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Verhandlungen zum Kino „Charlott“

Potsdam hat wieder Kontakt zum Eigentümer Verhandlungen zum Kino „Charlott“

Nach monatelanger Funkstille hat das Potsdamer Rathaus wieder Kontakt zum Eigentümer des Grundstücks mit dem 1998 geschlossenen Traditionskino „Charlott“ an der Zeppelinstraße. Es gebe „erste Pläne für ein Nutzungskonzept“, sagte Sprecher Jan Brunzlow, ohne genauer zu werden. Das Kinogebäude und die benachbarte Villa stehen unter Denkmalschutz.

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Das „Charlott“-Kino in der Zeppelinstraße wurde 1998 geschlossen.

Quelle: Volker Oelschläger

Potsdam/Brandenburger Vorstadt. Zwei Sessel stehen neben blauen Müllsäcken im zugesperrten Eingang des alten Kinos. Seit Jahren schon. Sie sind mit einer dünnen Grünschicht überzogen – ebenso wie die drei Stufen hinunter zu dem von Gras und Gestrüpp überwucherten Vorplatz. 1998 lief der letzte Abspann im „Charlott“. Im Internet gibt es Aufnahmen vom verwüsteten Foyer: Im Dunkel an der Wand werben noch immer Plakate für „Sleepers“ (USA 1996) und „Das Boot“ (D 1981/1997).

2004 wurden das Kino und die benachbarte Gründerzeitvilla versteigert. Vom Eigentümer gab es seither noch nie eine öffentliche Erklärung seiner Absichten. Auch am Montag war er nicht zu erreichen. Doch mit der Stadt ist er wieder im Gespräch. Es gebe „erste Pläne für ein Nutzungskonzept“, so Rathaussprecher Jan Brunzlow auf Anfrage: Im Februar sei es „zur Beurteilung“ bei der Stadt eingereicht worden. Das ist ein Fortschritt, nachdem Stadtkonservator Andreas Kalesse Ende 2015 im Kulturausschuss mitgeteilt hatte, dass es seit Monaten keinen Kontakt mehr gegeben habe.

Was der Eigentümer plant, wollte Brunzlow nicht sagen. „Prinzipiell möglich“ sind nach früheren Auskünften der Stadt „Wohn- und gewerbliche Nutzungen“.

Errichtet wurde das Gebäude als Ballsaal für den 1890 eröffneten „Victoria-Garten“. Eine historische Postkarte zeigt die Villa mit Gartentischen unter blühenden Bäumen, dazu in Fraktur: „Während der Sommermonate sonntäglich Grosse Militär-Concerte.“

Unter Denkmalschutz stellte man das „Charlott“ 1977, weil der Saal bis zur Novemberrevolution 1918 größte Versammlungsstätte der Potsdamer Arbeiterbewegung war. Eine 1965 angebrachte und ebenfalls unter Schutz gestellte Tafel zur Erinnerung an Auftritte der Arbeiterführer Karl Liebknecht, August Bebel und Paul Singer „gegen Imperialismus, Militarismus und Krieg“ ist seit 2009 verschollen.

Als 1934 das „Charlott“-Lichtspielhaus eröffnete, waren viele Kinos der ersten, um 1910 entstandenen Generation bereits wieder zu. Bis in unsere Tage hielt sich nur das 1912 zunächst als „Residenz-Lichtspiele“ eröffnete „Melodie“ in der Friedrich-Ebert-Straße, das 2004 aufgegeben wurde. Zur zweiten Generation zählt das „Thalia“ in Babelsberg, das Ende 2017 seinen 100. Jahrestag hat. Das „Charlott" steht mit dem 1929 in der Französischen Straße eröffneten „Alhambra“ und dem 1940 am Leipziger Dreieck in Betrieb genommenen „Bergtheater“ für eine dritte Generation von Kinos in Potsdam.

Recherchiert wurde das Werden und Vergehen der Potsdamer Kinolandschaft von der Historikerin Jeanette Toussaint, deren Kindheit eng mit dem „Charlott" verbunden ist. An der Kasse kaufte sie Schauspielerpostkarten mit exotischen Namen wie Cox Habbema. Und vor den Kinofilmen gab es Werbung für die Musik, die lief, als der Saal sich füllte: „Diese Musik erhält man in der Disco-Service-Verkaufseinrichtung.“

Als Zwölfjährige war Jeanette Toussaint Kleindarstellerin für den Defa-Kinderfilm „Ottokar der Weltverbesserer“ (DDR 1977). Mit ihrer Schulklasse stürmte sie aus dem „Charlott“ die Stufen hinunter auf den sonnigen Vorplatz. Eine Erinnerung hat sie daran: „Ich war sehr eitel. Ich habe meine Brille für den Film nicht aufgesetzt.“

Jeanette Toussaint hat die Geschichte der Potsdamer Kinolandschaft erforscht

Jeanette Toussaint hat die Geschichte der Potsdamer Kinolandschaft erforscht.

Quelle: V.O.

Fast hätte das „Charlott“ Theatergeschichte geschrieben. 1946 prüfte man den Umbau zum Operettenhaus. 1964 riss man die Kinoklause ab, eine kleine Kneipe gleich nebenan. In der Villa war die Kreisfilmstelle untergebracht.

Im Sommer 1988 stürzte das Dach ein. Das „Charlott“ wurde saniert und öffnete wieder zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989 – fast zeitgleich mit der ersten Protestdemonstration des Wendeherbstes auf der Brandenburger Straße, die noch von der Polizei auseinandergetrieben wurde. Zum Schluss hatte das Kino drei Säle mit 376, 65 und 78 Plätzen.

Bei einer aktuellen MAZ-Umfrage zur Brandenburger Vorstadt sprach sich eine große Mehrheit dafür aus, dass das ehemalige Kino „Charlott“ wiederbelebt wird und die Stadt mit dem Eigentümer verhandelt. Ein Stadtteilkino oder ein Kulturzentrum wäre ein schöne Bereicherung, finden die Befragten. Viele beklagen, dass das Haus zum Schandfleck geworden sei. Dass die Stadt sich raushalten soll, fanden die Wenigsten.

Von Volker Oelschläger

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