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Trinken und leben lassen

Neuruppin: Peer-Projekt an Fahrschulen Trinken und leben lassen

Alkohol oder Auto fahren – beides zusammen geht nicht. Das versuchen so genannte Peers an Fahrschulen Gleichaltrigen zu vermitteln. Sie wollen nichts verbieten, sondern andere Möglichkeiten zeigen, in der Disco trotzdem Spaß zu haben. Weitere Peers sind bei dem Präventionsprojekt im Landkreis Ostprignitz-Ruppin willkommen.

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Dana Michaela Wenzel (l.) und Vera Klunk beraten als Peers Jugendliche zum Thema Alkohol am Steuer.

Quelle: Christian Schmettow

Neuruppin. Den Schreck hat Karolin Trippo bis heute nicht vergessen: Es war dunkel, der Wagen raste über die Autobahn, und mit einem Mal kam die Leitplanke immer näher. Der Kopf des Fahrers war langsam auf seine Schulter gesunken. Zum Glück saß die junge Frau auf dem Beifahrersitz, zum Glück war sie nüchtern, zum Glück reagierte sie schnell. Sie weckte den Fahrer, der das Auto gerade noch abfangen konnte. Es war auf dem Heimweg von der Disco in Waren an der Müritz – ihrer Mutter hatte Karolin Trippo gesagt, sie wäre in Walsleben. Und dem Fahrer hatte sie vertraut – sie kannte ihn schon lange. Dass der junge Mann Drogen nimmt und sich damit ans Steuer setzt, ahnte die Alt Ruppinerin bis zu jenem Abend nicht.

Seitdem ist sie noch vorsichtiger, zu wem sie sich ins Auto setzt. Und Alkohol ist für sie tabu, wenn sie Auto fährt - Betäubungsmittel sind es sowieso.

Heute ist Karolin Trippo selbst Mutter – und Koordinatorin des Peer-Projektes für Ostprignitz-Ruppin. Die 30-Jährige kümmert sich um so genannte Peers (zu deutsch etwa: Kumpel). Das sind junge Erwachsene, die in die Fahrschulen des Landkreises gehen und ihre Altersgenossen warnen, ein Fahrzeug zu lenken, wenn sie Alkohol getrunken haben.

Die Peers sind keine Abstinenzler. Sie sei auch schon mal betrunken gewesen, sagt Karolin Trippo: „Meist auf Privatfeiern – in der Disco war mir das zu teuer.“ Den Jugendlichen sagt sie: „Na klar dürft ihr trinken. Ihr seid jung! Aber Auto fahren, das dürft ihr dann nicht.“

Die Peers wollen aber nicht nur verbieten. Das Projekt des Tannenhof-Vereins will den Jugendlichen zeigen, welche anderen Möglichkeiten es gibt, als sich angetrunken ans Steuer zu setzen.

Beratung in der Fahrschule

Beratung in der Fahrschule.

Quelle: Christian Schmettow

Zehn Punkte haben die Peers zusammengestellt, darunter: ein Taxi nehmen, Fahrgemeinschaften bilden, am Ort der Feier übernachten, alkoholfreie Cocktails bestellen oder auch mal nichts trinken. „Ich habe Freunde in Walsleben und kann zur Not nach der Disco dort übernachten, sagt Dana Michaela Wenzel aus Neuruppin, eine von derzeit nur noch drei Peers im Landkreis.

Doch ein Taxi ist nachts nicht leicht zu bekommen. 25 Euro für die Rückfahrt, Eintritt in die Disco, Getränke – das übersteigt schnell das Budget der jungen Leute.

Schade findet es Karolin Trippo auch, wenn es in der Disco keine alkoholfreien Cocktails gibt oder wenn der Wodka-Red-Bull 50 Cent kostet, ein Wasser aber einen Euro.

Andere Lösungen, sicher nach Hause zu kommen, sind nicht durchsetzbar, weil die Verkehrsbetriebe zu unflexibel sind. Einen Eisenbahnzug, der am Wochenende nachts um 3 Uhr noch einmal die eine Station von Neuruppin oder auch von Wittstock nach Walsleben und zurück fährt, um die Nachtschwärmer sicher nach Hause zu bringen? Dana Michaela Wenzel ist sich sicher, dass dieser Zug voll würde. Allein, es gibt ihn nicht. Ebenso wenig wie einen Bus oder Sonderzug zur Langen Nacht der Jugend, die mit viel Alkohol einmal im Jahr direkt am Rheinsberger Bahnhof gefeiert wird. Hunderte Jugendliche müssen sich stattdessen nachts von ihren Eltern mit dem Auto aus Neuruppin abholen lassen (die MAZ berichtete).

Dana Michaela Wenzel trinkt gelegentlich schon einmal Sekt oder Wein – aber niemals, wenn sie noch Auto fährt. Die 18-Jährige hat seit kurzem den Führerschein, und den will sie behalten. Für Fahranfänger gilt die Null-Komma-null-Promille-Grenze. Das erzählt die Neuruppinerin den jugendlichen Fahranfängern am Donnerstagabend in der Neuruppiner Fahrschule Rohwer, zusammen mit Vera Klunk.

Sie lassen die Jungs in der Theoriestunde ein Rauschbrille aufsetzen, die simuliert, wie eingeschränkt die Wahrnehmung nach ein paar Gläschen Bier ist, lassen sie Testfragen beantworten und erzählen im lockeren Tonfall davon, wie teuer es werden kann, wenn man betrunken am Steuer erwischt wird.

Warum man bis 21 keinen Alkohol trinken darf, wenn man Auto fährt, will ein junger Mann wissen. „Kann ich ab 22 besser Alkohol vertragen?“

Vera Klunk räumt ein, dass diese Altersgrenze etwas willkürlich gesetzt ist. Statistiken hätten eben erwiesen, dass bis 21 die Risikobereitschaft am höchsten sei. Davor will der Gesetzgeber die jungen Fahrer schützen.

Für den Fahrlehrer Ekkehard Rohwer sind die Peers ein gutes Projekt. Nicht alle Fahrschulen hätten sich darauf eingelassen, sagt er. Doch die Information auf Augenhöhe komme bei den Jugendlichen besser an, als wenn jemand im Alter ihrer Eltern ihnen etwas vorschreiben will. Die Peers würden von den Fahrschülern ernst genommen und können dem Thema Alkohol weit mehr Zeit widmen, als es der Fahrlehrer in seinem theoretischen Unterricht könnte, lobt Rohwer.

Für jeden Einsatz bekommen die Peers eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 22 Euro. Bezahlt wird das Projekt mit Landesmitteln, die Jahr für Jahr wieder neu beantragt werden müssen.

Weitere Peers sind gesucht und willkommen. Wer Interesse hat, kann sich beim Tannenhof-Verein melden unter 030/86 49 46-0.

Von Christian Schmettow

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