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Die politische Karriere einer Freizeithose

Jeans in der DDR Die politische Karriere einer Freizeithose

Rebecca Menzel vom Zentrum für Zeithistorische Forschung vermittelt Schülern den Nimbus der Jeans in der DDR. Sie waren lange Zeit „ein ganz starkes politisches Symbol, weil die Regierung so sehr dagegen gewettert hat“, sagt Menzel.

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Jeans waren in der DDR nur schwer zu bekommen.

Quelle: Mustang-Jeans

Potsdam. Mit einem Alltagsgegenstand und Kultobjekt will Rebecca Menzel Schüler für die Geschichte packen. Um „Jeans in der DDR“ geht es in der Schülerakademie am heutigen Mittwoch im Bildungsforum. „Ich möchte eine Idee davon vermitteln, was es damals bedeutete, eine Jeans zu tragen“, sagt die Historikerin vom Zentrum für Zeithistorische Forschung ZZF Potsdam. Aus heutiger Sicht sei es eine absurde Vorstellung, „jemanden politisch einzuordnen, nur weil er eine Jeans trägt“, erklärt Rebecca Menzel. Aber genau das ist lange Zeit in der DDR gemacht worden.

In den 60er Jahren galten die Träger von „Nietenhosen“, wie das kultige Kleidungsstück offiziell bezeichnet wurde, als „Gammler“ und „Rowdys“. An Jugendklubs prangten Verbotsschilder wie „Nietenhosen – kein Einlass“. Dahinter stand eine einfach gestrickte Argumentation: Bis in die späten 60er gab es faktisch keine Jeans aus Ost-Produktion. Die Nietenhosen dieser Zeit mussten also aus dem Westen, vom Erzfeind persönlich kommen.

Rebecca Menzel

Rebecca Menzel

Quelle: Privat

„Die Jeans war von Beginn an ein ganz starkes politisches Symbol, weil die Regierung so sehr dagegen gewettert hat“, erklärt Menzel, die Doktorandin am ZZF ist. Wie sehr gewettert wurde, zeigt exemplarisch der Volksaufstand im Juni 1953, der staatlicherseits mit einer regelrechten Kampagne gekontert wurde. Die Aufstände, so hieß es, seien das Werk amerikanischer Saboteure, die man leicht an ihrer Kleidung erkennen könne: Texashemden und – natürlich – Nietenhosen.

Es dauerte einige Jahre, bis die DDR ihren Frieden mit der Jeans machte. 1968 – als die ersten Jugendmode-Läden öffneten – kam man im Osten auf den Gedanken, selbst die gefragte „Jugendbekleidung“ herzustellen. Die eigenen Marken hießen Boxer und Wisent, Goldfuchs und Shanty. Doch sie konnten den Westjeans nicht das Wasser abgraben. „Es gab nicht die nötige Baumwollqualität für die Stoffe“, berichtet Menzel. Und auch bei der Passform mussten mitunter Abstriche gemacht werden. Denn die offizielle Ansage war: Die Jeans durften nicht gesundheitsschädigend sein. Also bloß keine hautengen Beinkleider, in die sich die sozialistische Jugend hätte reinquetschen müssen.

Menzel, die für ihre Jeans-Forschung in Archiven gestöbert und Zeitzeugen befragt hat, fand Quellen, nach denen noch in den 70er Jahren mehr als eine Million West-Jeans an DDR-Bürger verkauft wurden – und zwar in den Intershops. Dort konnten diejenigen, die über Westgeld verfügten, Ware aus dem Westen einkaufen. Die Bedeutung der Jeans für Jugendliche hatte sich zum Ende der 70er Jahre geändert. „Sie hatte längst den Nimbus des Protests verloren“, sagt Menzel. Wer jetzt die blauen Beinkleider aus dem Goldenen Westen trug, demon­strierte eine gewisse Weltläufigkeit und zeigte, dass er privilegiert war.

Wissenschaftler im Dialog

Die Schülerakademie in der Wissenschaftsetage im Bildungsforum organisiert der Verein ProWissen Potsdam.

Die Veranstaltungen für Schüler sind als interaktiver Vortrag, Workshop oder Seminar konzipiert. Ziel ist es, dass die Teilnehmer in ungezwungener Atmosphäre mit Wissenschaftlern ins Gespräch kommen und Fragen zu aktuellen Forschungsthemen stellen können.

Info: Veranstaltungen in der Wissenschaftsetage www.wis-potsdam.de

Konstant blieb der Mangel. Die Nachfrage nach Jeans konnte schlichtweg nicht gedeckt werden. Selbst ein für 1978 geplanter großer Befreiungsschlag wurde zum Reinfall. In Rostock sollte die Produktion der Shanty-Jeans angekurbelt werden. Doch der Ausstoß des Werkes reichte nicht. Der Handel brauchte mehr. Der Druck stieg. Staats- und Parteichef Erich Honecker genehmigte schließlich höchstpersönlich, für 25 Millionen Valutamark eine Million Levi’s-Jeans zu kaufen. Sie gingen weg wie warme Semmeln.

Direkt nach der Wende war Levi’s bei den Ostdeutschen die Nummer 2 der bekanntesten Westmarken – gleich hinter C&A. Als die in Berlin-West aufgewachsene Historikerin Menzel das las, wurde sie neugierig. Und sie entdeckte in dem Kultobjekt Jeans ein Thema mit unwahrscheinlich vielen Facetten von Geschichte. Es geht um Konflikte zwischen Jugendlichen und Politik, um ökonomische Probleme und um Kulturpolitik. Ein ideales Objekt, um in Geschichte einzutauchen.

Von Ute Sommer

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