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„Sie sollten sich an die eigene Nase fassen“

Garnisonkirchenstiftung wehrt sich gegen Vorwürfe „Sie sollten sich an die eigene Nase fassen“

Wieland Eschenburg, Sprecher der Stiftung Garnisonkirche, kritisiert im MAZ-Gespräch die Dialogfähigkeit der Bürgerinitiative „Potsdam ohne Garnisonkirche“. Sein Vorwurf: Die Initiative würde Angebote zum Hintergrundgespräch ablehnen und stattdessen nur über „Vermeintliches“ reden. Solche Kritik könne er aber nicht ernst nehmen.

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Wieland Eschenburg ist der Sprecher der Stiftung Garnisonkirche.

Quelle: Köster

Innenstadt. Stiftungssprecher Wieland Eschenburg nimmt Stellung zu den Vorwürfen, die Garnisonkirchenstiftung betreibe Liebedienerei gegenüber Putin. Der Hintergrund: Am 17. November wird in der russischen Botschaft ein Benefizkonzert veranstaltet, bei dem Spenden zugunsten des Wiederaufbaus gesammelt werden. Die BI „Potsdam ohne Garnisonkirche“ hatte kürzlich in einer Satire-Aktion mit einem „falschen Putin“ dagegen protestiert. Nun reagiert der Stiftungssprecher – und bekräftigt außerdem: Den Garnisonkirchturm wird es außen nur in seiner historischen Form geben. Modern soll er lediglich im Innern werden.

MAZ: Das Benefizkonzert zugunsten des Garnisonkirchen-Wiederaufbaus, das am 17. November in der russischen Botschaft stattfindet, erregt die Gemüter in Potsdam. Sollte man sich seine Unterstützer für den Wiederaufbau nicht doch besser aussuchen?

Wieland Eschenburg: Tatsache ist, dass die Stiftung Garnisonkirche Potsdam die Kooperation mit und Unterstützung von verschiedenen Botschaften als Vertreter ihrer Länder für den Wiederaufbau der Garnisonkirche sucht. Im nächsten Jahr werden wir zum Beispiel das Gespräch mit der US-Botschaft suchen. Es gab auch schon Veranstaltungen mit der britischen und französischen Botschaft – jeweils mit ganz unterschiedlichen Formaten: von Vorträgen bis hin zur vielbeachteten Signatur des Spenderziegels durch die englische Königin. Jetzt ist es das Benefizkonzert mit Jochen Kowalski und dem Vogler-Quartett, das ein Programm mit russischen Kompositionen präsentiert.

Dennoch: Sollte man sich das vor dem Hintergrund der russischen Politik nicht etwas genauer überlegen?

Eschenburg: Die Frage ist doch: Gibt es in Verbindung mit dem Konzert Erwartungshaltungen an uns? Die gibt es von Seiten der russischen Botschaft nicht. Wir wollen miteinander, aber nicht nach dem Munde reden. Natürlich wollen wir, dass Familien auf beiden Seiten der russisch-ukrainischen Grenze wieder in Frieden ihr Leben gestalten können. Wir sind auch nicht für völkerrechtliche Annexionen. Unserer Auffassung nach sollte der zivilgesellschaftliche Dialog gestärkt und geführt werden. Wo waren denn diese Kritiker am Dialog, als kürzlich der Petersburger Dialog in Potsdam stattgefunden hat? Unser Ziel des Friedens- und Versöhnungszentrums in der Garnisonkirche würden wir nie verwässern lassen – da muss man einfach von Seiten der Kritiker die Kirche im Dorf lassen. Unsere Stiftung sucht satzungsgemäß den Austausch, das Gespräch und den Dialog. Vor diesem Hintergrund entstand schon vor vielen Monaten der Gedanke zu diesem Konzert. Wir wollen mit dem Konzert für den Wiederaufbau der Garnisonkirche als Friedenszentrum werben.

Also alles Friede, Freude, Eierkuchen?

Eschenburg: Nein, natürlich wird an diesem Abend auch etwas von Seiten der Stiftung zur aktuellen Situation gesagt. Übrigens: Diejenigen, die am 11.11. das Benefizkonzert in der russischen Botschaft mit ihrer Aktion vor der Nagelkreuzkapelle karikiert haben, sollten sich in Sachen Dialogfähigkeit einmal an die eigene Nase fassen. Ich habe der BI „Potsdam ohne Garnisonkirche“ in einer ruhigen Gesprächsrunde angeboten, unsere Motivation und unser Vorhaben insgesamt darzulegen, denn man sollte meines Erachtens nicht über „Vermeintliches“ reden, über das, was wir angeblich tun, sondern direkt mit uns reden. Wenn dieses Gesprächsangebot nicht angenommen wird, dann kann ich deren Kritik nicht so ernst nehmen, wie ich es gerne tun würde. Bevor man jemanden kritisiert, sollte man die Frage nach den Beweggründen seines Handelns stellen.

Tagesgespräch neben dem Benefizkonzert und wohl langfristig wichtiger ist das Statement, das Landesbischof Markus Dröge jüngst am Rande der Landessynode zum Wiederaufbau der Garnisonkirche abgegeben hat. Er plädiert nun dafür, dass der Wiederaufbau der Kirche nicht zur Gänze nach historischem Vorbild erfolgen soll. Bedeutet das, dass irgendwann ein moderner Garnisonkirchturm an der Breiten Straße steht?

Eschenburg: Nein. Ich bin Bischof Dröge sehr dankbar, dass er ein offenes Wort vor der Synode gesprochen hat. Er plädiert für den historischen Wiederaufbau des Turms und dazu einen Stilbruch beim Wiederaufbau des Kirchenschiffs. Zum Bau des Turms gibt es ja einen gültigen Beschluss: Er soll in historischer Gestalt wiedererstehen. Im Inneren des Turms gibt es schon aufgrund der neuen Nutzung einen ganz deutlichen Bruch mit der Vergangenheit.

Noch einmal gefragt: Der Turm wird also außen ohne „architektonische Brüche“ aufgebaut?

Eschenburg: Wir haben abgestimmte Klarheit für unser Vorhaben, den Turm im Äußeren in seiner historischen Gestalt und im Inneren mit einer modernen vielfältigen Nutzungskonzeption zu bauen. Dafür haben wir die Baugenehmigung, die Zustimmungen in Stiftung und Fördergesellschaft und freuen uns auf die Umsetzung. Der „Bruch“ mit der Vergangenheit wird in diesem Konzept inhaltlich und baulich schon ganz deutlich.

Und welche Vorstellungen gibt es für das Kirchenschiff?

Eschenburg: Für das Schiff braucht es eine eigene Idee. Da ist es legitim, das Konzept der Stiftung weiterzudenken. Die Stiftung ist momentan absolut auf den Wiederaufbau des Turms konzentriert.

Ist das Kirchenschiff aus Ihrer Sicht also verzichtbar?

Eschenburg: Nein, die städtebauliche Situation ruft auch an dieser Stelle nach einer Bebauung, aber das ist im Moment nicht unser Thema, wir sind ja mit dem ersten Bauabschnitt des Gesamtvorhabens, nämlich mit der Errichtung des Turmes, befasst. Aber wenn es einen ersten Bauabschnitt gibt, sagt ja schon das ganz klar aus, dass es danach weitergehen soll.

Der Bischof plädiert nun für ein Kirchenschiff in modernem Gewand. Aber die Fördergesellschaft für den Wiederaufbau hatte in den letzten Jahren immer den originalgetreuen Aufbau des Schiffs zur Grundbedingung erklärt. Zeichnet sich da ein Bruch mit den Unterstützern der ersten Stunde ab?

Eschenburg: Nein, keineswegs. Die Fördergesellschaft unterstützt doch auch das Konzept für den Turm, der außen in der historischen Form wieder errichtet wird und innen völlig anders ist. Die Diskussion um die exakten Fragen der Gestalt des weiteren Baukörpers werden wir führen, wenn es eine Idee dafür gibt und nicht den Bruch um des Bruches willen vorab in irgendeiner Form zementieren. Ich bin mir sicher, dass der Anregung, den Bruch mit der Vergangenheit durch architektonische Lösungen zu verdeutlichen, viele Sympathisanten zustimmen werden und freue mich auf die kommenden Gespräche.

Von Ildiko Röd

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