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Ex-Landtag in Potsdam bereit für Flüchtlinge

Zuflucht in früheren Abgeordnetenbüros Ex-Landtag in Potsdam bereit für Flüchtlinge

Es ist wohl die bisher ungewöhnlichste Flüchtlingsunterkunft in Brandenburg: Wo früher die Weichen für die Landespolitik gestellt wurden, ziehen am Dienstag 72 Asylsuchende ein. Der frühere Landtag auf dem Potsdamer Brauhausberg erwartet nach einem Tag der offenen Tür die ersten Bewohner.

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Betten in den früheren Büros: die Potsdamer Landtagsabgeordneten Anita Tack und Hans-Jürgen Scharfenberg (Linke) .

Quelle: Fotos: Julian Stähle

Potsdam. Übelkeit und kleine Blessuren werden in der früheren Fraktionsküche der Linken behandelt. Wo einst Fraktionschefs wie Lothar Bisky oder Christian Görke im „Kreml“ ihren Kaffee aufbrühten, steht nun eine Liege für Erste Hilfe. Das Krankenzimmer für Flüchtlinge ist in der ersten Etage des ehemaligen Landtags auf dem Potsdamer Brauhausberg untergebracht. Hans-Jürgen Scharfenberg, Landtagsabgeordneter und Linksfraktionschef im Potsdamer Stadtparlament, bleibt vor dem Flur zu seinem alten Büro stehen. Ein Vorhängeschloss versperrt den Weg. Der Trakt, in dem er einst Akten wälzte und Reden vorbereitet, ist noch nicht fertig. Aber einige Abgeordnetenbüros sind schon hergerichtet für die Erstankömmlinge: Am heutigen Dienstag werden die ersten 72 Flüchtlinge im ehemaligen Brandenburger Parlamentsgebäude eine Bleibe finden.

Vor allem Familien sollen im Ex-Parlament wohnen

„Das ist schon ein komisches Gefühl“, sagt Scharfenberg. Er habe nicht gedacht, dass er noch einmal durch die alten Landtagsflure laufen würde. Und schon gar nicht zu so einem Anlass. Auch Ex-Gesundheitsministerin Anita Tack (Linke) will sehen, wie Flüchtlingspolitik an diesem besonderen Ort plötzlich ganz greifbar wird. In den Büros der Grünen stehen schon Betten, meist vier Stück, mit bunter Bettwäsche. Dazu ein Spind, ein Mülleimer, ein Tisch mit vier Stühlen. Sechs Quadratmeter Platz pro Person. „Vorrangig Familien sollen hier unterkommen“, erklärt Potsdams Sozialbeigeordnete Elona Müller-Preinesberger (parteilos). Vier syrische und zwei afghanische Familien sowie je eine Familie aus dem Irak, dem Iran und Tschetschenien werden Weihnachten auf dem Brauhausberg verbringen. Im Foyer steht ein Weihnachtsbaum, direkt neben den Schildern, die noch immer den Weg zu den Fraktionsräumen weisen. Das Treppengeländer wurde kindersicher gemacht. Die Pförtnerloge ist mit Spanplatten zugenagelt. Ein Maler streicht Farbe über die Bretter. Das Schild „Anmeldung“ für Besuchergruppen steht noch immer am Eingang.

Gebäude mit Geschichte

Der im Volksmund „Kreml“ genannte Gebäudekomplex auf dem Potsdamer Brauhausberg wurde von 1899 bis 1902 auf Weisung Kaiser Wilhelms II. errichtet und diente als Reichskriegsschule.

1919 wurde das Gebäude zum Reichs- und Heeresarchiv umgerüstet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Haus von der SED-Bezirksleitung genutzt.

Von 1990 bis 2013 tagte der Brandenburger Landtag auf dem Brauhausberg.

Der Plenarsaal wird zum Aufenthaltsraum umgebaut

Auch der ehemalige Plenarsaal wird umgebaut, erläutert Frank Thomann, Fachbereichsleiter für Soziales. Das Rednerpult, an dem Brandenburgs Ministerpräsidenten verbal die Weichen für die Landespolitik stellten, ist herausgerissen. Ein Aufenthalts- und Schulungsraum soll hier entstehen. Die Landtagskantine, in der 2013 die letzte Soljanka serviert wurde, wird zur Gemeinschaftsküche umgebaut. „Einheitsessen führt oft zu Streitereien“, erklärt Thomann. So könne sich jede Familie selbst zubereiten, was sie möchte. Bis März soll das Gebäude so weit umgerüstet sein, dass 470 Flüchtlinge dort wohnen können. Bis Ende 2018 hat die Stadt das Gebäude von der Eigentümerin des Ex-Landtags, einem Konsortium um die Berliner Immobilienfirma Sanus AG, gemietet. Über die Kosten wird geschwiegen. Die Rede ist von bis zu 1,6 Millionen Euro jährlich.

Problematisch sind die Sanitäranlagen. Duschen gab es für die Parlamentarier nicht. Also wurden im Hof Sanitärcontainer aufgestellt. Heimleiter Andreas Wilczek von der Arbeiterwohlfahrt (Awo) wünscht sich auch ein Nähzimmer und eine Fahrradwerkstatt, damit die Flüchtlinge „nicht den ganzen Tag auf ihren Zimmern sitzen, sondern sich beschäftigen können“.

Auf dem Hof sollen Veranstaltungen stattfinden

„Der Standort ist ideal“, findet Heiko Weißhaupt. Der 41-jährige Handwerker wohnt nebenan und hat am Wochenende freiwillig beim Hämmern geholfen. Er hoffe, dass nun mehr Leben auf dem Brauhausberg herrscht. „Wir planen Events im Hof, vielleicht Theateraufführungen“, stellt Heimleiter Andreas Wilczek in Aussicht.

Nachbar Thomas Seifert (53) nutzt den Tag der offenen Tür am Montag eher, um Fotos von dem in die Jahre gekommenen, geschichtsträchtigen Backsteinbau zu machen. „Sonst kam man hier doch nicht mehr aufs Gelände“, sagt er.

Das Heim soll ein offenes Haus sein, sagt Angela Basekow, Geschäftsführerin der Potsdamer Awo, die nach einem plötzlichen Rückzug des Betreibers „Soziale Stadt“ das Management für den „Kreml“ übernommen hat. Zu Weihnachten könnten die Anwohner gerne vorbeikommen und kleine Geschenke für die Flüchtlingskinder vorbeibringen. Insgesamt acht Awo-Mitarbeiter inklusive Wachschutz werden die Unterkunft betreuen. Auch die Revierpolizistinnen Kerstin Tuscherer und Ingrid Manz wollen für Sicherheit rund um die neue Flüchtlingsunterkunft sorgen. „Wir erwarten hier keine großen Probleme“, sagt Tuscherer bei ihrem Kennenlernbesuch im „Kreml“.

Von Marion Kaufmann

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