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Neue Schärfe im Streit um Potsdams Innenstadt

Polemische Seitenhiebe bei Buchpräsentation Neue Schärfe im Streit um Potsdams Innenstadt

Scharfe Töne begleiteten die Präsentation eines Bandes „Wider das Zerstören und Vergessen“ mit sämtlichen Schriften des Denkmalpflegers und Ehrenbürgers Friedrich Mielke zum Potsdamer Stadtschloss: Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) und Architekturprofessor Ludger Brands eröffneten in ihren Reden die finale Abrissdebatte zur alten Fachhochschule.

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Verleger Rainer Lambrecht, Denkmalpfleger Norbert Blumert und Dokumentarfilmer Klaus Wunder mit dem Buch „Wider das Vergessen und Zerstören“. Im Hintergrund in einer Filmsequenz Friedrich Mielke.

Quelle: Christel Köster

Potsdam. Zum Jahresende gewinnt der Streit um die Gestaltung der Potsdamer Innenstadt wieder an Schärfe. Ludger Brands, Professor am Studiengang Architektur und Städtebau der Fachhochschule Potsdam, warnte am Mittwoch im Alten Rathaus davor, mit Gebäuden wie der in den 1970er Jahren errichteten Fachhochschule an der Friedrich-Ebert-Straße einen „Status quo der geschichtlichen Entwicklung zu zementieren“. Polemisch stellte er die Frage, welche Bedeutung in einer Zeitspanne von 40 Jahren entstandene Bauten hätten – „bezogen auf die architektonische und bautechnische Entwicklung von 1000 Jahren“, in ihrer „Hochzeit bezogen auf 300 Jahre“.

Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) stimmte direkt ein auf eine neue Runde bei der Rekonstruktion der historischen Innenstadt. Beim Wiederaufbau der Mitte sei die erste Halbzeit geschafft. Doch nun stünden weitere Entscheidungen an. Im Februar werde die Diskussion zur Neugestaltung des Grundstücks der Fachhochschule an der Friedrich-Ebert-Straße nach dem Leitbautenkonzept beginnen, so Jakobs. Zwischen Altem Markt und Platz der Einheit sollen nach dem allerdings umstrittenen Abriss der Fachhochschule zwei weitere Karrees in Anlehnung an die Straßenzüge der Vorkriegszeit rekonstruiert werden.

Jakobs und Brands sprachen zur Präsentation eines reich illustrierten Sammelbandes „Wider das Vergessen und Zerstören“, der erstmals sämtliche Aufsätze und Streitschriften des Architekten und Denkmalpflegers Friedrich Mielke (94) zum Potsdamer Stadtschloss vereint. Mielke wirkte nach dem Zweiten Weltkrieg in Potsdam. Unter seiner Leitung wurde mit der Wilhelm-Staab-Straße ein kompletter Straßenzug beispielhaft rekonstruiert.

Das vom Verleger Rainer Lambrecht, dem Denkmalpfleger Norbert Blumert und dem Dokumentarfilmer Klaus Wunder für das Buch zusammengetragene Material dokumentiert den Kampf des Denkmalpflegers um den Erhalt der vom Krieg verschonten Bausubstanz in Potsdam, den er über mehr als ein Jahrzehnt in Potsdam, nach seinem Wechsel 1958 nach West-Berlin von der anderen Seite des Eisernen Vorhangs führte.

Friedrich Mielke zu Potsdam und dem Stadtschloss

„Wir wissen, wie schwer der Anschluß an das kulturelle Erbe ist, nachdem die Kunst hundert Jahre des Verfalls hinter sich hat. Mit einigem Feingefühl könnte Potsdam ein Musterbeispiel für die Harmonie alter und neuer Architektur werden.“ (Potsdamer Gedanken, 1955)

„Auf das heute kommt es an! Man wird später nicht danach fragen: ,Warum habt ihr nichts für Potsdam gemacht?’ sondern: ,Was habt ihr aus Potsdam gemacht?’ Der Geist von Potsdam ist bei uns endgültig beseitigt. Die Geisterfurcht paßt nicht mehr so recht zu einem modernen Menschen.“ (Potsdamer Gedanken, 1955)

„Die in der Potsdamer Lokalpresse vielfach erörterte Alternative, ob man das Stadtschloß wieder aufbauen oder Wohnungen für die etwa 7000 Wohnungsuchenden schaffen sollte, ist demagogisch und propagandistisch gestellt. ... Die Alternative ist falsch, weil sie berechtigte Interessen der Bevölkerung in einen Gegensatz zu einem wertvollen historischen Gebäude bringt.“ (Der Wiederaufbau Potsdams und das Stadtschloß, 1958)

„Die neue Potsdamer Planung ist mit teuflischer Raffinesse angelegt. Durch die Lage der neuen Langen Brücke und die damit verbundene Verkehrsführung über zwei Fernverkehrsstraßen wird die Geschlossenheit der Altstadt zerrissen und gleichzeitig die Beseitigung von mindestens sieben der wertvollsten historischen Bauwerke erfolgen, allen voran Stadtschloß und Garnisonkirche.“ (Sturm auf Potsdams Wahrzeichen, 1959)

„Mit der Zerstörung des Stadtschlosses in Potsdam wird auf russischen Befehl absichtlich ein Symbol deutscher Geschichte vernichtet. ... Mit der Beseitigung des Schlosses reißt man das Herzstück des Stadtgrundrisses heraus.“ (Das Verbrechen von Potsdam, 1960)

„Was der Krieg nicht zerstört hatte, vollendete die Politik mit ihren amtierenden uniformstrotzenden Banausen.“ (Vivere et laborare, 2014)

Die akribische Bestandsaufnahme von Potsdamer Bauten in Standardwerken wie „Potsdamer Baukunst. Das klassische Potsdam“ (1981) und „Das Bürgerhaus in Potsdam“ (1972) wurden nach 1989 zu Leitfäden bei der Rekonstruktion historischer Bauten.

1991 wurde Friedrich Mielke für sein Lebenswerk mit der Ehrenbürgerschaft der Landeshauptstadt geehrt. An der Buchpräsentation konnte er aus gesundheitlichen Gründen nur indirekt teilnehmen. Über einen Videobeamer lief mit dem Beitrag „Potsdamer Gedanken“, den Mielke 1955 in der Zeitschrift „Bildende Kunst“ publizierte, eines von sieben Kapiteln, die der Ehrenbürger für eine dem Buch beiliegende DVD vor laufender Kamera eingelesen hat.

Info: „Wider das Zerstören und Vergessen“, Knotenpunkt Verlag Potsdam 2015, 39,90 Euro, ISBN 978-3-939090-12-0, erhältlich in der Stiftungsbuchhandlung und im „Internationalen Buch“.

Von Volker Oelschläger

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