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Prignitzerin klagt erbittert gegen Krankenkasse

Keine Leistung im Katalog - kein Geld von der AOK Prignitzerin klagt erbittert gegen Krankenkasse

Carina Schulz ist 36 Jahre. Sie leidet unter einem Lipödem, bei dem ich das Fettgewebe krankhaft verändert. 20 000 Euro hat sie für eine Operation gezahlt und fühlt sich viel besser, doch die Krankenkasse will nichts zahlen. Grund: Die Behandlung steht nicht im Leistungskatalog. Nun klagt Schulz erbittert gegen die AOK.

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Carina Schulz vor ihrer OP. Inzwischen geht es ihr dank der Liposuktion viel besser.
 

Quelle: Jean Dibbert

Pritzwalk. Carina Schulz kann Radfahren, spazieren gehen, mit ihrem Sohn spielen. Auch ihre Arbeit als Krankenschwester fällt ihr leichter. Das war nicht immer so: Die 36-Jährige aus Kuhbier (Gemeinde Groß Pankow) leidet an einem Lipödem: eine Fettverteilungsstörung, die im Oberschenkel, Gesäß- und Hüftbereich, der Innenseite der Kniegelenke und auch an den Oberarmen auftritt. Symptome sind starke Druck- und Berührungsschmerzen, Schweregefühl in Beinen und Armen, Verhärtungen im Gewebe und vieles mehr. 4,5 Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen, vor allem Frauen .

Bei Carina Schulz waren die Beschwerden bis vor zwei Jahren so stark, dass die Krankheit ihr Leben bestimmte: „Meinen Sohn einfach auf den Schoß zu nehmen, daran war gar nicht zu denken“, erzählt sie. Morgens wachte sie um 4 Uhr auf, weil sie starke Schmerzen hatte. Die Krankenschwester litt auch seelisch: „Dinge wie Solarium, Sauna, Sonnenbaden oder ein Eis essen mit dem Kind – die gingen gar nicht.“ Immer hatte sie das Gefühl, dass sie komisch angeguckt wird, weil sie nicht schlank genug ist.

Lipödem, Stadium III

Lipödem, Stadium III: So schlimm war es bei Carina Schulz zum Glück nicht.

Quelle: Agentur

2013 ließ sich die Prignitzerin operieren. Zuvor hatte sie sich umfassend informiert, zwei Diagnosen eingeholt. Nach der so genannten Liposuktion geht es der Krankenschwester jetzt viel besser. Sie hat die spezielle Fettabsaugung, die nichts mit einer Schönheits-OP zu tun hat, selbst finanziert: Die nötigen 20 000 Euro hat Carina Schulz sich für die Behandlung von ihren Eltern geliehen. In mehreren Etappen wurden Beine und Oberarme behandelt. „Ich habe an den Beinen 15 Zentimeter weniger Umfang“, sagt sie nun erleichtert. Aber erst in der Reha sei ihr dann so richtig klar geworden: „Diese Krankheit wirst du nicht mehr los.“

Krankenkasse erkennt Liposuktion nicht an

Die Krankenkasse erkennt die Behandlungsmethode Liposuktion nicht an. „Die Begründung hieß, es steht nicht im Leistungskatalog.“ Kurz und knapp. Nachdem Carina Schulz zweimal ohne Erfolg Widerspruch bei ihrer Krankenkasse, der AOK, eingelegt hat, um eine Kostenübernahme zu erreichen, klagte sie. Im Januar unterlag die Patientin vor dem Neuruppiner Sozialgericht. Jetzt bereitet Carina Schulz mit ihrem neuen Anwalt Jens Kübler die Revision vor. „Ich klage weiter, ich gebe nicht auf“, sagt die 36-Jährige, die nun . Nun soll es vor das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg gehen.

Die Ursachen sind noch völlig unklar

  • Über den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA). Ein Gremium, in dem Vertreter von Ärzten, Krankenkassen, Krankenhäusern sowie Patientenvertreter zusammenarbeiten.
  • Konventionelle Methoden (manuelle Lymphdrainage, Kompressionsbehandlung) bei der Behandlung von Lipödemen werden bisher von gesetzlichen Kassen bezahlt. Die Liposuktion (Fettabsaugung) wird nicht übernommen.
  • Die Methode der Liposuktion zur Behandlung von Lipödemen wird im GBA auf Antrag der Patientenvertretung seit März 2015 verhandelt. Dafür wird systematisch in internationalen Datenbanken recherchiert. Offenbar liegt aber bislang nur eine recht kleine Anzahl von Studien vor.
  • Die Erkrankung betrifft fast nur Frauen und wird bei vielen zum Beispiel durch hormonelle Veränderungen wie die Pubertät oder die Menopause ausgelöst. Bei manchen Patientinnen bilden sich die so genannten Reiterhosen aus. Die Ursache für die Entstehung eines Lipödems ist noch nicht klar. Deshalb gibt es auch Sicht des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) auch noch keine kausale Therapie.
  • Informationen, Rat und Ansprechpartner rund um die Krankheit Lipödem gibt es zum Beispiel beim Verein Lipödem-Hilfe Deutschland im Internet unter der Adresse: www.lipoedem-hilfe-ev.de 

„Das Problem ist, dass wir zwei Begründungen im Urteil haben“, sagt der Pritzwalker Rechtsanwalt Kübler. Demnach haben die Kassen zum einen festen Katalog für die Kostenübernahme und es ist richtig, dass die Liposuktion nicht darin enthalten ist. „Andererseits ist es in den vergangenen Jahrzehnten, auch wenn die Behandlungsmethode erfolgreich angewandt worden ist, nicht geschafft worden, diese in den Leistungskatalog zu übernehmen“, erläuterte Jens Kübler. Auch wenn die Behandlung generell erfolgversprechend sei und der Gesetzgeber sich derzeit mit dem Thema befasse, habe aber die Behandlung der Patientin vorher stattgefunden, erklärte der Jurist. Kübler ist skeptisch, was den Ausgang des Verfahrens angeht.

Operation statt Rollstuhl

Erst Mitte Juni haben vor dem Sitz des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) in Berlin, der über den Inhalt der Leistungskataloge entscheidet, rund 100 betroffene Frauen demonstriert. Auch Carina Schulz war dabei. „Ganz viele der Frauen haben erzählt, dass ihnen die OP unheimlich geholfen hat.“ Eine andere saß wegen der Krankheit bereits im Rollstuhl. „Am Ende kann die Berufsunfähigkeit drohen“, weiß Carina Schulz.

Immerhin wurde vor gut einem Jahr das Beratungsverfahren zur Aufnahme der Liposuktion bei einem Lipödem in den Leistungskatalog eingeleitet. Dazu hatte ein Antrag der Patientenvertretung vorgelegen, die beratend im G-BA mitarbeitet. „Die Bewertung, die der G-BA auf Grundlage der aktuellen wissenschaftlichen Datenlage durchführt, wird zur Klärung beitragen, ob es Nutzenbelege für diese Methode gibt und ob Risiken mit einer Liposuktion einhergehen können“, sagte damals Harald Deisler, unparteiisches Mitglied im G-BA und Vorsitzender des Unterausschusses Methodenbewertung. Wie das Verfahren ausgeht, lasse sich aber nicht vorhersagen, hieß es seitens einer Sprecherin des G-BA.

Therapie noch nicht ausreichend erprobt

„Nach unseren Informationen befindet sich die Liposuktion noch im Stadium der wissenschaftlichen Erprobung“, teilte Ann Marini, stellvertretende Sprecherin beim Spitzenverband der Krankenkassen (GKV), auf Anfrage mit. „Das Problem der konventionellen Verfahren ist, dass sie darauf setzen, die gestaute Lymphe herauszubekommen“, erklärte Ann Marini. Damit seien es symptomatische Therapien, die permanent durchzuführen wären. „Entfernt man das Gewebe wie bei der Liposuktion, entfernt man damit aber auch gleich die Lymphgefäße. Ob das dann nachhaltig ist, ist die Frage, die mit Studien zu belegen wäre“, so die GKV-Sprecherin.

Nach wie vor muss Carina Schulz zu den regelmäßigen Sitzungen mit Lymphdrainage und Kompressionen. Ihre Lebensqualität ist indessen ungleich besser als vor der OP. „Es war die richtige Entscheidung“, sagt sie heute. Die OP habe ihr wieder viel mehr Lebensqualität beschert: „Der fürchterliche Schmerz ist weg.“ Die AOK Nordost hat auf eine Anfrage der MAZ zu Beginn dieser Woche leider nicht reagiert.

Von Beate Vogel

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