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Klare Worte bei Sterbebegleitung in Potsdam

“Jetzt geht es zu Ende“ Klare Worte bei Sterbebegleitung in Potsdam

Jahrelang war das Sterben ein Tabuthema. Inzwischen hat sich vieles geändert – nicht zuletzt, weil die Deutschen immer älter werden. Chefarzt Georg Maschmeyer leitet am Potsdamer Ernst-von-Bergmann-Klinikum die Palliativstation, auf der schwer kranke Menschen betreut werden. Ein Blick in den Alltag.

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Seit 65 Jahren ein Herz und eine Seele

Patientin auf einer Palliativstation.

Quelle: dpa-Zentralbild

Potsdam. „Über Weihnachten sollten Sie zu Hause sein“, sagt Georg Maschmeyer der an einer Knochenmarkerkrankung leidenden Patientin von Mitte 70. „Und dann fangen wir im Januar wieder an.“ Und er fügt beruhigend hinzu: „Wenn’s schlechter wird, können Sie sich ja hier wieder melden.“ Maschmeyer ist Leiter der Palliativstation am Ernst von Bergmann Klinikum in Potsdam, einer Station, auf der schwer kranke Menschen betreut werden. Palliativmedizin ist eine relativ junge Sparte. Es habe Zeit gebraucht, diesen medizinischen Zweig in die Köpfe der Patienten und Ärzte zu bringen. Sterben und Sterbebegleitung war kein attraktives Tätigkeitsfeld für junge Mediziner, steht doch der Arzt für das Leben. Als vor zehn Jahren erste Lehrstühle eingerichtet worden seien, habe man Mühe gehabt, diese zu besetzen. Die Experten fehlten. Man habe sich langsam vorgetastet, quasi „learning by doing“, erzählt Maschmeyer.

Palliativmedizin wird inzwischen als sektorenübergreifender Wissenschafts- und Leistungsbereich verstanden. Der Krebsspezialist Maschmeyer ist entsprechend Chefarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin. Studien zeigten, dass sich die übergreifende Zusammenarbeit zwischen Krebs- und Palliativmedizin lebensverlängernd auf die Patienten auswirken könne.

„Ich glaub’ schon, dass wir das hinkriegen.“

Auf der Potsdamer Palliativ-Station scherzt Maschmeyer mit einer Patientin: „Sie haben die Haare schön.“ Über das blasse, schmale Gesicht der mehrfach an Krebs erkrankten 75-Jährigen huscht ein Lächeln: „Ja, ich war gerade beim Friseur.“ Und ja, sie werde gut betreut. Wenn nur das Wasser in den Knien nicht wäre. Sie hebt die Decke. Maschmeyer kontrolliert die Knie und sagt: „Ich glaub’ schon, dass wir das hinkriegen.“ „Schön, das macht mir Mut“, sagt die zierliche Frau. „Erstmal darf ich hier noch bleiben?“, fragt sie und Maschmeyer deutet in Richtung Oberarzt: „Bestimmt, wenn Sie ihn bezirzen.“

Nach den schweren Belastungen einer Krebsbehandlung mit zum Teil mehreren Operationen können die Patienten also auf der Palliativ-Station wieder zur Ruhe kommen. Die Schmerzbehandlung entlastet den geplagten Körper. Ja, es kehrt sogar Lebensmut zurück und der Wunsch, wieder gegen den Krebs zu kämpfen. Obwohl der Palliativmediziner die Chancen für aussichtslos und die Qualen für massiv hält, versuchen die Angehörigen manchmal trotzdem alles, um die Krebstherapie fortzusetzen. Ihre Verzweiflung richtet sich in solchen Momenten auch gegen den Arzt. „Da braucht man viel Geduld“, sagt Maschmeyer.

„Jetzt geht es zu Ende.“ Die Frau weint.

Der 61-jährige Mann auf der Potsdamer Palliativ-Station hat Blasenkrebs und Herzschwäche, war starker Raucher und hatte mit 40 den ersten Herzinfarkt. Plötzlich hört er auf zu atmen – um nach geraumer Zeit röchelnd wieder Luft zu bekommen. Seine Frau sitzt an seinem Bett. Sie weint. Maschmeyer spricht ruhig: „Jetzt geht es zu Ende.“ Die Frau weint. „Brauchen Sie Unterstützung? Soll ich einer Schwester Bescheid sagen?“ Die Frau weint, schluchzt leise. „Danke, dass Sie da sind“, sagt Maschmeyer im Rausgehen.

„Das Ende des Lebens können Sie nicht planen. Sie wissen nicht, wie es Ihnen geht. Es gibt Fälle, da ist die Unterschrift unter der Patientenverfügung noch nicht trocken, da wollen sie es schon anders haben“, erzählt der erfahrene Krebsarzt. Zum Beispiel Nierenversagen: das ist nicht der brutalste Tod. Im Gegenteil: er ist relativ milde. Aber selbst dann noch kommt der Wunsch auf, an die Dialyse angeschlossen zu werden. Manchmal sei geradezu eine 180-Grad-Kehrtwende zu beobachten. Eine Patientenverfügung ist zwar in Ordnung, aber eigentlich nicht nötig. Es gelte zu erkennen, was der Patient will – „hier und jetzt“.

Viele Familien können ihre sterbenden Angehörigen nicht selbst pflegen

Im Zimmer nebenan sitzt die 75-jährige Frau fast aufrecht im Bett, mit offenem Mund röchelnd. Sie dämmert vor sich hin. Sie liegt im Sterben. Ihre Tochter sitzt am Bett: „Bitte Herr Doktor, sie soll keine Schmerzen haben.“ Die Tochter weint. „Es geht zu Ende“, sagt sie. Papa liege auch gerade im Krankenhaus. Das belaste die Familie schon. Die Familie muss immer mit einbezogen werden. Zur Palliativversorgung gehört, Familienangehörige von Sterbenden zu betreuen und zu beraten. Wenn Angehörige wollen, können sie im Patientenzimmer mit einziehen. Bevor Maschmeyer und Stations-Oberarzt Benjamin Günther zur Visite an ein Krankenbett treten, wird besprochen, wie die familiäre Situation des Patienten ist. Maschmeyer schätzt, dass 50 Prozent der Familien ihre sterbenden Angehörigen nicht zu Hause pflegen können. Sei es, weil sie alleinstehend sind, berufstätig, Kinder zu versorgen haben oder weil die Familie einfach seit vielen Jahren zerstritten ist.

Neues Gesetz

Zum 1. Januar tritt das Hospiz- und Palliativgesetz in Kraft, das neben einer besseren Betreuung sterbender Menschen vor allem auch den Ausbau der Versorgung in der Fläche vorsieht.

Der Potsdamer Onkologe Georg Maschmeyer fordert, ambulante und stationäre Sterbebegleitung zu fördern. Bislang habe das System noch nicht die notwendige Qualität. So seien die Standards in der ambulanten Palliativversorgung unterschiedlich.

Der Tumor hat mehrere Organe der 84-jährigen Patientin befallen. Zudem hatte sie gerade einen kleinen Schlaganfall. Maschmeyer scherzt mit der Frau. Er sagt aber auch: „Das können wir nicht heilen. Das wird fortschreiten. Wir versuchen das Fortschreiten zu behindern, aber nicht, den Tumor zu bekämpfen.“ Die Patientin ist gefasst. Sie soll ins Hospiz. „Die machen da ganz viel mit Ihnen“, sagt Maschmeyer. „Das ist besser, als wenn Ihnen keiner hilft.“ Es entsteht eine Pause. „Dann werden Sie irgendwann mal nicht mehr aufwachen.“ Die Patientin weint. „Irgendwann muss es sein“, sagt Maschmeyer und versucht – trotzdem – zu trösten. „Wir wollen nichts machen, was Sie ohnehin nur belastet.“

Vor der Tür sagt Maschmeyer auf die Frage, wie es ihm nach so einem Gespräch gehe, ohne zu zögern: „Gut.“ Es sei „glasklar, dass sie keine Chance hat. Sie trauert. Das will keiner: Sterben. (...) Ich halte es für richtig, mit Patienten realistisch zu besprechen, wie es ist“, argumentiert Maschmeyer, der seit 2011 in der Ethik-Kommission der Bundesärztekammer sitzt.

Kommt für schwer kranke Menschen keine weiter belastende Therapie infrage, sollen sie auf der Palliativstation so weit stabilisiert werden, dass sie zu Hause in ihrer gewohnten Umgebung sterben können. Wenn das häusliche Umfeld nicht trägt, sollen sie in einem Hospiz bis zu ihrem Ende betreut werden.

 

Von Ruppert Mayr

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