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Flüchtlinge sind ansteckend: Stimmt das Gerücht?

MAZ-Faktencheck Flüchtlinge sind ansteckend: Stimmt das Gerücht?

„Asylbewerber schleppen ansteckende Krankheiten ein“ oder „Flüchtlinge belasten unsere Krankenkassen.“ Viele Gerüchte machen immer mal wieder die Runde. Aber was ist dran an den Behauptungen? Die MAZ hat sie einem Faktencheck unterzogen.

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Flüchtlinge haben Anspruch auf medizinische Grundversorgung.

Quelle: dpa

Potsdam.  Brandenburger treffen auch in den Arztpraxen auf Flüchtlinge. Oft stoßen die Asylsuchenden auf Misstrauen, das zuletzt auch  durch eine Bekanntmachung des Jüterboger Bürgermeisters Arne Raue (parteilos) genährt worden war. Er hatte er vor Kontakten mit Flüchtlingen gewarnt, weil von ihnen die Gefahr ansteckender Krankheiten ausgehe. Hans-Joachim Helming, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburgs, hatte gar eine Tuberkulose-Welle nicht ausgeschlossen. Doch was ist dran an diesen Gerüchten?

BEHAUPTUNG: Flüchtlinge schleppen ansteckende Krankheiten nach Deutschland ein.

Andreas Gilsdorf , Infektionsspezialist am Berliner Robert-Koch-Institut (RKI): „Wir sehen im Moment keine Gefahr für die Allgemeinbevölkerung.“ Allerdings seien Asylsuchende nach strapaziöser Flucht oder in der Enge der Sammelunterkünfte für Infektionen anfälliger. RKI-Analysen zu Infektionskrankheiten in Flüchtlingsheimen der vergangenen Jahre ergaben, dass sich 90 Prozent der Erkrankten erst in Deutschland angesteckt haben. Flüchtlinge aus Ländern mit zerrüttetem Gesundheitssystem seien oft nicht ausreichend geimpft. Betreuern oder Helfern empfiehlt das RKI den persönlichen Impfschutz aufzufrischen – etwa gegen Masern oder Röteln.

Tankred Stöbe , ein Berliner Mediziner, der seit Jahren für „Ärzte ohne Grenzen“ unterwegs ist und zuletzt auf einem Flüchtlingsschiff im Mittelmeer war: „Für Deutschland besteht kein Anlass zur Sorge.“ Es gebe nur selten ernste körperliche Krankheiten, dafür aber viele Kinder und Jugendliche, die nach Krieg und Flucht an postraumatischen Belastungsstörungen litten.

Ezzat Loubani , Allgemeinmediziner in Teltow (Potsdam-Mittelmark), bestätigte der MAZ das häufige Auftreten von Depressionen und Schlafstörungen bei Asylsuchenden. Aber der Deutsch-Libanese hatte auch schon Patienten mit Allergien sowie ansteckendem Wurmbefall, Tbc und HIV.

Allgemeinmediziner Ezzat Loubani diagnostiziert immer wieder Depressionen und Schlafstörungen bei Flüchtlingen

Allgemeinmediziner Ezzat Loubani diagnostiziert immer wieder Depressionen und Schlafstörungen bei Flüchtlingen.

Quelle: Krause

BEHAUPTUNG: Durch Flüchtlinge werden wir mit Krankheiten konfrontiert, die bei uns längst ausgerottet sind oder die es hier vorher nie gab.

Dafür gibt es bis jetzt keine Anzeichen, aber das Thema ist im Blick: Das Robert-Koch-Institut hat zu seltenen Krankheiten Hinweise für Mediziner veröffentlicht. Gelistet sind unter anderem das Lassafieber und Typhus. Die Rede ist auch immer wieder von Kinderlähmung (Polio). Während die gefürchtete Krankheit bei uns ausgerottet ist, gibt es etwa in Afghanistan oder Pakistan immer wieder Fälle. Ist das ein Problem?

Dr. Werner Bär , Mikrobiologe und Experte für Polio am Carl-Thiem-Klinikum: „Gefährdet sind Menschen in Krisengebieten mit unzureichender Gesundheitsversorgung.“ In Deutschland sieht Bär durch Asylsuchende keine erhöhten Ansteckungsrisiken, wie er der „Lausitzer Rundschau“ sagte.

Anamnese in der Erstaufnahme

Asylbewerber sind nicht krankenversichert. Da der Staat für die Gesundheitsversorgung aufkommt, liegen die Ausgaben auch rund zehn Prozent niedriger als die für Hartz-IV-Bezieher. Ein alleinstehender erwachsener Asylsuchender bekommt 216 Euro Grundsicherung und 143 Euro Taschengeld – zusammen 359 Euro. Zum Vergleich: Der Regelsatz für Hartz IV liegt derzeit in Brandenburg bei 399 Euro.

Der Gesundheitscheck umfasst mehrere Elemente. Dazu gehören laut Gesundheitsministerium die Erhebung der Anamnese (Befragung zu bisherigen Erkrankungen oder Medikamenten), eine Impfanamnese, eine körperliche Untersuchung sowie – abhängig vom Alter – Untersuchungen zum Ausschluss einer Lungentuberkulose.

In Deutschland müssen grundsätzlich alle Personen, die in eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge und Asylbewerber oder in eine Erstaufnahmeeinrichtung des Bundes für Spätaussiedler aufgenommen werden sollen, ein ärztliches Zeugnis darüber vorlegen, dass es bei ihnen keine Anhaltspunkte für das Vorliegen einer ansteckenden Lungentuberkulose gibt

Impfungen gemäß den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission werden auch Asylbewerbern gewährt. Innerhalb der Erstuntersuchung werden der Impfstatus geprüft und die Asylbewerber auf eine erforderliche Impfung hingewiesen, die dann auch in der Zentralen Erstaufnahmestelle des Landes in Eisenhüttenstadt erfolgt. Die Kosten trägt das Land.

Christian Wehry , Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburgs (KV): „Es gibt vermehrt Fälle von Krätze und Kopfläusen, die vor allem in den Massenunterkünften auftreten.“ Darüber sei auf Weiterbildungsveranstaltungen der KV berichtet worden, an denen 250 Ärzte und Psychotherapeuten teilgenommen hätten.

BEHAUPTUNG: In einigen Brandenburger Flüchtlingsheimen ist Tuberkulose aufgetreten. Die Krankheit wird sich weiter ausbreiten, auch weil bei der Erstaufnahme Fälle unerkannt durchrutschen.

Andreas Gilsdorf , Koch-Institut: „Das ist etwas, worauf wir achten müssen.“ Noch sei keine Gefahr im Verzug. Langfristig könnte sich der Zuzug von Menschen aber auf die Tbc-Zahlen auswirken.

Dr. Matthias Kretzschmar , Chefarzt für Innere Medizin am Krankenhaus Eisenhüttenstadt (Oder-Spree) und zuständig für den Gesundheitscheck in der Erstaufnahme: „Es wird kein Asylsuchender weiterverlegt, bei dem nicht eine Untersuchung zum Ausschluss einer Tuberkulose erfolgt ist.“

Marina Ringel , Sprecherin im Gesundheitsministerium: „Alle Asylbewerber, die bei uns ankommen, werden innerhalb der ersten drei Tage auf Tbc untersucht.“ Die Diagnostik erfolgt ab dem 15. Lebensjahr durch eine Röntgenuntersuchung der Lunge, bei Kindern, Jugendlichen und Schwangeren durch Labortests des Blutes (Quantiferon-Test) und bei kleinen Kindern mittels eines Hauttests.

Der MAZ-Faktencheck zum Thema Flüchtlinge

In loser Folge geht die MAZ Gerüchten und Halbwahrheiten rund um das Thema Flüchtlinge auf den Grund.

Themen des Faktenchecks sind Kriminalität, Gesundheit, Arbeitsmarkt und Integration.

Mit dem Start des Faktenchecks hat die MAZ geschaut, wie viele Flüchtlinge in den einzelnen Landkreisen leben und wie ein Asylverfahren abläuft.

Folge 1: Landkreise sprechen von Notstand

Folge 2: Steigt durch Asylbewerber die Kriminalität?

Folge 3: Sind Flüchtlinge wirklich ansteckend?

BEHAUPTUNG: Krankenkassen wollen die Zusatzbeiträge erhöhen. Schuld daran sind die Flüchtlinge.

Gabriela Leyh , Geschäftsführerin der Barmer GEK Berlin-Brandenburg: „Die Flüchtlinge belasten die Krankenkassen und damit die Beitragszahler überhaupt nicht. Die Kosten werden von den Kommunen und künftig vom Land übernommen.“ Die Techniker Krankenkasse gibt als Grund für die Beitragserhöhung steigende Gesundheitskosten an. Reformen, etwa in der Pflege, die Bundesgesundheitsminister Herman Gröhe (CDU) plant, kosten viel Geld – laut Rheinisch-Westfälischem-Institut für Wirtschaftsforschung rund 40 Milliarden Euro bis 2020.

Gabriela Leyh ist Geschäftsführerin der Barmer GEK Berlin-Brandenburg.

Quelle: Detlev Scheerbarth

Arztkosten werden „deutlich steigen“

Brandenburg ist die medizinische Versorgung von Flüchtlingen mit erheblichen Kosten verbunden. Um die Kommunen zu entlasten, will das Land die Ausgaben ab April 2016 komplett übernehmen. Zudem soll eine elektronische Gesundheitskarte beim Bürokratieabbau helfen. Wir haben mit Brandenburgs Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke) darüber gesprochen. 

Diana Golze ist Brandenburgs Gesundheitsministerin.

Quelle: dpa

Wer bezahlt die gesundheitliche Versorgung der Asylsuchenden in Brandenburg?

Diana Golze: Die Kosten für die Erstuntersuchung trägt das Land allein. Sobald die Asylsuchenden in den Kommunen untergebracht sind und zum Arzt müssen, erstattet das Land den Kreisen und kreisfreien Städten die Kosten dafür derzeit noch pauschal gemäß einer Personenjahrespauschale. Mit dem  neuen Landesaufnahmegesetz, das zum 1. April 2016 in Kraft treten soll, wird eine Spitzabrechnung eingeführt. Dann übernimmt das Land die tatsächlich entstandenen Kosten  für die medizinische  Versorgung   Asylsuchender.

Für 2016 erwartet Brandenburg erneut rund 40 000 Flüchtlinge. Ist angesichts steigender Flüchtlingszahlen mit einer Explosion bei den Gesundheitskosten zu rechnen?

Golze: Natürlich werden die Gesundheitskosten mit den Flüchtlingszahlen  deutlich steigen. Eine genaue Schätzung  ist schwierig, da die Kosten  durch den individuellen Bedarf bestimmt werden. 2014 betrugen die Leistungen bei Krankheit, Schwangerschaft und Geburt für die rund 9300 aufgenommenen Menschen fast 15 Millionen Euro. Die Aufnahme,  Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge ist ein  Kraftakt, den Kommunen und Länder nicht allein bewältigen können. Deshalb fordert die Landesregierung, dass sich der Bund  viel stärker  beteiligt.

Auf welche Behandlung haben Asylsuchende  einen Anspruch?

Golze: Gesundheitsleistungen für Asylsuchende sind durch das Asylbewerberleistungsgesetz  eingeschränkt. In den ersten 15 Monaten haben Flüchtlinge lediglich Anspruch auf die Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzen sowie Leistungen für werdende Mütter und Wöchnerinnen. Zudem  werden Impfungen und medizinisch gebotene Vorsorgeuntersuchungen gewährt.

Ab 1. April 2016 soll auch in Brandenburg eine elektronische  Gesundheitskarte für Flüchtlinge eingeführt werden. Was wird durch die Karte besser?

Golze: Die Gesundheitskarte ist im Interesse der Asylsuchenden, die damit ohne vorherigen Antrag zum Arzt gehen können. Die Karte ist aber auch  im Interesse der brandenburgischen Kommunen. Sie  werden mit der Einführung der Karte Verwaltungskosten einsparen, da für die Abrechnung und Verwaltung in Zukunft eine Krankenkasse zuständig ist und der bürokratische Mehraufwand in den jeweiligen Sozialbehörden  entfällt. Denn bislang müssen Asylsuchende vor dem Arztbesuch jede Behandlung bei den Sozialbehörden extra beantragen.

Von Volkmar Krause

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MAZ-Faktencheck zur Asylpolitik
Es wird behauptet, Asylbewerber würden regelmäßig ihre Einkäufe nicht bezahlen. Eine Bestätigung vom Einzelhandel gibt es dafür nicht.

Auch in Brandenburg hält sich das Gerücht, Ladendiebstähle und Gewalttaten gingen in hohem Maße auf das Konto von Asylsuchenden. Der MAZ-Faktencheck ergibt ein anderes Bild: Trotz der hohen Zahl von Flüchtlingen sind sie nur unterproportional an Straftaten beteiligt.

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