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Kleider machen Leute

Barock-Rokoko-Gemeinschaft aus Velten Kleider machen Leute

Welches kleine Mädchen träumt nicht einmal davon, als Prinzessin in schönen Kleidern durch die Schlösser und Parks des Landes zu flanieren. Die Mitglieder der Veltener Henry-Menzel-Barock-Rokoko-Gemeinschaft hat sich diese Träume erfüllt. Sehr zur Freude ihrer Mitmenschen.

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Henry Menzel als Graf von Lichtenberg (2.v.r.) und Karola Schilke als Prinzessin von Heidecksburg (links) mit der Barock-Rokoko Gemeinschaft vor dem Schloss Oranienburg.

Quelle: Foto: privat

Velten. „Macht euch einfach schick.“ So heißt es am Sonntag zum Orangefest für die Mitglieder der Veltener Henry-Menzel-Barock-Rokoko-Gemeinschaft. Dann werden die Kleiderschranktüren weit geöffnet und eines der vielen, schönen Kleider aus der Zeit des Barocks und des Rokokos ausgewählt, um beim Flanieren durch den Schlosspark die Festbesucher mit ihrem Anblick zu erfreuen.

Die derzeit acht Mitwirkenden der Gemeinschaft, darunter drei Herren sowie ein elfjähriges Mädchen, sind in ihren Gewändern eine Augenweide. „Aber unsere Kleider sind weder historisch korrekt, noch authentisch, sondern einfach nur schön“, erklärt Henry Menzel, der schon als Kind ein Faible fürs Historische hatte. „Wir wollen beim Flanieren den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.“ Schon als kleiner Steppke hat er mit seiner Mutter sämtliche Berliner Museen besichtigt. Sie brachte ihm auch die Kunst und die Literatur nahe. Mit Erfolg.

In späteren Jahren reiste der Speditionsangestellte, der seit 13 Jahren in Velten lebt, durch ganz Europa, besichtigte Schlösser, Gärten und Parks. Widmete sich dabei der Entstehungsgeschichte der prunkvollen Anwesen. Besonders Versailles oder der St.Petersburger Katharinenpalast haben bleibenden Eindruck hinterlassen. So viel Eindruck, dass sich Menzel 2013 mit seiner damaligen Freundin zur Schlössernacht in Potsdam passende Kleider kaufte und im Park damit spazieren ging. Sehr zur Begeisterung der jährlich 33 000 Besucher.

Die Idee der Gruppe war geboren. Nach und nach stießen weitere Interessierte dazu. Peu à peu füllten sich auch die Bügel in den Kleiderschränken. Und die Gruppe begann im In- und Ausland zu Schlössernächten und anderen Gelegenheiten ihre kostbaren Gewänder auszuführen. 2015 absolvierte man alleine 53 Auftritte, unter anderem in Spanien, in der Türkei und in Verona zur Verdi-Opernvorstellung von „Aida“. Sogar aus Dubai hat man eine Einladung erhalten.

„Wir bekommen für das Flanieren kein Geld, es ist Hobby und macht einfach Spaß“, stellt der 62-Jährige klar, da es auch berufliche Flaneure in historischer Kleidung gäbe. Nur den Eintritt zu Schlössern und Festen bekämen sie meist umsonst. „Es ist eine schöne Freizeitbeschäftigung, bei der man von der Arbeit abschalten kann und Glückshormone ausgeschüttet werden.“ Viel Geld haben die Fans des Barocks und des zeitlich folgenden Rokokos mittlerweile in ihr Hobby investiert. „Man kann Kleider für 1500 Euro kaufen oder bei Ebay mit Glück weniger als 100 Euro ausgeben“, verrät der Fachmann. Nur die Gewänder der Herren bestehend aus Weste, Hose, Rock, Stiefeln oder Schnallenschuhen werden stets maßgeschneidert. „Wir Frauen können wegen der langen Röcke bequemes Schuhwerk wählen“, freut sich Karola Schilke aus Velten.

Die Fünfzigjährige wurde durch Fotos von Bekannten auf die Gruppe aufmerksam. „Privat bin ich eher der Hosenmensch, aber schon als Mädchen wollte ich gerne eine Prinzessin sein.“ Als Prinzessin von Heidecksburg genießt sie nun die Aufmerksamkeit der jeweiligen Festbesucher. „Die Menschen sind positiver gestimmt, wenn sie uns sehen, lächeln und wollen sich mit uns fotografieren lassen. besonders Japaner, aber auch harte Rocker“, erzählt die Veltenerin. Sobald sie in die pompösen Gewänder geschlüpft seien, seien auch sie selbst andere Menschen. „Dann bin ich nicht mehr Henry Menzel, sondern nur noch Graf von Lichtenberg“, bestätigt der Gründer der Gruppe, der auch die Kunst seines Namensvetter Adolph von Menzels, der die Kunstwelt Berlins im 19.Jahrhundert geprägt hat, zu schätzen weiß.

Die adligen Namen der Mitglieder der Gemeinschaft werden im Internet erstanden. „Die Titel können für wenig Geld gekauft und sogar als Künstlernamen in den Pass eingetragen werden.“ In Schottland könne man sogar Landbesitzer und damit wirklich adlig werden, weiß Menzel.

Ihm ist es wichtig, sich auch mit der Etikette, der Sprache und den Hintergründen des Barock und der Zeit des Rokokos zu beschäftigen. Alle 14 Tage trifft man sich deshalb im Borgsdorfer Lindeneck, um sich den höfischen Tänzen des 18.Jahrunderts zu widmen. „Ich schreibe zudem Gedichte und entwerfe Schmuck“, berichtet der zweifache Vater und Großvater. Ihn fasziniere die Mode und er bedauere es sehr, dass heute viele Menschen keinen Wert mehr auf Benehmen und Kleidung legen würden. „Ein schönes Kleid gehört zu einem Opernbesuch oder Konzert dazu. Schon aus Respekt vor dem Künstler.“ Und in Turnschuhen könne man wahrlich nicht elegant laufen.

Am Sonntag kann man sich in Oranienburg davon überzeugen, dass Kleider Leute machen. Neue Mitglieder sind stets willkommen.

www.barock-rokoko.de

Von Ulrike Gawande

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