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MAZ-Leser: Reform auf Kosten der Arbeitnehmer

Gesundheitspolitik MAZ-Leser: Reform auf Kosten der Arbeitnehmer

Ein neuer Vorschlag, um die steigenden Ausgaben für Krankengeld zu begrenzen: Berufstätige nehmen ihre Arbeit wieder auf, obwohl sie noch zu 50 Prozent krank sind. Viele Verantwortliche finden diesen Vorschlag wenigstens interessant. Doch die Mehrheit der MAZ-Leser hat dazu eine andere Meinung.

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Wer sich halbwegs fühlt, soll wieder arbeiten gehen.

Quelle: dpa

Potsdam. Halb krank, halb arbeitsfähig. Wenn Realität wird, was der Sachverständigenrat des Gesundheitswesens jetzt vorgeschlagen hat, könnte das möglich sein. Das Gremium unter Vorsitz des Frankfurter Allgemeinmediziners Ferdinand Gerlach hält eine „Teilkrankschreibung“ nach skandinavischem Vorbild für möglich. Das Gutachten liegt zur Bewertung auf dem Tisch von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). Es sieht vor, das in Deutschland geltende „Alles-oder-Nichts-Prinzip“durch ein „flexibleres Modell“ zu ersetzen. Derzeit verlangt das Gesetz, dass der Arbeitnehmer entweder 100 Prozent krank oder 100 Prozent arbeitsfähig ist.

Teilweise arbeiten – je nach Gesundheitszustand

Erkrankte Berufstätige könnten entsprechend ihres Gesundheitszustandes teilweise ihrer Arbeit nachgehen. Krankschreibungen – strikt freiwillig – zu 25, 50 oder 75 Prozent wären denkbar. Würde ein Arbeitnehmer 50 Prozent arbeiten, müsste ihn das Unternehmen dafür bezahlen, die andere Hälfte trüge die Krankenkasse. Bislang gilt das Hamburger Modell, bei dem der Arbeitnehmer nach längerer Krankheit stundenweise wieder arbeiten geht, aber weiter Krankengeld bezieht. Wer ein akutes Leiden, ansteckende Krankheiten oder Knochenbrüche habe, müsse nicht arbeiten, so die Sachverständigen. Die Teilkrankschreibung könnten nur Arzt und Patient vereinbaren, der Arbeitgeber habe darauf keinen Einfluss.

Krank zur Arbeit? Das denken die MAZ-Leser

Der Vorschlag, dass Berufstätige auch halb krank ihre Arbeit wieder aufnehmen, schlägt auf Facebook hohe Wellen. Wir dokumentieren in Auszügen:

Tina Wolf: Schon heute schlagen Ärzte Alarm, weil die Menschen zu oft krank zur Arbeit gehen. Wir können unsere Körper nicht unbegrenzt ausbeuten.Eine völlig schwachsinnige Idee.

Jung Winkelried: Joa, halbkrank auf Arbeit kann man sich ja auch dufte auskurieren und es droht keinerlei Verschleppung oder Ansteckung der Kollegen. Seeeehr durchdacht das Ganze, na Hauptsache wieder alles auf Kosten des Arbeitnehmers ‚reformieren’.

Thomas Flieger: Meine persönliche Meinung: Das System der GKV benötigt einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel. So lange das gesamte System an der Krankheit verdient, wird es nichts mit einer finanziellen Stabilität. Der Wert Gesundheit, sollte der Gradmesser für die Vertraglichen Beziehungen zwischen allen Beteiligten Playern sein. Das schließt die Krankheit nicht aus, sondern setzt die richtige Priorität und schafft wirklich Raum für die Kranken und Bedürftigen.

Thomas Künzel: und wieder mal wird beim Arbeitnehmer fantasievoll die Schere angesetzt. Wie wäre es mal bei der Pharmaindustrie oder Ärzten die sinnlose Rezepte verschreiben, sinnlose Untersuchungen oder sinnlose Operationen vornehmen?

Jörg Abel-Wiedemann: Wer sich während seiner Krankschreibung wieder fit genug fühlt für diverse Freizeitaktivitäten, kann FREIWILLIG auch einen Teil seiner Kraft wieder am Arbeitsplatz einbringen, wenn es eben nichts ansteckendes ist - wo ist das Problem?

Tomy Lee: Besonders in Brandenburg hoher Krankenstand! Vielleicht liegts daran, daß die ossis keine entspannten 35, sondern 50 und mehr Stunden die Woche Arbeiten! Denkt mal drüber nach!

Corinna Albrecht: Ich kläre mit meinem Arzt, ob ich arbeitsfähig bin, nicht mit einem Fuzzi vom Ministerium. Punkt. Die Idee hatte vermutlich jemand, der mit 50% Fieber am Schreibtisch saß.

Nicole Lips: Vielleicht sollte mal jemand hinterfragen., warum seit Jahren die Ausgaben für Krankengelder steigen!!! Bevor über Teilkrankschreibungen diskutiert wird., sollten doch mal über vernünftige Arbeitsbedingungen nachgedacht werden!!!

Ramona Brühl: Guter Ansatz...in Finnland funktioniert es in der Praxis gut. Einfach den Artikel richtig lesen und auch verstehen. Hamburger Modell ist das Allerletzte.

Krankengeldausgaben massiv gestiegen

Hintergrund für den Vorschlag sind die massiv gestiegenen Krankengeldausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen. Sie erreichten 2014 mit 10,6 Milliarden Euro den bisherigen Höchststand (2006: 5,7 Milliarden Euro). In Berlin-Brandenburg liegt der Krankenstand deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

„Interessanter Vorschlag“

Die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg hält die „Teilkrankschreibung“ für einen interessanten Vorschlag zur Kostenbegrenzung. „Wichtig ist aber, dass der Arzt entscheidet“, sagt Sprecher Christian Wehry. Auch für die AOK gehen die Empfehlungen in die richtige Richtung. Ähnlich argumentiert Martina Münch, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD im Landtag. „Etwa bei Bagatellverletzungen sollte eine raschen Wiederaufnahme der Arbeit möglich sein. Wir müssen offen sein für neue Modelle“, sagt Münch, die selbst Ärztin ist.

Kritik von der Gewerkschaft

Der Deutsche Gewerkschaftsbund lehnt die Einführung eines Teilkrankengeldes ab. DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach bezweifelt, dass der Beschäftigte unter Arbeits- und Anwesenheitsdruck überhaupt in der Lage ist, seine Teilarbeitsfähigkeit verlässlich einzuschätzen.

Hoher Krankenstand in der Region

Krankengeld erhalten gesetzlich Versicherte von den Krankenkassen, wenn sie länger als sechs Wochen arbeitsunfähig sind. Dann fällt die Lohnfortzahlung der Arbeitgeber weg.

1995 mussten die Kassen 9,4 Milliarden Euro bereitstellen. Zur Kostendämpfung wurde der Krankengeldanspruch daraufhin von 80 auf 70 Prozent gesenkt. Seit 2006 steigen die Ausgaben wieder deutlich an.

Der Krankenstand verursache 2013 in Berlin-Brandenburg laut dem regionalen Gesundheitsbericht einen Produktionsausfall von 3,1 Milliarden Euro. Der Krankenstand liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt, die Märker sind öfter krank als die Berliner.

Häufige Gründe für Krankschreibungen sind Probleme mit dem Muskel-Skelett-System, Atemwegs- und psychische Erkrankungen sowie Verletzungen oder Vergiftungen.

Von Volkmar Krause

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