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Online-Spielsucht ist eine Flucht

Interview mit einem Suchttherapeuten Online-Spielsucht ist eine Flucht

Heiko Philipp (44) ist Sozialpädagoge und Suchttherapeut an der Fontaneklinik in Motzen. Er hat sich auf die Behandlung pathologischer Internetnutzer und PC-Spieler spezialisiert. Im Interview erklärt er, was das Spezielle an der Online-Spielsucht ist.

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Heiko Philipp betreut Suchtkranke in der Fontaneklinik.

Quelle: Martin Küper

Motzen. Heiko Philipp (44) ist Sozialpädagoge und Suchttherapeut an der Fontaneklinik in Motzen. Er hat sich auf die Behandlung pathologischer Internetnutzer und PC-Spieler spezialisiert.

MAZ: Ist die Sucht nach Online-Spielen eine allgemein anerkannte Diagnose?

Heiko Philipp: Die genaue Bezeichnung ist in der Wissenschaft noch umstritten, auch weil das Phänomen im Gegensatz zum Alkoholismus etwa relativ jung ist. Wahrscheinlich wird man sich zukünftig auf die Bezeichnung pathologischer Internet- und PC-Gebrauch einigen. Der Begriff Sucht ist in diesem Zusammenhang schwierig, aber eine Diagnose wird es geben müssen.

Worin unterscheidet sich pathologischer PC-Gebrauch von Suchtmitteln wie Alkohol oder Drogen?

Philipp: Zum Beispiel in der Frage der Abstinenz. Für drogen-, alkohol- oder glücksspielsüchtige Menschen ist ein hundertprozentiger Verzicht das Ziel und eine Voraussetzung für eine dauerhafte Abstinenz. Das ist aber beim PC-Gebrauch kaum möglich, spätestens im Beruf kommen ja die meisten Menschen mit dem Gerät wieder in Kontakt. Aber beim pathologischen Internet- und PC-Gebrauch gibt es zum Beispiel keine körperlichen Entzugserscheinungen, das spielt sich eher auf der seelischen Ebene ab.

Wozu kann pathologischer Internet- und PC-Gebrauch schlimmstenfalls führen?

Philipp: Verwahrlosung und soziale Isolation sind die gravierendsten Probleme. Ich hatte mal den Fall eines jungen Mannes, der sich monatelang in einem Kellerraum praktisch eingeschlossen hatte. Er schlief vor dem PC, ernährte sich von Bestell-Pizza, die durchs Kellerfenster hereingereicht wurde und verließ den Raum nur, um auf Toilette zu gehen. Er hat dann aber selber irgendwann gemerkt, dass er zu viele Leute verloren hatte und mit dem Spielen radikal aufgehört.

Geht der pathologische Internet- und PC-Gebrauch mit anderen Süchten einher?

Philipp: Tatsächlich ist es eher selten, dass jemand nur spielt. Viele konsumieren dabei noch andere Substanzen, zum Beispiel Cannabis oder Alkohol zur Beruhigung. Ich habe auch schon öfter gehört, dass Leute dabei Chrystal Meth nehmen, um länger wachbleiben zu können. Oft dienen der Konsum von Suchtmitteln und das PC-Spielen aber dem gleichen Ziel, nämlich den eigenen Problemen zu entfliehen. Darum wird der pathologische Internet- und PC-Gebrauch manchmal auch nicht als solcher erkannt, weil er von anderen Süchten überlagert wird.

Stimmt Ihrer Erfahrung nach das Klischee, dass vor allem junge Männer vom pathologischen Internet- und PC-Gebrauch betroffen sind?

Philipp : Zum Teil ja, in den 90er-Jahren entstand dieses Bild vom dicklichen Studenten Mitte 20, der nur vor seinem PC sitzt. Inzwischen geht das bis ins Alter von etwa 50 Jahren, das sind dann häufig die Spieler der ersten Stunde. Mittlerweile sind auch zunehmend Frauen betroffen, da die Spiele-Industrie sich mehr auf Frauen einstellt. Aber der Großteil sind immer noch Jugendliche und junge Erwachsene. Und das Problem wird zunehmen, weil das Spielen heute ganz normal ist. Die Kinder von heute wachsen damit auf.

Was können Eltern tun, wenn das Spielen in so bedenklichem Maß ausufert?

Philipp : Das Wichtigste ist sicherlich die Vorbeugung. Je tiefer jemand drinsteckt, desto schwieriger ist der Ausstieg. Eine angemessene Entwicklung in der Kindheit und Jugend sind der beste Schutz gegen die Versuchungen des Spiels. Die Betroffenen sind oft verunsicherte, aber intelligente junge Leute, die Bindungsprobleme und Schwierigkeiten in der sozialen Kontaktaufnahme haben. In der virtuellen Realität bekommen sie dann die Bestätigung, die ihnen sonst verwehrt bleibt.

Was halten Sie eigentlich von der Maßnahme, einfach den Stecker zu ziehen, um das Spielen zu beenden?

Philipp : Das würde ich nicht empfehlen, es würde eine Eskalation nur fördern. Es sei denn, man hat die Maßnahme als Eltern angekündigt, dann sollte man sie auch umsetzen. Wenn man dann nicht konsequent ist, unterstützt man die Sucht noch eher. Wichtig dabei für die Eltern ist, die eigenen Ängste und Gefühle authentisch mitzuteilen. Außerdem kann es helfen, den Mediengebrauch mit dem Kind einzuüben, sich selbst dafür zu interessieren.



Von Martin Küper

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