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Barrikaden gegen Baumfällung in Potsdam

Die Trauerweide vom Brauhausberg Barrikaden gegen Baumfällung in Potsdam

Mit Gartenmobiliar verbarrikadierten Mieter der Albert-Einstein-Straße in Potsdam eine bei ihren Kindern als Kletter- und Schaukelbaum beliebte Trauerweide auf dem Hinterhof, nachdem die Pro Potsdam die Fällung angekündigt hatte.

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Anwohnerin Lissy Winkler (30) mit ihrer Tochter Mona an der verbarrikadierten Trauerweide.

Quelle: Friedrich Bungert

Potsdam/Mitte. An der Einfahrt zum Hof zwischen Einsteinstraße und Brauhausberg beginnt das Kampfgebiet. Eine kleine Tafel erinnert dort neben dem Weg an einen sieben Meter hohen Holunderbusch: „Im Frühling 2014 ist er morgens noch vor dem Aufstehen der Anwohner gefällt worden.“ Weiter hinten ragt über Mülltonnen, Garagen und grauen Miethauswänden das Massiv des alten Landtags auf. Rechts auf dem Hof steht neben hohen Birken eine Trauerweide mit zwei Fahrrädern in der Krone, zwei Kinderschaukeln an einem weit auslehnenden Ast und einem Schild „Die Weide bleibt“. Wäre es nach der Pro Potsdam als Vermieterin gegangen, der Baum wäre längst gefällt. Doch die Mieter haben nicht mitgespielt.

Sozialverträgliche Sanierung

Das Karree Brauhausberg/Einsteinstraße ist eine jener Siedlungen, die wegen offener Rückübertragungsansprüche unsaniert blieben. Nach der gerichtlichen Niederschlagung der Ansprüche im Mai 2013 sollte auf Beschluss der Stadtverordneten ein Konzept zur sozialverträglichen Sanierung der Siedlungen erarbeitet werden. Dabei geht es auch um Mitbestimmung und Beteiligung der Mieter.

Die Regeln der Zusammenarbeit sind im Entwurf für eine Vereinbarung fixiert, deren Endfassung letztlich von den Stadtverordneten bestätigt werden soll. Im Paragraphen 4 ist festgelegt, dass die Pro Potsdam „vor Abstimmungen mit den Mieterinnen keine unumkehrbaren Veränderungen an der Gestaltung der Außenanlagen (insbesondere Baumfällungen ...) vornehmen“ soll, „sofern diese nicht aus verkehrsrechtlichen Gründen unumgänglich sind“.

Die Mieter hatten vorgesorgt

Die Mieter hatten vorgesorgt.

Quelle: Friedrich Bungert

Gegengutachten kommt nicht an

Die Trauerweide vom Brauhausberg ist zum Testfall für diese Regelung geworden. Einen ersten Fällversuch gab es Ende 2014, wie Michael Wawerek von der Initiative „Mieteschön Brauhausberg“ berichtet. Zwar konnte der Fälltrupp auf Nachfrage ein Baumgutachten mit eindeutigem Befund vorlegen: „Da die Stand- und Bruchsicherheit des Baumes nicht mehr länger gegeben ist und hier auch nicht länger mehr ,geschaukelt’ werden sollte, kann zur Gefahrenabwehr nur noch die baldige Fällung empfohlen werden.“

Doch die Mieter gaben ein Gegengutachten in Auftrag, das am 31. Januar 2015 vorlag: „Die kleinwüchsige Weide ... weist nur einen geringen Schädigungsgrad auf.“ Laut Wawerek wurde dieses Gutachten der Pro Potsdam per Post zugesandt, doch kam es dort offenbar nicht an. Am 10. Februar 2016 schrieb die Pro Potsdam den „sehr geehrten Mietern“: „Wir bedauern sehr, Ihnen die Fällung der bei Ihnen beliebten Weide ... am Spielplatz ankündigen zu müssen. Durch die jahrelange Nutzung als Spielbaum hat sich im Wurzelbereich Fäule im Stammbereich gebildet und ausgebreitet.“

„Die Weide bleibt“

„Die Weide bleibt“.

Quelle: Friedrich Bungert

Daniela Weigelt, Assistentin der Geschäftsführung, bestätigte auf Anfrage, dass die Weide im Ergebnis des von der Pro Potsdam beauftragten Gutachtens „zur Gewährleistung der Verkehrssicherheit“ gefällt werden müsse. Das Gegengutachten der Mieter, das dem Baum eine „Restlebenserwartung“ von mindestens 15 Jahren gibt, liege der Pro Potsdam „erst seit dem 12. Februar 2016 vor“.

Restitutionssiedlungen und „Mieteschön“

Im Bestand der städtischen Bauholding Pro Potsdam gibt es vier sogenannte Restitutionssiedlungen, die wegen lange ungeklärter Rückübertragungsansprüche auch Jahrzehnte nach dem Mauerfall noch nicht saniert sind.

Auf Beschluss der Stadtverordnete n sollen die Siedlungen sozialverträglich saniert werden, um eine Verdrängung der angestammten Mieter zu verhindern.

Bekannteste ist die Heidesiedlung an der Großbeerenstraße mit 89 Wohnungen, die bis 2010 mit Rückübertragungsansprüchen behaftet war.

Hinzu kamen bis 2013 die Quartiere Großbeerenstraße/Grünstraße (62 Wohnungen), Albert-Einstein-Straße/Am Brauhausberg (145 Wohnungen) und Behlertstraße/Gutenbergkarree (131 Wohnungen).

Die Mieter haben sich in „Mieteschön“-Initiativen organisiert. Die Gespräche mit der Pro Potsdam werden moderiert von der Werk-Stadt für Beteiligungen.

Am 17. Februar, rückte der Fälltrupp an. Doch die Mieter hatten vorgesorgt: Den Stamm der Weide schützte eine mit Stahlseil vertäute Barrikade aus Gartenmobiliar. Der Hof füllte sich mit Nachbarn, die Männer mit der Kettensäge zogen ab. Zwei Tage später kam die Entwarnung – vorerst. „Aufgrund der neuen Erkenntnisse“, so Weigelt, sei entschieden worden, „eine aktualisierte Bewertung durch einen Gutachter zu beauftragen.“ Am Freitag wurde die Weide abgeschmückt. Nur das Schild blieb – und die Fahrräder in der Krone.

Fahrrad in der Krone

Fahrrad in der Krone.

Quelle: Friedrich Bungert

Von Volker Oelschläger

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