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Juden gegen die "Kirche der Schande"

Wiederaufbau Garnisonkirche Juden gegen die "Kirche der Schande"

Zum ersten Mal schalten sich auch die Potsdamer Juden in den Streit um die Garnisonkirche ein - mit scharfer Kritik. Als „Kirche der Schande“ bezeichnet die Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde das Gotteshaus, dessen Wiederaufbau seit Jahren von einer Stiftung vorangetrieben wird.

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Die Kapelle der Garnisonkirche in der Breiten Straße in Potsdam.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Zum ersten Mal haben sich nun Potsdamer Juden zum Wiederaufbauprojekt Garnisonkirche geäußert – mit scharfer Kritik: Als „Kirche der Schande“ bezeichnet die Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde in einer Erklärung das Gotteshaus, dessen Wiederaufbau seit Jahren von der Garnisonkirchenstiftung vorangetrieben wird: „Schon allein das Vorhaben des Wiederaufbaus schadet dem nationalen und internationalen Ansehen der Stadt Potsdam und sorgt für tiefste Enttäuschung bei weiten Teilen der jüdischen Bevölkerung“, schreibt der Vorstand rund um Shimon Nebrat.

Grund für die scharfe Ablehnung ist der „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933, an dem in der Kirche der Festakt zur konstituierenden Sitzung des nationalsozialistisch dominierten Reichstags stattfand. Die Gesetzestreue Gemeinde sieht den Ort als stigmatisiert an: „Holocaustmuseen in der ganzen Welt zeigen Bilder von Hitler und Hindenburg vor der Garnisonkirche, die die Menschheit an den ,Tag von Potsdam’ erinnert, mit dem in dieser Kirche die Katastrophe begann. International wird die Garnisonkirche oft als Geburtsstätte des Dritten Reiches angesehen“, heißt es in der Erklärung.

Orthodoxe Juden in Potsdam

  • Die Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde wurde im Januar 1999 gegründet. Sie hat nach offiziellen Angaben 255 Mitglieder. Die Gemeinde warf der Landesregierung immer wieder vor, den Wiederaufbau jüdischen Lebens in Brandenburg nur unzureichend und einseitig zu fördern.
  • In Potsdam gibt es drei orthodoxe jüdische Gemeinden: Neben den „Gesetzestreuen“ sind das die Jüdische Gemeinde und die Synagogengemeinde. Dem liberalen Judentum gehört „Beth Hillel“ an, die „Jüdische Studierenden- und Hochschulgemeinde“ an der Universität Potsdam; sie will allen religiösen Ausrichtungen des Judentums ein Dach bieten.
  • Das orthodoxe Judentum – von Griechisch orthós (richtig) und dóxa (Lehre), also „der rechten Lehre angehörend“ – ist eine der Hauptströmungen des heutigen Judentums. Die Bezeichnung entstand im 19. Jahrhundert als Abgrenzung zum damals neu entstehenden Reformjudentum. Das orthodoxe Judentum hält fest an den tradierten Wurzeln der gesamten Tora, der heiligen Schrift. Die Autorität der Tora ist prägend für das orthodox jüdische Leben, das als ein ganzheitlicher Gottesdienst verstanden wird.
  • Als Jude gilt im orthodoxen Judentum, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde oder nach den Regeln der Orthodoxie übergetreten ist.

Die Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde, die ihren Sitz in Potsdam hat, gehört der streng orthodoxen Richtung innerhalb des Judentums an. In ihrer Erklärung geht sie auch hart ins Gericht mit der Garnisonkirchenstiftung, die das Gotteshaus als Ort der Versöhnung wiedererrichten will. Die Versöhnungsidee laufe im Hinblick auf orthodoxe Juden komplett ins Leere: „Wenn es den Initiatoren tatsächlich um eine Kirche als Versöhnungszentrum geht, müssen sie wissen, dass Juden keine Kirchen betreten dürfen und betreten werden.“

Anstatt „Symbole der schrecklichsten Zeit der deutschen Geschichte wiederaufzubauen“, sollten im Zeichen der Versöhnung lieber jüdische Einrichtungen gebaut werden, schreiben die „Gesetzestreuen“ weiter: „Wir wünschen uns, dass an dieser Stelle ein jüdischer Kindergarten aufgebaut wird. Das wäre die richtige Antwort an Hitler und Goebbels und ihre heutigen Anhänger, von denen es leider immer zu viele in diesem Land gibt.“
Die Vision der „Gesetzestreuen“: „Dass unter jedem dieser Bilder in den Holocaustmuseen die Unterschrift zu lesen wäre: ,Heute steht auf diesem Platz ein jüdisches Zentrum’. Das würde das Ansehen der Landeshauptstadt Potsdam stärken.“ In ihrer Erklärung sprechen die „Gesetzestreuen“ außerdem dem aktuell laufenden Bürgerbegehren gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche ihre Sympathie aus, verbunden mit der Hoffnung, dass es „zum gewünschten Erfolg führt“.

Für die Initiatoren des Bürgerbegehrens, das aktuell bei mehr als 13800 Unterschriften liegt, ist die Kirche ebenfalls ein „negativer Symbolbau“ mit „militaristischer Symbolik“.

Das Garnisonkirchenprojekt wird seit 2004 – seit dem „Ruf aus Potsdam“ – von der evangelischen Landeskirche vorangetrieben. Unter anderem soll hier künftig nach dem Willen der im Jahre 2008 gegründeten Kirchenstiftung eine kritische Auseinandersetzung mit dem „Tag von Potsdam“ stattfinden. Bislang fehlen allerdings noch 28 Millionen Euro, weshalb der für dieses Frühjahr geplante Baustart wieder auf Eis gelegt werden musste.

Von Ildiko Röd

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