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Livestream zum Brutkasten

Service für Eltern von Frühgeborenen Livestream zum Brutkasten

Jedes zehnte Baby in Deutschland kommt zu früh zur Welt. Auch im Potsdamer Ernst-von-Bergmann-Klinikum werden die Winzlinge versorgt. Zum Welt-Frühgeborenen-Tag präsentiert die Kinderklinik nun eine Neuerung: den Livestream zum Kinderbettchen.

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Baby Timo. Über dem Bettchen wacht die Infrarot-Kamera.

Quelle: Fotos: Christel Köster

Potsdam. Timo ballt im Schlaf seine winzige Hand zu einer kleiner Faust. Dann dreht er sich ein Stück nach links unter der gelben Decke mit den Elefanten und Luftballons. Mutter Nadine Goßmann schaut auf den Laptop, den ihr ein Klinikmitarbeiter zeigt: Der Junge schläft, alles bestens. Der Techniktest hat funktioniert. Am Abend kann sich die 38-Jährige dann zu Hause vor dem eigenen Computer davon überzeugen, dass es ihrem Baby im Krankenhaus gut geht.

Bislang setzte nur Cottbus die Kameras ein

Pünktlich zum Welt-Frühgeborenen-Tag am Dienstag hat das Potsdamer Ernst-von-Bergmann-Klinikum einen besonderen Service für Eltern ins Leben gerufen: Per Videokamera kann die Familie rund um die Uhr am Bettchen oder Brutkasten des Frühchens anwesend sein. Die sogenannte NeoCam, eine Erfindung aus Australien, kam im Land Brandenburg bislang nur in Cottbus zum Einsatz. Nun können auch Potsdamer Eltern die neue Technik nutzen.

„Für Eltern, vor allem die Mütter von Frühchen, ist die Situation sehr belastend“, erklärt Kinderarzt Professor Thomas Erler. Das Baby, das man am liebsten bei sich zu Hause hätte, muss in der Klinik in fremde Hände gegeben werden. „Durch die Kamera kann Vertrauen zum medizinischen Personal aufgebaut werden“, meint Erler. „Die Eltern wissen immer, was passiert.“

Wichtige Bildung zwischen Mutter und Kind

Die Erfahrung der Ärzte: Wenn die Eltern besser in den Klinikalltag integriert sind, können die Kinder schneller nach Hause entlassen werden. Ständig am Babybett präsent zu sein, ist für die meisten Eltern aber nicht möglich. Da sind Geschwisterkinder, die Arbeit, der Haushalt. Und um Kraft zu tanken, wollen die Eltern auch mal Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen. „Das erzeugt dann bei vielen wiederum ein schlechtes Gewissen: Eigentlich sollte ich doch bei meinem Kind sein“, ergänzt Heidi Krüger, stellvertretende Pflegedirektorin des Klinikums Westbrandenburg, zu dem die Potsdamer Kinderklinik gehört. Oft seien Frühchen Wochen, wenn nicht gar Monate im Krankenhaus. Mit der Kamera baue die Klinik für die Eltern eine „Brücke zum Kind“ – mit womöglich spürbarem Effekt: Der Anblick des Babys verstärkt bei Müttern die Milchbildung. Die Mediziner sind zuversichtlich, dass das auch beim Blick auf den Bildschirm funktioniert.

Vier Kameras hat das Klinikum bislang installiert, auf eigene Kosten. Die Krankenkassen übernehmen diesen Service nicht. Gerne würde man alle Frühchenbetten mit der Übertragungstechnik ausrüsten, aber dazu sei man auf Spenden angewiesen, sagt der Ärztliche Direktor Thomas Erler. Eine Kamera koste rund 1500 Euro. Die Eltern benötigen nichts außer Computer, Laptop oder Smartphone: Über die Klinikwebseite loggen sie sich mit einem individuellen Passwort bei ihrem Kind ein – wann immer sie wollen.

„Das gibt mir ein Stück Sicherheit und Freiheit“, sagt Mutter Nadine Goßmann. Am 11. September kam Timo zur Welt. 14 Wochen früher als geplant, mit einem Gewicht von nur 800 Gramm. Eine Risikofrühchen. „Das war ein Schock“, sagt die Babelsbergerin. Die Wehen setzten plötzlich ein bei der 38-Jährigen. Notarzt. Kaiserschnitt. Baby im Inkubator. „Nach Hause zu gehen ohne sein Kind, das ist nicht einfach“, erzählt die Erzieherin. Timo hat den Brutkasten mittlerweile verlassen. „Er entwickelt sich gut“, sagt die Mutter. Aber davon will sie sich auch nachts, vor dem Einschlafen überzeugen können. Ein Gutenachtkuss per Livecam – bis Timo in zwei bis drei Wochen vielleicht endlich nach Hause kommt.

Zahl der Frühgeburten nimmt zu

Der Welt-Frühgeborenen-Tag wird jährlich am 17. November begangenen, um über Frühgeburten und die Folgen und Probleme aufzuklären.

60 000 Kinder werden deutschlandweit jährlich zu früh, sprich vor der 37. Schwangerschaftswoche, geboren. Das heißt jedes zehnte Neugeborene in Deutschland ist ein Frühchen. Als Frühstgeborene werden Babys bezeichnet, die vor der 30. Woche zur Welt kommen.

Als besondere Risikogruppe gelten Babys, die bei der Geburt weniger als 1500 Gramm wiegen.

Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die Zahl der Frühgeburten in fast allen Ländern steigend.

Ein möglicher Grund ist das zunehmende Alter der Mütter. Oft lässt sich aber keine genaue Ursache für verfrühte Wehen feststellen. Infektionen spielen häufig eine Rolle.

Im Land Brandenburg kommen jährlich rund 150 Kinder zu früh zur Welt. Die Kinderklinik in Potsdam als Teil des Klinikums Westbrandenburg versorgt im Schnitt auf ihrer Station 14 bis 16 Frühchen. Derzeit ist die Frühchen-Station in Potsdam voll belegt.

Wenn die Kapazitäten in Potsdam nicht mehr ausreichen, bietet das Klinikum Westbrandenburg in Brandenburg/Havel Plätze. Auch mit Berlin gibt es Kooperationen bei der Frühchen-Versorgung.

Von Marion Kaufmann

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