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Ersthelfer-Lehrer quittiert seinen Dienst

Verdiente Ruhe im Alter Ersthelfer-Lehrer quittiert seinen Dienst

Tausenden Potsdamern hat Klaus Grunewald den Notfall beigebracht, ihnen erklärt, wie man einen Patienten in die stabile Seitenlage hievt oder eine Blutung stillt. Fast zwei Jahrzehnte lang war er Erste-Hilfe-Ausbilder beim DRK. Jetzt quittiert der 74-Jährige den Dienst. Ein Mal in seinen Leben hat er selbst Erste Hilfe gebraucht – und nicht bekommen.

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Klaus Grunewald quittiert den Dienst als Erste-Hilfe-Lehrer.

Quelle: Nadine Fabian

Potsdam. Ein Mal in seinem inzwischen 74-jährigen Leben, ein Mal da brauchte Klaus Grunewald tatsächlich selbst Erste Hilfe. Als junger Spund steht er im Karl-Marx-Werk an einer der großen, schweren Maschinen, gerät mit der linken Hand zu tief hinein ins stampfende Ungetüm, das Metall schneidet wie Brot. „Zack – das war’s“, sagt Klaus Grunewald. Er lässt die rechte Hand wie ein Fallbeil auf die linke sausen. Vier Finger verliert er damals – aus ist’s mit dem Beruf als Lokomotivschlosser, den er gerade erst erlernt hatte.

Mit der Ersten Hilfe war es an jenem Tag übrigens nicht weit her. Nicht, dass die Ausbildung eine schlechte gewesen wäre. Es lag schlichtweg an der Kondition. Der mit Sanikasten und Trage bewehrte Trupp kam dem Schwerverletzten einfach nicht hinterher. Zu schnell war Klaus Grunewald, der direkt zur Betriebsärztin stürmte. „16.10.1958, 13 Uhr 15. Eine Viertelstunde vor Feierabend. Das war vielleicht eine Gemeinheit! Ich wollte doch schnell nach Hause!“

„Für Opi“ hat Enkelin Sara auf ihr Bild geschrieben, das Klaus Grunewald vor einer Schar Erste-Hilfe-Schülern nebst Krankenwagen zeigt

„Für Opi“ hat Enkelin Sara auf ihr Bild geschrieben, das Klaus Grunewald vor einer Schar Erste-Hilfe-Schülern nebst Krankenwagen zeigt.

Quelle: Nadine Fabian

Die Anekdote hat er sicher hunderten, ach was – tausenden Brandenburgern erzählt, die bei ihm gelernt haben, wie man einen Notfallpatienten in die stabile Seitenlage hievt, Blutungen stillt oder eine Herzdruckmassage beginnt. Fast zwei Jahrzehnte lang war der Potsdamer Erste-Hilfe-Ausbilder fürs Deutsche Rote Kreuz (DRK). Er hat Fahrschüler unterrichtet, spezielle Kurse für die Erste Hilfe bei Kindern und Sportgruppen gegeben und im ganzen Land Ersthelfer an Betrieben, Schulen und Universitäten, bei Sparkassen und Versicherungen fit gemacht. Jetzt hat Klaus Grunewald zum 31. Dezember seinen Ruhestand verkündet.

Hand aufs Herz – der Abschied fällt schwer. „Irgendwann ist es eben soweit“, sagt Klaus Grunewald. So ein Kurs, bei dem er locker 20, 30 Mal in die Knie gehen musste, habe ihn in letzter Zeit doch ganz schön geschlaucht. „Ich stehe vor den Schülern ja nicht nur als Person Klaus Grunewald“, sagt er. „Ich verkörpere ja auch einen Teil des DRK. Wie würde es denn aussehen, wenn mir meine Erste-Hilfe-Schüler aufhelfen müssten?“

Aufgestanden ist der Mann, der als Vierjähriger mit der Mutter aus Neusalz an der Oder (Polen) vertrieben wurde und in Babelsberg ein neues Zuhause fand, noch immer alleine. Nach dem Unfall lernt er um und wird technischer Zeichner. Er heiratet seine Gerlinde, die beiden gründen eine Familie, ziehen einen Sohn groß. Klaus Grunewald schlägt in der DDR alsbald eine politische Laufbahn ein: Er wirkt im Zentralrat der Freien Deutschen Jugend (FDJ) mit, in der SED-Bezirksleitung, studiert Staatswissenschaften. Mit der Mauer fällt dieser Lebensentwurf. Klaus Grunewald verabschiedet sich von der Partei und auch von der Politik. 1990 heuert er im Autowerk Ludwigsfelde an, doch die große Entlassungswelle 1991 reißt ihn dort schnell wieder fort. Es folgen Arbeitslosigkeit und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM), zum Beispiel bei der Schlösserstiftung, für die er als Museumspädagoge im Neuen Garten und im Schloss Cecilienhof arbeitet.

Erste-Hilfe-Kurse in Potsdam

Der DRK-Kreisverband Potsdam/Zauch-Belzig bietet auch in Potsdam Erste-Hilfe-Kurse an.

Der klassische Erste-Hilfe-Lehrgang schult die Teilnehmer für nahezu jeden Notfall in Freizeit und Beruf. Neben den „Lebensrettenden Sofortmaßnahmen“ beinhaltet der Lehrgang auch die Themen Wundversorgung, Umgang mit Knochenbrüchen, Verbrennungen, Hitze-/Kälteschäden, Verätzungen und Vergiftungen und bietet zahlreiche praktische Übungen. Es sind keinerlei Vorkenntnisse erforderlich.

Der Kurs für die Erste Hilfe am Kind behandelt typische Notfälle im Säuglings- und Kindesalter. Dabei werden wichtige Hilfsmaßnahmen geübt. Er richtet sich vor allem an Eltern, Großeltern, Tagesmütter und alle, die mit Kindern zu tun haben.

Wer Fragen zu den Kursen hat, meldet sicht unter 033841/56222

1992 kommt Klaus Grunewald über eine ABM-Stelle zum DRK, wo er auf das trifft, was man Berufung nennen könnte, so sehr geht er in der neuen Aufgabe auf. Als Krieg und Elend Jugoslawien auseinanderreißen, ist er mit der Flüchtlingsarbeit betraut. Das DRK schafft im noch jungen Land Brandenburg Unterkünfte, betreibt Heime – und Klaus Grunewald und seine Kollegen schmieden einen kühnen Plan. Sie wollen 150 Bosnier aus dem belagerten Sarajewo herausholen. Ein Flugzeug und ein Medizinzug stehen bereit, Krankenhäuser sind eingetaktet. Doch das Vorhaben scheitert an den Kosten. „Geholfen haben wir vor Ort dann trotzdem – mit Lebensmitteln und Prothesen“, erzählt Klaus Grunewald. Er hätte gern mehr getan.

Aus der ABM-Stelle im Landesverband wird 1993 eine feste im Kreisverband Potsdam/Zauch/Belzig. Dort erschließt sich Klaus Grunewald ein neues Feld: Er arbeitet ab 1997 in der Behindertenwerkstatt als Gruppenleiter und Referent für Öffentlichkeitsarbeit. Seither gibt er auch Erste-Hilfe-Kurse – um die 30 pro Jahr, oft am Wochenende. Damit macht er nach der Rente 2003 weiter.

„Unser Leben rettet nicht der Rettungswagen, nicht der Notarzt, sondern der Ersthelfer“, sagt Klaus Grunewald. 10000 Menschen könnten Jahr für Jahr bundesweit überleben, wenn sie nur Erste Hilfe bekämen. Grunewald weiß um die Hemmungen, um die Angst, einen Fehler zu machen. „Bloß keine Scheu!“, mahnt er. „Das einzige, was man bei der Ersten Hilfe falsch machen kann, ist nicht zu helfen. Das Wichtigste ist, anzufangen.“ Wie er so zurückblickt und erzählt, erklärt und vorführt, wird klar, wie sehr ihm das Thema am Herzen liegt. Enkelin Sara war eine der ersten , die das erkannt hat: Als kleines Mädchen malte sie dem Opa vor vielen Jahren ein buntes Filzstift-Bild, das ihn vor einer Schar Erste-Hilfe-Schülern nebst Krankenwagen zeigt. Es liegt bis heute auf seinem Schreibtisch.

Von Nadine Fabian

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