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Jeder bringt seine Geschichte mit ins Haus

Internationale WGs in Stahnsdorf Jeder bringt seine Geschichte mit ins Haus

Die Stahnsdorfer Familie Kay hat ein großes Haus und vermietet ihre WG-Zimmer meistens an Ausländer. Die Eltern und die drei Söhne genießen das internationale Flair und die Menschlichkeit zwischen den Mitbewohnern unter ihrem Dach. Demnächst zieht ein syrisches Flüchtlingspaar ein.

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Ali Ismail und Matthias Kay (r.) leben nicht nur gut unter einem Dach, sondern teilen auch gemeinsame Interessen wie das Radfahren.

Quelle: C.. Krause

Stahnsdorf. Das Haus ist kein Hotel. Dennoch herrscht dort ein Kommen und Gehen, das das übliche Maß in einem Einfamilienhaus übersteigt. Der Bau aus den 1930er Jahren, in dem Astrid und Matthias Kay mit ihren drei Söhnen seit 2007 wohnen, ist unauffällig. Die über 300 Quadratmeter samt ausgebautem Dach- und Kellergeschoss teilen sich die Fünf mit vier Untermietern. Das Besondere: Es sind meistens Ausländer. „Studenten, Praktikanten, durchreisende junge Leute“, sagt die 49-jährige Hausherrin. Finnen, Polen, Amerikaner und Brasilianer waren schon da. Im Moment wohnen ein angehender syrischer Informatiker und ein kolumbianischer Student dort. Demnächst zieht eine Französin ein, die im Europarc Dreilinden ein Praktikum macht. Ihr folgt ein junges Flüchtlingspaar aus Syrien, die mit dem Boot übers Mittelmeer aus dem kriegsgebiet geflohen sind. Und bald kommt noch ein 18-jähriger Stahnsdorfer mit ins Haus.

Die Mieter bewohnen je zwei Wohngemeinschaften mit eigenem Zimmer, Gemeinschaftsräumen wie Küche und Bad. Wer einzieht, muss zur Familie passen. „Wir suchen schon aus“, sagt Matthias Kay (55), der als Chemieingenieur im Fraunhofer-Institut Teltow arbeitet und früher viel mit dem Rucksack in der Welt unterwegs war. „Ich wurde immer freundlich aufgenommen und bekam überall ein einfaches Bett“ – ob in Ostafrika oder auf den Seychellen. Persönliche Umstände zwangen die Familie, ihr Haus in Blankenfelde aufzugeben. Wohnen für die Eltern musste komplett ebenerdig möglich sein, denn Astrid Kay bekam Multiple Sklerose. Die lebensfrohe Frau sitzt im Rollstuhl und genießt die Gesellschaft: „Jeder bringt seine eigene Geschichte mit ins Haus. Ich mag die Menschen, die etwas aufbauen wollen und das Zwischenmenschliche. Dann denke ich nicht an die MS“, erzählt die einstige Siemens-Vertriebsangestellte. Sie hilft ihren Mietern beim Deutschlernen und bei Behördenzeug, nimmt Pakete an, liest schon mal eine Dissertation Korrektur und freut sich, „wenn ich mich auf Englisch unterhalten kann. Es gibt uns allen etwas, auch unseren Jungs“. Und die Mieteinnahmen sind nötig.

Was sich einmal „so ergeben hat“, ist quasi Konzept der deutschen Familie geworden. Den Aufruf des Kreises nach Wohnungen für Flüchtlinge, brauchte sie nicht. „Wir wollten sowieso welche aufnehmen“, sagen sie. Gekommen ist Ali Ismail aus Düsseldorf. Kein Flüchtling. Der heute 35-Jährige studierte in Aleppo Luftfahrtingenieurwesen, sattelte auf Informatik um und wollte in Deutschland studieren. Der Krieg kam dazwischen. Ali ging sechs Jahre nach Dubai, wo er gearbeitet und gespart hat. Vor zwei Jahren kam er nach Düsseldorf, lernte Deutsch und beantragte Asyl.

Die Stahnsdorfer WG-Wohnung unterm Dach teilt sich Ali Ismail jetzt mit einem kolumbianischen Studenten, den er vor zwei Jahren in Düsseldorf be

Die Stahnsdorfer WG-Wohnung unterm Dach teilt sich Ali Ismail jetzt mit einem kolumbianischen Studenten, den er vor zwei Jahren in Düsseldorf beim Deutschkurs kennengelernt hat.

Quelle: Claudia Krause

Seit sechs Monaten ist er Stahnsdorfer und findet Deutschland „einfach toll“. Am liebsten würde er sich jetzt in Stahnsdorf an der Bürgermeisterwahl beteiligen wollen. Negative Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit habe er keine gemacht, doch die Menschen in Westdeutschland seien „etwas freundlicher“ als im Osten, findet der junge Mann. Die Parolen der AfD ängstigen ihn nicht: „Das ist Demokratie“, sagt er. Seine Miete zahlt er selbst, übers Jobcenter Potsdam hofft er auf einen Nebenjob zum Studium. An der FU Berlin ist er jetzt in ein Welcome-Projekt integriert. Aus einer Halbjahresstelle im Fraunhofer-Institut Golm ist leider nichts geworden. Doch Ali grollt nicht. „Ich bin sehr glücklich und dankbar“, sagt der Syrer. Und Familie Kay ist es auch.

 

Von Claudia Krause

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