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Streit um Kosten für polnische Patienten

Medizinische Notfallversorgung Streit um Kosten für polnische Patienten

Wenn Menschen auf der polnischen Seite der Oder schnelle medizinische Hilfe brauchen, ist der Weg zu einer Spezialklinik im eigenen Land oft sehr weit. Und das kann tödlich sein. Für die Behandlung auf der deutschen Seite fehlen hingegen klare rechtliche Regelungen etwa zur Übernahme der Kosten.

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Joanna Jozefiak setzt sich für die Patienten ein.

Quelle: Heinz Köhler

Frankfurt (Oder)/Slubice . Wenn bei Verkehrsunfällen Menschen schwer verletzt werden, beginnt für die medizinischen Helfer oft ein Wettlauf gegen die Zeit. Eigentlich müsste der Patient so schnell wie möglich in das nächstgelegene Krankenhaus gebracht werden. Entlang von Oder und Neiße ist das jedoch nicht selbstverständlich. „Entscheidend ist zumindest für polnische Bürger, an welchem Ende der Grenzbrücke sich das Unglück ereignete“, sagt Joanna Jozefiak.

Die 38-Jährige aus der polnischen Grenzstadt Slubice kennt etliche Fälle, in denen Landsleute starben, weil sie in Notfällen nicht rechtzeitig medizinisch versorgt wurden. Westlich der Grenzbrücke werde der verletzte polnische Patient selbstverständlich in das nächstgelegene deutsche Krankenhaus gebracht. Ereignet sich das Unglück auf der östlichen Seite, kann es mit der medizinischen Notfallversorgung für den Betroffenen eng werden, weil das nächstgelegene polnische Krankenhaus mit entsprechender Ausstattung weit weg ist. „Sind die Fahrtzeiten zu lang, ist es oftmals für einen Schwerverletzten oder einen Patienten, der einen Herzinfarkt erlitt, zu spät“, macht die studierte Ökonomin deutlich.

Passende medizinische Einrichtungen auf polnischer Seite sind weit entfernt

Das Slubicer Krankenhaus ist sehr klein, eine Neurochirurgie für Unfallopfer oder eine Kardiologie zur Behandlung von Herzinfarkten gibt es gar nicht. In der polnischen Grenzstadt Gubin fehlt ein Krankenhaus gänzlich, macht sie deutlich. Passende medizinische Einrichtungen auf polnischer Seite sind 100 Kilometer und mehr entfernt. Beide Orte haben Grenzübergänge nach Brandenburg, ins Frankfurter Klinikum oder ins Krankenhaus Guben wären es nur ein paar Kilometer, doch die gesetzliche Krankenkasse des Nachbarlandes zahlt dafür nicht. „Entweder der Betroffene kann die Behandlungskosten selbst aufbringen oder aber das deutsche Krankenhaus bleibt auf den Kosten sitzen“, erzählt Jozefiak, deren Lebensgefährte selbst im Gubener Krankenhaus arbeitet. Die 38-jährige ist Chefin einer Beratungsfirma, die sich auf deutsch-polnische Projekte spezialisiert hat.

Das Frankfurter Klinikum zählte vor fünf Jahren zu ihren ersten Kunden, für die Einrichtung organisierte die Polin ein binationales Ärztesymposium. Aufgrund ihrer guten Kontakte kommen zu ihr auch polnische Patienten, die mit der medizinischen Behandlung im eigenen Land unzufrieden sind, da es laut Jozefiak einfach zu wenige Ärzte in Polen gibt. „Wer es sich leisten kann, will sich lieber in Deutschland behandeln lassen, scheut allerdings die Sprachbarriere. Wir vermitteln das und stellen sogenannte Patientenbegleiter für den Aufenthalt in deutschen Krankenhäusern“, beschreibt die Geschäftsfrau. Der Patient zahlt in diesen Fällen selbst für seine Behandlung oder aber er versichert sich von vornherein bei einer deutschen Krankenkasse, betont sie.

Mediziner fordern eine gesetzliche Regelung

Anders sieht es hingegen bei medizinischen Notfällen aus – schwerste Unfallverletzungen oder etwa ein Schlaganfall treffen nicht nur wohl situierte Landsleute. Doch trotz jahrelanger Bemühung von Medizinern ist bisher nicht rechtlich geregelt, wer bei dieser grenzüberschreitenden Notfallversorgung die Kosten trägt – die einzige polnische Krankenkasse lehnt es ab – trotz eines offenbar schon 2013 geschlossenen Kooperationsvertrages zwischen Brandenburg und Polen. „Hinter diesem Vorgehen steckt wahrscheinlich die Angst vor explodierenden Kosten durch einen dann zunehmenden Medizintourismus“, vermutet Professor Axel Ekkernkamp, ärztlicher Direktor und Geschäftsführer des Berliner Unfallkrankenhauses. Hier aber gehe es um grenzüberschreitende Notfälle, für die endlich grenzübergreifende Rahmenbedingungen geschaffen werden müssten.

„Aus moralisch-ethischen Gründen kann ich einen Patienten in lebensbedrohlichem Zustand nicht wieder wegschicken“, bestätigt Thomas Funk, Ärztlicher Direktor des Frankfurter Klinikums. Aus formal-rechtlichen Gründen müsste er das jedoch, denn er bleibt auf den Behandlungs-Kosten sitzen. Etwa 30 dieser Fälle habe er jährlich, wenn sein Slubicer Kollege die Schwerstverletzten auf kurzem Weg ins Frankfurter Klinikum schicke. „Und dass sind zumeist die teuren, mehrere Zehntausend Euro umfassenden Fälle – Schlaganfälle, Herzinfarkte, Schädel-Hirn-Verletzungen. Auf Dauer ist das nicht zu kompensieren, aber auf politischer Ebene kneifen seit Jahren alle“, konstatiert der Neurochirurg. Professor Ekkernkamp nennt noch ein weiteres Problem der grenzüberschreitenden Notfallhilfe: Die Rettungswagen sind bei Einsatz-Fahrten im jeweils anderen Land gar nicht versichert. Würde da etwas passieren, sei auch nicht klar, wer für den Schaden zahle.

„Polen weigert sich generell, neben den Vorteilen der Europäischen Union auch die angeblichen Nachteile zu akzeptieren“, ärgert sich der Direktor des Frankfurter Klinikums über die schon seit Jahren schwelende Kostendiskussion, die auf Symposien und Treffen von Ärzten beider Länder immer wieder thematisiert wird. Die Mediziner sind sich einig: Das Problem ist nur auf politischer Ebene der Europäischen Union lösbar - es geht um Notfälle, bei denen Menschen lebensbedrohlich erkrankt oder verletzt sind. „Für diese Patienten müssen endlich Rahmenbedingungen geschaffen werden, so dass sie in das nächst geeignete Krankenhaus gebracht werden – egal auf welcher Seite der deutsch-polnischen Grenze.“ Sonst, so sagt Professor Ekkernkamp, häufen sich die „unangenehmen Beispiele“, mit denen Joanna Jozefiak in Slubice immer wieder zu tun hat.

Von Jeanette Bederke

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