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Online-Spielsucht: Ein Betroffener erzählt

Gefahr am Computer Online-Spielsucht: Ein Betroffener erzählt

Es ist ein junges Phänomen: Die Sucht nach Online-Spielen. Vor allem männliche Jugendliche verlieren sich in der virtuellen Realität, so auch Mirko H. aus der Nähe von Berlin. Er ist zweimal durchs Abitur gerauscht, in der Motzener Fontane-Klinik für Suchterkrankungen kommt er nun wieder auf die Beine.

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„League of Legends“ heißt das Spiel, dem auch Mirko H. verfallen war. In Berlin wurde vor zwei Wochen die Weltmeisterschaft ausgetragen, Preisgeld: eine Million Dollar.

 

Quelle: dpa

Dahmeland-Fläming. Mit Drogen, Alkohol und Zigaretten wollte Mirko H. nichts zu tun haben, da war schon seine Erziehung vor. Also musste er sich neue Freunde suchen, damals mit zwölf, als die anderen anfingen, sich für die starken Reize zu begeistern. Groß war die Auswahl auf dem Schulhof aber nicht, in seinem Dorf in der Nähe von Berlin. Mirko H. gesellte sich zu den Computer-Freaks, die ihre Freizeit am liebsten in der virtuellen Realität verbrachten, mit dem Töten von Terroristen oder Fantasy-Ungeheuern. Heute, mit 21 und nach zwei gescheiterten Anläufen zum Abitur, sucht Mirko H. den Weg zurück in die echte Welt – in der Fontane-Klinik für Suchtkranke in Motzen.

In der 5. Klasse noch einer der Besten

Der junge Mann mit dem schlauen Gesicht und den müden Augen will unerkannt bleiben. Aber es gibt ohnehin nicht viele Leute, die seine Geschichte kennen, die Jahre vor dem Bildschirm haben ihn einsam gemacht.„Die Schule habe ich immer gemocht, in der fünften Klasse war ich noch einer der Besten“, erzählt Mirko H. in seinem Zwei-Mann-Zimmer mit Blick auf dichten Kiefernwald. Sogar eine Klasse überspringen sollte er damals, aber aus der Projektklasse wurde nichts und seine Motivation schwand von Schuljahr zu Schuljahr. „Durch das Spielen hatte ich irgendwann auch keine Lust mehr, den Stoff aufzuholen und in der elften Klasse hatte ich schließlich die erste Fünf im Zeugnis“, erzählt Mirko.

Heimlich gespielt

Seine Eltern bemerkten schon früh sein neues Hobby, maximal zwei Stunden am Tag durfte er am PC spielen, das war die Abmachung. Aber heimlich spielte er damals schon länger. Als der Schwindel aufflog, kam das Gerät erst mal für einen Monat weg. Schlimm wurde es mit 14, da bekam Mirko H. seinen eigenen Laptop und zog in den Keller seines Elternhauses. „Da hatten meine Eltern dann überhaupt keine Kontrolle mehr über mein Spielen“, erzählt Mirko.

Nur die Mutter machte sich Sorgen

Dabei war es ohnehin nur seine Mutter, die sich ernsthaft Sorgen machte und das Abtauchen ihres Kindes nicht einfach hinnehmen wollte. „Meinen Vater habe ich immer nur abends gesehen und er hat mich mit dem PC-Spielen eigentlich nur bestärkt. Ich sei schließlich alt genug und so.“ Seine Mutter, die nach zwei Verkehrsunfällen zu 85 Prozent behindert ist, konnte aber die Treppe in den Keller nicht hinuntergehen. Und damit nahm Mirkos Spielsucht ihren Lauf.

Süchtig nach „League of Legends“

„League of Legends“ heißt das Online-Spiel, dem Mirko H. am heftigsten verfiel: Gemeinsam mit anderen Spielern kämpft man sich durch eine Fantasy-Welt, je mehr Gegner man erledigt, desto mächtiger wird die eigene Spielfigur. Angeblich 27 Millionen Menschen sind täglich in der Welt von „League of Legends“ unterwegs, es ist das erfolgreichste Spiel seiner Art weltweit. Vor knapp zwei Wochen erst kamen rund 17.000 Menschen in die Berliner Mercedes-Benz-Arena, um live das Finale der Weltmeisterschaft zu verfolgen – der Gewinner bekam ein Preisgeld von einer Million Dollar.

Soziale Isolation und schulischer Niedergang

Für Mirko H. war dagegen nicht mehr drin als soziale Isolation und der schulische Niedergang: „Ich habe mindestens 14 Stunden am Tag gespielt, meistens bis vier Uhr nachts, dann zwei Stunden Schlaf und zur Schule.“ Sein Schlafdefizit holte Mirko H. im Unterricht nach, ab der neunten Klasse wurden seine Noten immer schlechter. Den Lehrern erklärte er seine Müdigkeit mit der belastenden Situation zu Hause. „In der zehnten Klasse haben die Lehrer meine Mutter zum ersten Mal auf meinen Schlafmangel angesprochen“, erzählt Mirko H. Die installierte daraufhin Internetsperren, um den Konsum ihres Sohnes zu verhindern. Der aber fand Mittel und Wege, um weiterzuspielen. Anstatt zu reden, schrien sich die beiden irgendwann nur noch an.

Bis 10 Prozent der Online-Spieler sind süchtig

Die Sucht nach Online-Spielen ist ein junges Phänomen, es gibt noch nicht einmal eine offizielle Diagnose ( siehe Interview mit einem Suchtexperten). Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen mit knapp 45.000 Jugendlichen kam vor einigen Jahren zu dem Ergebnis, dass 14.000 von ihnen computerspielsüchtig seien, weil sie im Schnitt knapp vier Stunden täglich mit Online-Spielen verbrachten. Die Arbeitsgruppe Spielsucht der Berliner Charité geht heute dagegen bei drei bis zehn Prozent aller Online-Spieler von einem problematischen Spielverhalten aus.

Nach verpatztem Abitur in die Suchtberatung

Mirko H. ging zum ersten Mal zu einer Suchtberatung, nachdem er seine Abiturprüfung nicht bestanden hatte. Den Schritt in die Fontane-Klinik wagte er, als auch der zweite Versuch missglückte. Er ist zuversichtlich, dass er in der Abgeschiedenheit der Klinik, ohne PC und ohne Smartphone, seine Probleme in den Griff bekommt. „Schon die Distanz zu meinen Eltern hat gut getan, ich bin jetzt viel ruhiger und freue mich sogar, wenn ich sie sehe.“ Für das einzige Kind der beiden war das Spielen immer auch eine Flucht vor dem Elternhaus. Ein paar Wochen will Mirko H. noch in Motzen bleiben, dann will er nach Berlin ziehen und ein richtiges Leben anfangen: echte Freunde finden, ein Mädchen kennenlernen und studieren, Mathe und Informatik. Sein Berufswunsch: Spiele-Entwickler.

Von Martin Küper

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