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Freyenstein: 100 Reichsmark in altem Buch

Bücherparadies als Geheimtipp Freyenstein: 100 Reichsmark in altem Buch

Der Alternative Büchermarkt in Freyenstein lockt auch Besucher von weither. Wolfgang Gerstmann betreut ihn seit dreieinhalb Jahren. Gerade an den Wochenenden haben Bücherfans und Schnäppchenjäger Zeit, sich auszuleben. Niemand weiß das besser als Wolfgang Gerstmann.

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Klaus Blocksdorf (l.) und Uwe Hartmann (r.) haben gerade Bücher gebracht. In der Mitte: Wolfgang Gerstmann. Quelle: Björn Wagener

Freyenstein. „Ein Euro, das ist ein super Preis, da kann man doch nichts sagen“, findet Wolfgang Gerstmann und tippt mit dem Finger auf den dicken Wälzer, der vor ihm liegt – die „Chronik des 20. Jahrhunderts“. Für diesen Preis wird er ihn anbieten und ist sich sicher, dass sich ein Liebhaber dafür finden wird. Das schwere Buch liegt ganz oben auf dem mit Lesestoff gefüllten Wäschekorb, den Klaus Blocksdorf und Uwe Hartmann gerade hereingetragen haben. „Ein Buch sollte mehr als nur einmal gelesen werden“, sagt letzterer und fasst damit gleichzeitig die Philosophie des Alternativen Büchermarktes in Freyenstein zusammen.

Ein Blick in einen Teilbereich des Alternativen Büchermarktes in Freyenstein

Ein Blick in einen Teilbereich des Alternativen Büchermarktes in Freyenstein.

Quelle: Björn Wagener

Wolfgang Gerstmann schließt die Türen zu der Bücherwelt des Freyensteiner Fördervereins in der alten Schule auch am Wochenende jeweils von 13 bis 16 Uhr auf. Er müsste es nicht. Er tut es ehrenamtlich. „Ich komme ein bisschen raus und mit Menschen zusammen“, sagt er. Das tue ihm gut, denn seine Frau starb 2012 an Krebs. Verarbeitet hat er ihren Verlust noch nicht. Die Erinnerung ist allgegenwärtig – in Gesprächen oder den kleinen Bildern, die an der Wand über dem Schreibtisch hängen. Auf ihm steht ein kleiner Flachbildschirm. Den habe mal ein Besucher aus Dorf Zechlin als Geschenk mitgebracht. „Sonst würde hier noch so ein ganz alter, großer Bildschirm stehen.“ Gerstmann freut sich über die Verbesserung – obwohl: Eigentlich sind Computer seine Sache nicht. Wenn größere Bücherspenden – wie die von Uwe Hartmann – hereinkommen, erfasst er das Ganze erst mal handschriftlich. „In den PC gebe ich das später ein, wenn ich Ruhe dafür habe“, sagt er.

Rund 20 000 Bücher aller Couleur

Mit der Ruhe ist das ohnehin so eine Sache. Meist schauen einige Besucher herein. Aber es habe auch schon Wochenenden gegeben, an denen niemand kam. Das ist heute zum Glück nicht so. Karsten Seidel hat sich soeben drei Bücher ausgesucht, nachdem er eine Weile durch die Regale gestreift ist. „Das sind dann drei Euro“, sagt Gerstmann. Einen Euro – mehr kostet hier kein Buch, egal wie dick, egal wie alt oder welchen Inhalts; Taschenbücher gar nur 50 Cent. Außerdem finden um Weihnachten und Ostern herum 50-Cent-Wochen statt. Das heißt, dann gibt es jedes Buch für diesen Preis. Mancher wolle dann immer noch handeln, sagt Gerstmann und kann es nicht verstehen. Rund 20 000 Bücher aller Couleur stehen im Alternativen Büchermarkt. Alles ist wohlgeordnet. Es gibt sogar einen extra Roman-Raum. Das alles ist längst über die Grenzen der Kleinstadt hinweg bekannt. Ausgelesenes wird angenommen und hoffentlich von neuen Besitzern gefunden. Dazwischen liegen viele kleine Geschichten und Begebenheiten.

Karsten Seidel schaut sich in den wohl gefüllten Regalen um

Karsten Seidel schaut sich in den wohl gefüllten Regalen um.

Quelle: Björn Wagener

Wolfgang Gerstmann erzählt sie gern. Einmal im Jahr komme ein Mann aus Hamburg, der sich großzügig mit Büchern eindecke. Auch habe es schon Gäste aus dem Rheinland gegeben. Häufiger kämen Spender und Käufer, zum Beispiel aus Rathenow, Potsdam oder Berlin. 70 Euro – das sei die höchste Summe gewesen, die in der alten Schule auf einen Schlag eingenommen wurde. Einmal habe ein Mann 100 Reichsmark in einem Buch gefunden. Überhaupt versteckt sich zwischen alten Seiten so manche Überraschung – Zeitungen, Eintrittskarten oder Handschriftliches wie Postkarten, Feldpost und Liebesbriefe. „Wir konnten den
Adressaten eines sehr eindeutig geschriebenen Liebesbriefes sogar ermitteln und den an ihn zurückgeben“, berichtet Gerstmann.

2000 Ansichtskarten auf einmal

Eine Kiste füllen allein solche Funde. Vielleicht werde da mal eine Ausstellung draus. Eine Frau aus Wulfersdorf nehme immer nur Konsalik. Eine andere Interessentin habe einmal 2000 Ansichtskarten aus DDR-Zeiten auf einmal gekauft. Als eines Tages eine Hitler-Biografie hereinkam, sei die „in einer halben Stunde“ weg gewesen. „Auch diese ganzen Ostpreußen-Sachen sind momentan sehr gefragt.“ Auf der Warteliste stehe derzeit allerdings William Faulkners „Als ich im Sterben lag“ ganz oben. Gleich drei Leser hätten dieses Buch gern. Bücher rund ums Kochen oder Stricken gingen allgemein gut, ebenso wie Biografien. Politik dagegen sei ein Ladenhüter.

Aber bei Wolfgang Gerstmann dreht sich nicht immer alles nur um Bücher. Es kommen auch Touristen, die fragen, wo man in Freyenstein essen gehen kann. Auch habe er schon Kuchen gebracht bekommen, weil er ja am Wochenende immer im Dienst ist. „Wir haben wirklich tolle Stammkunden“, findet der Herr der Bücher.

Eines aber sei „eine Katastrophe“ – und zwar das Hin und Her für Touristen, die sich den Archäologischen Park ansehen möchten, der direkt hinter der alten Schule liegt. „Sie kommen zunächst hierher, müssen dann aber erst ins Schloss, weil es nur dort die Audio-Guides gibt, und dann wieder hierher.“ Gerstmann fände es praktischer, wenn auch in der alten Schule Audio-Guides ausgegeben werden dürften. Aber der Gebäudeteil, in dem sich der Büchermarkt befindet, soll um 2018 abgerissen werden. Vielleicht zieht der Alternative Büchermarkt dann in den ehemaligen Center-Kauf am Markt. Sicher ist das noch nicht. Wie auch immer: Wolfgang Gerstmann möchte so lange wie möglich weitermachen. „Ich brauche das irgendwie.“

Kontakt: Vom 21. März bis 3. April finden im Alternativen Büchermarkt in Freyenstein wieder 50-Cent-Wochen statt. Öffnungszeiten: dienstags, mittwochs: 10 bis 16 Uhr; donnerstags, freitags: 10 bis 14 Uhr; samstags/sonntags: 13 bis 16 Uhr. Außer von Wolfgang Gerstmann werden diese Zeiten auch von Karin Tiedemann abgesichert.

Von Björn Wagener

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