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Einjähriger wird nach Tod zum Organspender

Rettung für todkranke Kinder Einjähriger wird nach Tod zum Organspender

Schwere Entscheidung für die polnische Familie. Ihr nur ein Jahr alter Junge Józef (Name geändert) hatte nach einem schweren Verkehrsunfall bei Lehnin keine Chance, ins Leben zurückzukehren. Das Kind war schon klinisch tot, als er ins Klinikum Brandenburg eingeliefert wurde. Die Familie stimmte der Organspende zu – die Rettung für mehrere schwerkranke Kinder.

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Ein Transplantationsteam entnimmt einem Spender die noch intakten Organe.

Quelle: dpa

Brandenburg an der Havel. Eine schwere Entscheidung musste eine polnische Familie vor einigen Tagen im Brandenburger Klinikum treffen. Ihr kleiner Junge Józef (Name geändert) hatte nach einem schweren Verkehrsunfall bei Lehnin keine Chance mehr, ins Leben zurückzukehren. Das einjährige Kind war schon klinisch tot, als er ins Städtische Klinikum eingeliefert wurde.

Seine Angehörigen stimmten nach einigem Überlegen zu, dass ihr kleiner Schatz fremden schwerst kranken Kindern hilft, indem er Organspender wird. So etwas ist sehr selten. Im ganzen Jahr 2014 gab es in Deutschland nun zwei Organspender im Alter von bis zu einem Jahr, 2013 waren es fünf.

Das Leben des Babys aus Polen endete abrupt am Abend des 20. September. Das Kind war an dem Sonntagabend im Auto seiner 57 Jahre alten Urgroßmutter auf der Autobahn A 2 unterwegs gewesen. Beide waren auf der Durchreise. Bei einem Fahrstreifenwechsel zwischen dem Dreieck Werder und der Anschlussstelle Lehnin übersah die Frau am Steuer einen Reisebus. Ihr Auto stieß seitlich mit diesem Bus zusammen.

Familie will dem Tod nachträglich einen Sinn geben

Während die Fahrerin den Zusammenstoß überlebte, erlitt ihr einjähriger Urenkel ein nicht mehr zu heilendes Schädel-Hirn-Trauma, er war hirntot. So wie gesetzlich vorgeschrieben, untersuchten zwei Ärzte den kleinen Jungen im Abstand von 24 Stunden unabhängig voneinander. Am folgenden Donnerstag wurde dann der Tod des Kindes dokumentiert und bekannt gegeben.

Weil keine Hoffnung mehr bestand für den Kleinen, hatten Ärzte des Brandenburger Klinikums die Angehörigen auf die Möglichkeit einer Organspende hin angesprochen. Die Familie, gläubige Katholiken, wollten dem traurigen Ende ihres Kindes nachträglich einen Sinn verleihen und so stimmten sie zu. Mach Auskunft von Kinderchefarzt Hans Kössel ließen sie sich von der Hoffnung leiten, dass ihr verlorener Junge auf diese Weise wenigstens anderen schwer kranken Kindern helfen kann.

Die ermittelnde Staatsanwaltschaft Potsdam gab Józefs Leiche frei, wie Behördensprecher Christian Lange der MAZ bestätigt. Da das städtische Klinikum kein eigenes Transplantationsteam vorhält, reisten Spezialisten des Berliner Transplantationszentrums an und entnahmen die unversehrten Organe des Jungen: das Herz, die Nieren, die Leber.

Angehörige erhalten anonymisierten Dankesbrief

Kurze Zeit später hatten sie ihre Empfänger gefunden: Herz- und nierenkranke Kinder, deren verzweifelte Eltern in ständiger Angst und Sorge leben und nun neue Hoffnung schöpfen können „Die Spenderorgane konnten in der Tat anderen Menschen helfen, sie wurden transplantiert“, teilt Undine Samuel, die medizinische Direktorin von Eurotransplant, also der Organisation im niederländischen Leiden, Spenderorgane in ihren Mitgliedsländern Niederlande, Belgien, Luxemburg, Österreich, Slowenien, Kroatien und Deutschland vermittelt.

Welche Kinder nun dank Józef besser weiterleben können, darf Eurotransplant aus Datenschutzgründen nicht sagen. Józefs minderjährige Mutter und seine anderen Angehörigen werden aber in anonymisierter Form erfahren, wie die Organe ihres Jungen fremden Kindern geholfen haben. Deren Eltern wiederum haben die Möglichkeit – ebenfalls anonymisiert – einen Dankesbrief an die Lebensretter zu schicken.

Kinder werden auf der Warteliste bevorzugt

Dass Kinder zu Organspendern werden, geschieht nach Angaben von Chefarzt Kössel selten. Er erinnert sich auf das Brandenburger Klinikum bezogen nur an den etwa zehn Jahre zurückliegenden Fall eines verstorbenen Teenagers, dessen Organe entnommen werden durften.

Nur zwei Organspender im Alter von Józef habe es 2014 in ganz Deutschland gegeben, bestätigt Susanne Venhaus von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) Chefarzt Hans Kössels Erfahrung. Von den 826 Organspendern in dem Jahr in Deutschland waren bundesweit nur 26 jünger als 16 Jahre, also weniger als drei Prozent.

In den Mitgliedsländern von Eurotransplant stehen nach Angaben der medizinischen Direktorin Undine Samuel derzeit 14 641 Patienten auf der aktiven Warteliste für ein Organ, alleine in Deutschland 10 276 Patienten. Darunter befinden sich natürlich auch Kinder.

Die Niere ist das am häufigsten benötigte und transplantierte Organ. Etwa 8000 nierenkranke Menschen warten auf eine Spenderniere, ungefähr dreimal so viele Menschen, wie Transplantate vermittelt werden können.

Die durchschnittliche Wartezeit für eine Nierentransplantation liegt zwischen sechs und sieben Jahren.

Kinder werden auf der Warteliste bevorzugt. Die Dialyse hilft ihnen zwar zu überleben, doch ersetzt die „Nierenwäsche“ nie vollständig die Funktion eines intaktes Organs. Zudem sollten gerade Kinder nicht im Zustand einer permanenten Nierenvergiftung leben.

Spenderorgane müssen schnell transplantiert werden, ein Herz möglichst binnen vier Stunden, eine Niere binnen 24 Stunden. Immunologisch müssen die Organe zum jeweiligen Empfänger passen. Sonst stößt dessen Körper das Spenderorgan ab.

Von Jürgen Lauterbach

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