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Farbfotos zeigen Garnisonkirche vor Sprengung

Die Mauern und die Pfeiler standen noch Farbfotos zeigen Garnisonkirche vor Sprengung

Der Abriss der Garnisonkirche 1968 gilt vielen als Kulturbarbarei. Der ausgebrannte Turm stand fest und wäre restaurierbar gewesen. Jetzt sind Fotos aufgetaucht, die die Kirche am Tag vor der Sperrung zeigen und beweisen: Das Schiff des Gotteshauses hätte man erhalten können.

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Blick in das Kirchenschiff.
 

Quelle: Saretz

Potsdam.  „Man kann Geschichte nicht auslöschen, indem man ein Bauwerk auslöscht“, sagt Ex-Ministerpräsident Manfred Stolpe: „Und die Garnisonkirche kann nichts für die Geschichte, mit der es dauernd so plakativ verknüpft wird.“ Sie sei ein „Beweis für Stabilität und Zeitlosigkeit“ gewesen, findet das Kuratoriumsmitglied der Garnisonkirchenstiftung, kein Symbol der Nazi-Diktatur, die am 21. März 1933 hier ein Schauspiel inszenierte zwischen Reichskanzler Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg; als „Tag von Potsdam“ ging es in die Geschichte ein – ein einziger Tag im damals schon fast 200-jährigen Dasein des Gotteshauses.

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Die spektakulären Fotos der Garnisonkirche nach der Kriegszerstörung stammen von Pfarrer Dietmar Saretz.

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Pfeiler könnten heute immer noch ein Dach tragen

Dass es auch nach dem Zweiten Weltkrieg und den schweren Bombentreffern vom 14. April 1945 sehr lebendig war, bewies die Heilig-Kreuz-Kapelle inmitten der Ruine; in ihr fanden von 1950 bis 1968 Gottesdienste und Gemeindeleben statt. Als der damalige Superintendent des Kirchenkreises Potsdam, Rolf Stubbe, den Friedenskirchgemeindepfarrer Saretz im Mai ’68 informierte, dass man die Garnisonkirche ab sofort nicht mehr nutzen dürfe, erbat sich Saretz vom Küster einen Schlüssel. Lebensgefährliche Leitern kletterte er hinauf bis zur letzten Flammenvase auf dem obersten Turmabsatz und richtete seine Praktica-Kamera nach unten ins ausgebrannte Schiff. Stabil wie Basaltsäulen ragten ihm die Pfeiler entgegen, die das Gewölbe und das Kirchendach getragen hatten und heute noch tragen könnten, wie Architekt Christian Wendland am Montag versicherte, als Stolpe von Saretz eine Sammlung von 70 Dias geschenkt bekam. Die Fotos zeigen nicht nur die Kirche kurz vor und nach den Sprengungen vom Mai und Juni 1968, sondern auch seltene Blicke über die Stadt, in der die Barockhäuser der Wilhelm-Külz-Straße, der heutigen Breiten Straße, noch standen; sie wurden gleichfalls platt gemacht für die „sozialistische Allee“.

Bürgerproteste gegen Abriss

Dass der damalige Student und heutige Architekt Christian Wendland bei weitem nicht der einzige Abrissgegner war, belegen Bürgerbriefe, die der Mitteschön-Verein jetzt im Landeshauptarchiv gefunden hat, „wäschekorbweise Proteste“, sagt Barbara Kuster: „Keiner weiß, was aus den Schreibern wurde.“

Einen besonderen Protest zeigt ein nun entdecktes Schreiben vom 14. März 1968: Aus dem VEB Geräte- und Reglerwerke Teltow, einem der zukunftsorientiertesten Elektronikkombinate der DDR, kam ein fünfseitiger Brief der Brigade „Kurt Tucholsky“ an den Rat der Stadt und SED-Oberbürgermeisterin Brunhilde Hanke. Ein Abriss der Garnisonkirche wäre „Versündigung“. Die Garnisonkirche habe hohen architektonisch-städtebaulichen Wert und sei unabdingbar für die Stadtsilhouette und das Stadtbild.

„Die Garnisonkirche ist der i-Punkt des Stadtpanoramas. Fällt er, verliert die ganze Stadt ihr Gesicht.“ Die Garnisonkirche abzureißen, würde bedeuten, „man muss dann auch Sanssouci abreißen“ – und das wäre ja wohl vollkommen absurd“. Der schwierigen deutschen Geschichte käme man so nicht bei.

Preußen sei nicht alleine schuld an der Katastrophe des Krieges. Selbst kleine deutsche Staaten und Großmächte wie Frankreich und Österreich seien „militaristisch-expansionistisch“ gewesen. Weder das Verteufeln der eigenen Geschichte noch das „Rosinenherauspicken“ für die Zwecke der eigenen Gegenwart seien hier angebracht.

Der Chef des sozialistischen Arbeiterkollektivs fährt fort: „Jedes Schulkind kennt bei uns die Wesensart des feudalistischen Staates. Und es bedarf keines Dynamits und keiner Planierraupen, um das zu demonstrieren.“ Ein „Bildersturm im 20. Jahrhundert würde uns alle nur lächerlich machen“.

Kirche wurde äußerst stabil gebaut

Dass Saretz überhaupt so hoch hinauf steigen konnte im ausgebombten Turm, liegt an dessen Stabilität, an der immens tiefen Pfahlgründung und den Ringankern, die jede Etage des Turmes sogar noch nach der ersten, missglückten Sprengung hielten, als nur eine Turmwand wegsackte, um einen Monat lang sich an den Rest des Turms zu lehnen. „Eine Peinlichkeit“, urteilt Manfred Stolpe: „Was haben die sich damals alles als Begründung für die Panne ausgedacht!“ Es sei genau so geplant gewesen, ließ man verlauten; niemand glaubte es.

Saretz zögert auf die Frage, ob er denn für den Wiederaufbau sei. Das sei nur im Miteinander von Kirche und Stadt zu machen, sagt er. Aber er habe die Sprengung als etwas „sehr Schmerzliches“ empfunden und glaube, dass die wiederaufgebaute Kirche eine „Lücke im Stadtbild Potsdams und im Bewusstsein der Potsdamer“ schließen könne. Er sehe den Nachbau als „Zeichen für Frieden und Toleranz“. Das Kirchenschiff sei auch als Ruine beeindruckend gewesen, erinnert Saretz sich an seine Foto-Pirsch. Man habe die Gewaltigkeit der Kirche noch fühlen können, berichtet Kabarettistin Barbara Kuster vom Mitteschön-Verein. Sie war als 10-jähriges Kind im Trümmerhaus mit den riesigen Pfeilern und mächtigen herumgekraxelt und weiß noch, wie die Hochzeit ihrer Großmutter war im damals noch intakten Gotteshaus. „Das war sowas wie Festungsmauerwerk“, beschreibt Stolpe die hartnäckige Stabilität der Kirche: „Es sollte wohl eine Art Schutzturm für den König sein“, sowas hätten viele Adelsfamilien in Italien sich gebaut, woher auch Friedrich der Große gern künstlerische Anleihen nahm.

Das Christian Wendland als damaliger Student gegen den Abriss der Kirche protestierte, haben viele schon gehört, nicht aber, dass ihn die Staatsoberen vier Stunden in die Zange nahmen und bekehren wollten. Wie er denn als Student an einer sozialistischen Hochschule „so ein Bauwerk der Reaktion“ schützen könne, wurde er gefragt. „Wieso?“ konterte er: „Das haben Arbeiter gebaut und auch Soldaten. Der olle König hat nur das Geld dafür gegeben.“

Von Rainer Schüler

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