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Mein zweites Leben ohne Crystal Meth

Drogenaussteigerin erzählt Mein zweites Leben ohne Crystal Meth

Viele Drogen, falsche Freunde und ein Jahr im Knast: Jay Jentsch aus Senftenberg (Oberspreewald-Lausitz) hat mit ihren 31 Jahren schon einiges erlebt. Crystal Meth hätte beinahe ihr Leben zerstört. Bis ein Schicksalsschlag alles änderte.

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„Smile Without Drugs“: Jay Jentsch (31) kämpft für ein Leben ohne Drogen.

Quelle: Bastian Pauly

Senftenberg. Im Februar erreichte Jay Jentsch ein Anruf, der ihr Leben veränderte. Ihr bester Freund, hört sie die Sozialbetreuerin an jenem Wintertag am Telefon sagen, liege leblos in seiner Wohnung, seit drei Tagen schon. Ein goldener Schuss, eine Überdosis Heroin.

Jay, 31 Jahre, rot gefärbte Haare, sitzt in einem Café in der Senftenberger Innenstadt. Ihr Milchkaffee wird kalt und die Zigarette hat sie sich immer noch nicht angezündet. Sie hat zu viel zu erzählen. Von ihrem besten Freund, von der Kindheit im Heim, von ihrer zehnjährigen Drogenkarriere – und warum Crystal Meth das Schlimmste war, das ihr passieren konnte.

„Ich hatte keine Ambitionen mehr, ich wollte einfach nur noch verrecken“, sagt Jay. Ein Dreivierteljahr lang nahm sie Crystal, drei, vier Mal die Woche, nachts blieb sie fast immer auf den Beinen. Sie joggte, als andere schliefen, und sah so lange Fernsehen, bis die Nachbarn zur Arbeit gingen.

Crystal: Billig, leicht verfügbar und besonders wirksam

Nie zuvor war eine harte Droge so verführerisch: Das chemische Aufputschmittel Crystal, zumeist in tschechischen Labors zusammengebraut, ist billig, leicht verfügbar und besonders wirksam. Der Wirkstoff Methamphetamin versetzt den Körper künstlich in einen Alarmzustand und mobilisiert so letzte Kraftreserven – langfristig droht der körperliche und geistige Verfall. Beinahe wäre es auch bei Jay so weit gekommen.

Wie sie wirklich heißt, darüber will sie nicht sprechen. Sie verachtet ihren Vornamen, wer sie danach ruft, weckt in ihr leidvolle Erinnerungen aus ihrer Kindheit. Großgeworden im Ost-Berlin der Nachwendejahre, zog sie mit 14 aus dem Elternhaus aus, weil sie von ihrem Vater über Jahre sexuell missbraucht wurde. Im Heim lernte sie einen Jungen kennen, der zu einer Art Familienersatz wurde. Dass ihr bester Freund heroinsüchtig war, hatte er bis zuletzt verheimlichen können.

Mit 22 Jahren verlor sie ihre beiden Kinder

Jay selbst nahm Drogen, seitdem sie erwachsen war – Cannabis, Speed, Ecstasy, Kokain. Nur Crystal, das kannte sie lange nicht. „Ich habe meine Jugend, die ich nicht hatte, in meinen 20ern nachgeholt“, sagt sie heute. Ihr 1,5er Abi war bald nichts mehr wert, statt Sozialpädagogin zu werden, brauchte sie selbst Hilfe.

Über die Tragödie, die sie mit 22 erlebte, spricht sie nüchtern und klar. Damals verlor sie ihre beiden Kinder – das eine hatte ihr Freund im Drogenrausch erstickt, das andere gab sie umgehend zur Adoption frei. Der Mann, der sie überhaupt erst an die Drogen herangeführt hatte, war ihre große Liebe. Schließlich war sie seinetwegen nach Neuss umgezogen. Er musste für sieben Jahre ins Gefängnis, sie kehrte nach Berlin zurück – und betäubte Wut und Trauer in Kraut, Chemie und Alkohol.

Modedroge Crystal Meth

10 Tonnen Crystal werden offiziellen Schätzungen zufolge pro Jahr illegal in tschechischen Labors hergestellt. Ein Großteil davon ist für den Export nach Deutschland und Österreich bestimmt. Drogenfahnder können allerdings nur einen Bruchteil der Mengen feststellen – 2014 waren es bundesweit 75 Kilogramm.

Der Konsum nimmt seit Jahren zu, besonders entlang der Grenze zu Tschechien, und zunehmend auch in Südbrandenburg. Darauf deuten Zahlen von Polizei und Suchtberatungsstellen hin. Crystal wirkt intensiver als andere Stimulanzien und macht vergleichsweise schnell abhängig. Langfristig drohen körperliche Auszehrung, Paranoia und Hirnschädigungen.

„Das Runterkommen war für mich ein Höllentrip schlechthin.“

Was folgte, waren Jahre im Rausch, eine Zeit falscher Freunde, ein Leben von Hartz IV und Gelegenheitsjobs. Sie prügelte sich auf der Straße, klaute und dealte. Jay ging für ein Jahr ins Gefängnis. Und als sie raus kam, fing alles wieder von vorne an: ein neuer Mann, alte Probleme. Sie zog nach Südbrandenburg – und mit ihr kam die Sucht. Jay wurde wieder schwanger, schnell folgte die Trennung. Das Sorgerecht ist geteilt, sie kann nicht einfach so zurück nach Berlin. „Jahrelang hatte ich mit extremem Heimweh zu kämpfen“, sagt Jay. Inzwischen ist sie angekommen, halbwegs.

Jetzt also Senftenberg, die Crystal-Meth-Hochburg, das Gramm soll es schon ab 10 Euro geben, gepanscht mit Streckmitteln. Ihr erstes Mal liegt noch gar nicht so lange zurück, im Sommer 2014, auf einer Party, mehrere Bahnen lagen schnupfbereit auf dem Tisch drapiert. Sie probierte es und ging nach Hause, um rastlos durch die eigene Wohnung zu irren. „Das Runterkommen war für mich ein Höllentrip schlechthin.“ Doch es wurde zur Gewohnheit, über Wochen und Monate. Dann starb ihr bester Freund.

Das Lächeln ist Jay nicht vergangen

Seither hat Jay Crystal nicht mehr angerührt, ihren letzten Joint rauchte sie Ende Juli. Es soll ein Abschied für immer sein. Für sie, aber auch für andere. Jay Jentsch hat eine Initiative gegründet, die der Jugend eine Perspektive ohne Drogen aufzeigen soll: „Smile Without Drugs“. Das Lächeln ist Jay nicht vergangen. Jetzt kämpft sie um Mitstreiter, doch sie fühlt sich bedroht – von der Szene, von früheren vermeintlichen Freunden.

Deshalb denkt sie darüber nach, Senftenberg zu verlassen. Im Oktober stellte sie dort auf einer Fachtagung ihre Projekt vor. Länger zu sprechen, strengt sie an, sie findet nicht immer die richtigen Worte. Die langjährige Sucht hat ihre Spuren hinterlassen, doch ihr Charakter ist stark. Vielleicht brauchte es eine Todesnachricht, damit ihr eigenes Leben eine Zukunft hat.

Von Bastian Pauly

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