Anfang 2016 kommen mit Dresden-Hannover-Köln, Köln-Kassel-Halle/Leipzig und Koblenz-Köln-Münster-Norddeich drei weitere Strecken hinzu. Ende 2010 bestellte die Bahn insgesamt 44 Intercity-2-Garnituren beim Waggonbauer Bombardier. Die ersten 27, für die der Konzern rund 360 Millionen Euro ausgegeben hat, sollten ursprünglich schon Ende 2013, spätestens jedoch im Sommer 2014, auf die Schiene kommen. Ihre Auslieferung verzögert sich nun bis Sommer 2016, die restlichen 17 sollen bis Ende 2017 folgen.

Das Wanken der Waggons ist nicht die einzige Kinderkrankheit, die die Einführung der neuen Intercity-Generation begleitet: Zunächst gab es Probleme mit den automatischen Türen. Mehrmals mussten kurz vor der Abfahrt die neuen durch alte Intercity-Züge ausgetauscht werden, weil die Türen der Waggons sich nicht öffnen oder schließen ließen. Ursache für den Schaukelkurs wiederum sind laut einer Bahnsprecherin nicht etwa technische Mängel, sondern vielmehr ein ungünstiges Zusammenspiel von neu geschliffenen Schienen und verschleißoptimierten Radsätzen. Hersteller Bombardier arbeite an einer Lösung, das Dämpfungssystem anzupassen.

Zurück in die Werkstatt müsse die IC-Flotte nicht. „Wir gehen auch davon aus, dass sich das Wanken nach einer Einfahrzeit verringert“, so die Bahn. Sollten die Züge doch überarbeitet werden müssen, werde das keine negativen Auswirkungen auf den Fahrplan haben.

Das Zugpersonal erklärt auf Nachfrage, Hersteller Bombardier habe den IC2 besonders fahrgastfreundlich bauen wollen. Die Federn seien darauf ausgerichtet, unangenehme Stöße zu mindern – dass der Zug nun schwankt, sei quasi der Preis des Komforts.

Dabei ist Komfort genau das, wofür die neue Intercity-Generation stehen soll: Beinfreiheit wie im großen Bruder ICE, extra breite Einstiegstüren und Steckdosen an jedem Sitzplatz sind nur ein paar der Annehmlichkeiten, die die Vorgänger-IC alt aussehen lassen. Der „Doppelstockzug zum Wohlfühlen“ besteht serienmäßig aus drei 2.-Klasse-Wagen, einem 1.Klasse-Wagen und einer Lok. 462 Fernreisende finden darin Platz. Ausklappbare Tische mit Laptop-Verlängerung, in der Höhe verstellbare Kopfstützen, leistungsstarke LTE-Mobilfunkverstärker, hypersensible Rauchmelder auf der Toilette und praktische Bechermulden für schwappende Getränke machen die positiven Neuheiten komplett. Aber es gibt auch Klagen: Die Gepäckfächer an der Decke seien zu klein, die Jackenhalter zwischen den Sitzen völlig fehl am Platz, und wo ist überhaupt der Speisewagen?

Den gibt es nicht mehr, stattdessen gibt es Speisen und Getränke am Platz. Mit einem Körbchen voller Muffins, Cookies und Colaflasche torkelt ein Service-Mitarbeiter durch den Mittelgang. Ans Essen denkt jedoch fast niemand. „Fühlt sich an, als würde der Zug gleich aus den Gleisen springen“, sagt eine Frau besorgt. Für andere ist das Schwanken nach defekten Klimaanlagen und verschlossenen Türen nur ein weiteres Versagen der Deutschen Bahn.

Von Sophie Hilgenstock

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