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Wider das tierische Elend

Volksbegehren gegen Massentierhaltung Wider das tierische Elend

Schweine, die sich gegenseitig die Schwänze abfressen, Hühner, die einander totpicken: In der Massentierhaltung sind solche Zustände Normalität. Dagegen hat sich ein Aktionsbündnis formiert und ein Volksbegehren auf den Weg gebracht. Bis zum 14. Januar können die Brandenburger noch ihre Unterschrift leisten – in der Region haben das schon 5800 Menschen getan.

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Wenn Schweine in zu kleinen Ställen gehalten werden, beißen sie sich gegenseitig die Schwänze ab. Um das zu vermeiden, werden den Tieren in großen Mastbetrieben die Schwänze kurz nach der Geburt amputiert.

Quelle: foto: Dpa

Dahmeland-Fläming. Gehören riesige Schweinemastanlagen und Hühnerfarmen mit Tausenden von Tieren bald der Vergangenheit an? Die Initiatoren und Unterstützer des Volksbegehrens gegen Massentierhaltung in Brandenburg arbeiten jedenfalls hart daran. Bis zum 14. Januar muss das Organisationsbündnis aus Umweltschützern, Biobauern und Bürgerinitiativen 80 000 Stimmen sammeln, um den Landtag in Potsdam zu einer erneuten Befassung mit dem Thema zu zwingen.

Und die Graswurzelbewegung hat allen Grund zum Optimismus: Zur „Halbzeit“ Mitte Oktober waren schon knapp 32 000 Stimmen aus dem gesamten Bundesland beisammen, mit den knapp 9000 noch ausstehenden Briefwahlunterlagen ergäbe das mehr als die Hälfte des geforderten Quorums. Allein in der Region Dahmeland-Fläming haben aktuell schon rund 5800 Menschen gegen die Massentierhaltung unterschrieben, wie eine MAZ-Umfrage ergab. Ein Erfolg der Initiative könnte die Landwirtschaft in Brandenburg grundlegend verändern.

„Gefühlsmäßig stehen schon viele Politiker auf unserer Seite, das erleben wir in Gesprächen immer wieder“, sagt Marianne Frey von der Bürgerinitiative „Keine Massentierhaltung Am Mellensee”, die zu den Organisatoren gehört. „Aber sie stehen unter Fraktionszwang und darum muss das Volksbegehren ein Erfolg werden.“

 

Hintergrund

Für die Teilnahme am Volksbegehren gegen Massentierhaltung gibt es zwei Möglichkeiten: In den örtlichen Bürgerämtern liegen Unterschriftenlisten aus, in die man sich eintragen kann. Oder man lässt sich die nötigen Unterlagen wie bei der Briefwahl nach Hause schicken. Das Volksbegehren läuft noch bis zum 14. Januar.

Auf der Homepage des Aktionsbündnisses gegen Massentierhaltung lassen sich die benötigten Unterlagen ebenfalls anfordern:

volksbegehren-massentierhaltung.de

Gibt man bei Google Maps den Suchbegriff „Mast- und Zuchtbetrieb Brandenburg“ ein, erscheint eine sehr aufschlussreiche Ansicht: Eine Brandenburg-Karte, auf der mit Fähnchen markiert ist, wo im Land sich welche Art von Tierbetrieb befindet, wie viele Tiere dort gehalten werden und ob es laufende Klagen gibt.

In der Region wurden die meisten Unterschriften gegen Massentierhaltung bislang in Schulzendorf abgegeben: 738 Menschen haben sich nach aktuellem Stand dort eingetragen.

Das laufende Volksbegehren ist schon der zweite Anlauf des „Aktionsbündnisses Agrarwende Berlin-Brandenburg“ gegen die Zustände in der Viehwirtschaft. Mit der Volksinitiave „Stoppt Massentierhaltung“ hatten es die Umweltschützer mit ihrer Agenda schon einmal in den Potsdamer Landtag geschafft, doch der lehnte die Forderungen im März dieses Jahres mehrheitlich ab.

Dabei sind die Forderungen des Bündnisses keineswegs radikal: Größere Ställe mit weniger Tieren, damit sich Schweine nicht mehr gegenseitig die Schwänze abbeißen oder Hühner einander totpicken. Bisher werden Schweinen die Schwänze und Hühnern die Schnäbel gekürzt, um das zu verhindern. Auch dieses sogenannte Kupieren soll gesetzlich verboten werden. Außerdem fordert das Bündnis die Einsetzung eines unabhängigen Tierschutzbeauftragten und ein Klagerecht für Umweltverbände, um Tierrechte auch gerichtlich einklagen zu können.

Sollte das Volksbegehren ein Erfolg werden, der Landtag die Forderungen aber erneut zurückweisen, bliebe als dritte Stufe ein Volksentscheid. Dann würden die Brandenburger direkt entscheiden, wie es mit der Tierhaltung im Land weitergeht.

Dabei sehen sich die Vertreter des Aktionsbündnisses keineswegs als Gegner der Landwirte: „Es stimmt einfach nicht, dass es ohne Massentierhaltung nicht geht“, sagt zum Beispiel Volker Woltersdorff, ein Unterstützer des Volksbegehrens, der in Blankenfelde-Mahlow selbst einen kleinen Biobauernhof betreibt. „Global betrachtet werden die meisten Menschen von Kleinbauern ernährt.“ Die Massentierhaltung sei nur deshalb rentabel, weil die volkswirtschaftlichen Kosten nicht im Preis für billiges Fleisch enthalten sind: überdüngte Böden, Klimaschäden, oder die Züchtung resistenter Keime durch den Einsatz von Antibiotika.

Die Verfechter der konventionellen Landwirtschaft unterstellen den Gegnern der Massentierhaltung oft ein romantisiertes Bild von der Landwirtschaft, das mit der Realität nichts zu tun hat. Das aber lässt Volker Woltersdorff nicht gelten: „Es ist falsch zu glauben, dass Landwirte keine Sensibilität für ihre Tiere hätten und es ihnen nichts ausmache, Kühe zu enthornen oder Schweine zu kupieren.“ Aber es koste eben Geld, größere Ställe zu bauen, um die Tiere artgerecht halten zu können.

Auch wenn die Forderungen der Umweltschützer bislang noch nicht Gesetz geworden sind, erfolglos ist ihr Engagement nicht. Unter dem Druck einer zunehmend kritischen Öffentlichkeit haben sich inzwischen mehrere große Handelsketten wie Aldi, Lidl, Rewe und Edeka zur sogenannten „Initiative Tierwohl“ zusammengeschlossen: Von jedem verkauften Kilogramm Fleisch zahlen die Handelsunternehmen vier Cent extra an solche Produzenten, die ihre Ställe tierfreundlicher ausbauen als es der Gesetzgeber verlangt. Für Woltersdorff ist das nur ein Anfang: „Aber das Tierwohl muss auch gesetzlich verankert werden, damit es keine Schlupflöcher gibt.“ Gegen billiges Fleisch aus Investorenbetrieben könnten Kleinbauern, die auf das Tierwohl achten und so teuer produzieren, ansonsten nicht konkurrieren.

Gesetze sind das eine, doch ohne einen Bewusstseinswandel bei den Verbrauchern wird es nicht gehen, sagt die Architektin Marianne Frey. „Die Werbung gaukelt den Menschen eine heile Welt vor, aber der Preis des billigen Fleisches ist die Gesundheit. Darum machen wir weiter, um den Blick der Leute für die Schäden der Massentierhaltung zu schärfen.“

Der Kulturwissenschaftler und Biolandwirt Volker Wolterdorff kann diesen Kulturwandel bereits erkennen. „Beim Thema Ernährung verändert sich gerade viel, das Bewusstsein dafür wächst“, sagt der 44-Jährige. „Noch spielt sich das in einem kleinen Milieu ab, das ist ein sehr langsamer Prozess. Aber ich hoffe, er ist schnell genug, bevor uns die Folgen dazu zwingen, anders zu wirtschaften.“

Von Martin Küper

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