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Segway-Ballett in der Waschhaus-Arena

„Made in Potsdam“ mit packendem Auftakt Segway-Ballett in der Waschhaus-Arena

Als packende Inszenierung erwies sich das Segway-Ballett „Mein Touristenführer“, mit dem das Künstlerkollektiv „Kombinat“ am Donnerstagabend in der Waschhaus-Arena das fünfte Festival „Made in Potsdam“ eröffnete. Die Performance, die sich mit den großen Themen Mobilität und Migration beschäftigt, steht wieder am 16. sowie am 22., 23. und 24. Januar auf dem Programm.

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Maria Arnold (l.) und Tanja Watoro im Segway-Duett.

Quelle: Kombinat/Stefan Gloede

Potsdam. Wellenrauschen, Möwenrufe, blaues Licht. Das Publikum sitzt im Schatten verteilt auf Inseln, inmitten von Fahrbahnen mit weiß markiertem Mittelstreifen. Eine Frau rollt aus dem Dunkel in die Halle, aufrecht stehend auf einem Segway genannten Elektroroller mit kleinen, augengleichen Scheinwerfern. Sie dreht sich nach links, dann nach rechts, nimmt schließlich Fahrt auf und stößt beinahe mit einer anderen Frau zusammen, die zwei Gänge weiter auf genau so einer Erkundungsfahrt ist.

„Mein Touristenführer“ ist der Titel eines Segway-Balletts mit drei Darstellerinnen, dessen Uraufführung am Donnerstagabend in der Waschhaus-Arena die fünfte Folge des Festivals „Made in Potsdam“ für Tanz, Musik und bildende Kunst eröffnete. Migration und Mobilität sind die großen Themen des Eröffnungsstücks. Die Touristinnengruppe ist rasch formiert: Eine Frau führt, die anderen folgen im aufrechten Gänsemarsch auf leise summenden Gummireifen.

Und während sie so fahren, verharren, ausschwärmen, Pirouetten drehen, gestikulieren und wieder zueinanderfinden, erzählen, ja proklamieren sie mit größtem Ernst: „G’schwindigkeit ist alles, wir pfeifen auf den Wald“; „99 Kriegsminister, Streichholz und Benzinkanister“; „Denn wir leben auf einem blauen Planeten, der sich um einen Feuerball dreht.“ Und nachdem erst die Jüngste die Führung hatte, ist es nun die Älteste, die mit hohem Sopran lockt: „Follow me – to another Galaxy.“

Und während sie so fahren und reden, entwickelt das Stück mit fantastischer Gelassenheit eine Spannung, die bis zum Ende nicht mehr abklingen soll. Drei Frauen auf diesen sonst so albern wirkenden Elektrorollern beherrschen den Raum, spinnen, verwirren und entzerren immer neue Beziehungsgeflechte. Unterlegt ist das Ganze mit sparsam gesetzten musikalischen Motiven und meist gesprochenen Stichworten, Satzfetzen, Zitaten aus neuen und älteren Liedern, die wie ein ordentlicher Stadtrundgang Schicht für Schicht kollektive Erinnerung aktivieren.

Am Anfang standen Liedzeilen von Konstantin Wecker, Nena oder Marteria, doch bald geht es tief in die Vergangenheit. Eichendorffs „In der Fremde“ wird rezitiert und Zupfgeigenhansels „Ein stolzes Schiff streicht einsam durch die Wellen, es führt uns uns’re deutschen Brüder fort!“ über eine Zeit, als Deutsche aus der Armut nach Amerika flohen. Das bittere Motiv des von Beethoven vertonten Gedichts „Marmotte“ über das Elend von Schweizer Flüchtlingskindern in deutschen Landen klingt immer wieder an, ebenso das zum Ende hin fast sirenenhaft gesungene „Follow me“, dessen Ursprungsversion ein Ballermannhit der 1990er Jahre ist.

„Mein Land“ von Rammstein erkennt man ohne mörderische Gitarrenwände und mit Stimmen in hellem Echo nicht sofort: „Ich geh von Land zu Land allein/ Und nichts und niemand lädt mich zum Bleiben ein.“ Zu „Mein Land“, „Mein Land“, „Du – stehst – hier – in meinem Land!“ schrillen böse Klingeln. Eine Tänzerin wird sich in der Pose einer Bogenschützin zeitlupenhaft auf der Stelle drehen, während die anderen übers Publikum hinweg mit dem Zeigefinger aufeinander zielen, bis die Hände zum müden Winken erschlaffen.

Und noch immer gewinnt „Mein Touristenführer“ an Fahrt. „Autobahn“ von Kraftwerk, „Highway to Hell“ von AC/DC, „Desperado“ von den Eagles und/oder Udo Lindenberg und ein gutes Dutzend weiterer Hits werden in atemberaubender Abfolge eingeführt und spätestens, als aus Wencke Mhyres „Er hat ein knallrotes Gummiboot“ mit „Und wenn dann der Kopf fällt, sag ich: Hoppla!“ das düstere Lied der Seeräuber-Jenny folgt, hört man im Publikum amüsiertes Kichern.

Als schließlich ein jubelnder Applaus ausbricht, möchte man nicht glauben, dass das schon 70 Minuten waren.

Weitere Termine

Weitere Aufführungen des Segway-Balletts „Mein Touristenführer“ in der Waschhaus-Arena am 16. Januar, 21 Uhr, am 22. und 23, Januar um 20 Uhr sowie am 24. Januar um 16 Uhr.

Die nächste Deutschlandpremiere zum Festival „Made in Potsdam“ ist mit „Air“ von Malgven Gerbes und David Brandstedter am 16. Januar um 20 Uhr in der Fabrik.

Das komplette Festivalprogramm auf www.fabrikpotsdam.de

Seit 2009 macht das von der Choreografin Paula E. Paul und dem Medienkünstler Sirko Knüpfer gegründete Kombinat mit genreübergreifenden Inszenierungen von sich Reden. Das gemeinsam mit dem Musiker Tobias Unterberg und den Performerinnen Christine Jensen, Tanja Watoro und Maria Arnold produzierte Segway-Ballett „Mein Touristenführer“ erwies sich als geglückte Eröffnung des Festivals zum Jahresbeginn.

Von Volker Oelschläger

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