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Diabetiker in Lehnin gehen auf die Barrikaden

Insulin Tresiba wird vom Markt genommen Diabetiker in Lehnin gehen auf die Barrikaden

Birgit Kriese (70) spritzt seit 30 Jahren. Sie benötigt die Diabetikerin aus Ragösen eine lebenslange intensivierte Therapie mit Injektionen. Vor einem halben Jahr wurde sie von ihrer Diabetologin auf ein neues Langzeitinsulin für die Nacht umgestellt. Trotz positiver Erfahrungen kommt jetzt die große Enttäuschung.

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Auf Tresiba eingestellt: Christine Reinhardt, Elke Abt, Birgit Kriese, Rosemarie Grünemeier, Gunter Köllner und Ulrich Stimming (v.l.) von der Selbsthilfegruppe Kloster Lehnin.
 

Quelle: Frank Bürstenbinder

Lehnin .  Birgit Kriese (70) spritzt seit 30 Jahren. Zu jeder Mahlzeit und vor dem Schlafengehen. Weil ihr Körper das lebenswichtige Hormon Insulin nicht selbst produziert, benötigt die Diabetikerin aus Ragösen eine lebenslange intensivierte Therapie mit Injektionen. Vor einem halben Jahr wurde sie von ihrer Diabetologin auf ein neues Langzeitinsulin für die Nacht umgestellt. Das heißt Tresiba und wird vom dänischen Pharmaunternehmen Novo Nordisk hergestellt.

Für Birgit Kriese war der Wechsel zu einem neuen Basalinsulin, das den Insulingrundbedarf deckt, eine positive Erfahrung. „Mein Allgemeinbefinden ist besser geworden. Außerdem fühle ich mich sicherer gegen Unterzucker in der Nacht. Und am Tage brauche ich weniger Einheiten Kurzzeitinsulin“, berichtet die Diabetikerin. Mit Tresiba habe sie wieder ein kleines Stück Lebensqualität hinzugewonnen. Mit einer Fünf-Patronen-Packung für 137 Euro aus der Apotheke kommt die Patientin über die Nächte der nächsten drei bis vier Wochen. Bis jetzt übernimmt ihre Krankenkasse die Kosten.

An den Arzt wenden

Insulin degludec (Handelsname Tresiba) ist seit Januar 2013 für Erwachsene mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes-mellitus zugelassen. Der Wirkstoff soll den Blutzuckerspiegel bis zu 24 Stunden kontrollieren. Tresiba wird mit einem zu den Mahlzeiten verabreichten kurzwirksamen Insulin kombiniert.

Weil Tresiba in Deutschland nur noch bis Ende September vertrieben wird, sollten sich betroffene Patienten zeitnah an ihren behandelnden Arzt werden, um eine rechtzeitige Therapieumstellung auf ein anderes langwirksames Insulin zu erreichen. Die AOK Nordost zum Beispiel informiert derzeit Ärzte und ihre Versicherten über den Sachverhalt.

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat 2014 geprüft, welche Vor- und Nachteile Tresiba als Einzeltherapie oder in Kombination im Vergleich zu bewährten Standardtherapien hat. Um diese Frage zu beantworten, legte der Hersteller damals keine geeigneten Daten vor, heißt es in einem IQWiG-Gutachten.

Doch jetzt kommt für Birgit Kriese und 40.000 andere in Deutschland auf Tresiba eingestellte Patienten die große Enttäuschung. Gut ein Jahr nach der Markteinführung stellt der Hersteller den Vertrieb dieses Insulins in Deutschland ein. Auch in Potsdam-Mittelmark gehen Diabetiker deshalb auf die Barrikade. Vorneweg die seit 25 Jahren bestehende Selbsthilfegruppe Kloster Lehnin.

Fast die Hälfte der rund 40 Mitglieder ist bereits auf Tresiba eingestellt. So wie die Vorsitzende Christine Reinhardt aus Lehnin und Rosemarie Grünemeier aus Nahmitz. Sie und andere Patienten berichten übereinstimmend, dass sie von positiven Eigenschaften des Produktes profitieren würden. Zuckerkranke aus Kloster Lehnin und Umgebung beteiligen sich an einer Onlinepetition und setzen Protestbriefe an Gesundheitspolitiker auf.

Krankenkassen argumentieren anders

Der Unmut richtet sich in erster Linie nicht gegen den Hersteller Novo Nordisk, sondern gegen den Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen. Dieser hat eine weitere Erstattungsfähigkeit ausgeschlossen, weil man sich mit dem Hersteller nicht auf einen Preis einigen konnte. „Es ist sehr schwer zu verstehen, warum der GKV-Spitzenverband unsere Angebote trotz deutlich reduziertem Listenpreis, zusätzlichen Rabatten und unterschiedlichen Vertragsmodellen abgelehnt hat“, teilte Novo Nordisk-Pressesprecher Sebastian Wachtarz mit.

Die Krankenkassen argumentieren dagegen etwas anders. So sei die Marktrücknahme der Herstellerfirma eine rein ökonomische Entscheidung des Unternehmens, teilte Gabriele Rähse, Pressesprecherin der AOK Nordost, auf Nachfrage mit. Sie verweist auch auf die Nutzenbewertung des Institutes für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesens (IQWiG) hin. Danach konnte kein Zusatznutzen des Langzeitinsulins Tresiba gegenüber Vergleichstherapien belegt werden. Auch wenn Patienten andere Erfahrungen gemacht haben. Selbst in der Ärzteschaft wird die Vertriebseinstellung bedauert.

 Jürgen Raabe, Chefarzt der Diabetologie in der Asklepios Klinik Birkenwerder und Mitglied des Medizinischen Beirates im Brandenburger Diabetikerbund sagt: „Unabhängig von den medizinischen Vorteilen haben sich viele Patienten und behandelnde Kollegen die Mühe gemacht und eine Umstellung auf Tresiba begonnen, um eine weitere Verbesserung der Einstellung und damit der Lebensqualität und vielleicht sogar der Prognose zu erreichen. Diese Hoffnungen werden jetzt enttäuscht.“

Auf belastende Rückumstellungen werden sich jetzt auch Birgit Kriese und ihre Mitstreiter in der Kloster Lehniner Selbsthilfegruppe einstellen müssen. Zwar wird Tresiba außerhalb Deutschlands weiter vertrieben, doch wer sich als Versicherter das Präparat im Ausland verschafft, kann in Zukunft nicht mehr mit einer Erstattung durch die Gesetzliche Krankenversicherung rechnen.

Von Frank Bürstenbinder

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