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Großer Schallplattenfan aus dem kleinen Zernitz

Sammler und Seltenes Großer Schallplattenfan aus dem kleinen Zernitz

Schallplatten sind nicht totzukriegen, sagt einer, der sich auskennt: Der Zernitzer Rainer Krukenberg (54) sammelt sie und handelt mit ihnen seit den 1970er Jahren. Er kann auf die kuriosesten Scheiben verweisen, und weiß so manches Detail aus der Szene zum Besten zu geben.

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Krukenberg mit normaler und farbiger Schallplatte. Teure Sammlerexemplare kosten 500 Euro. Auch von 10 000 hat er schon gehört.

Quelle: Matthias Anke

Zernitz. Staub. Alles, aber kein Staub ließe sich auf dem Plattenspieler erwarten bei jemandem, der Tausende Scheiben im Regal zu stehen hat, durch dessen Hände Abertausende schon ihre Besitzer wechselten. Doch Rainer Krukenberg in Zernitz, der an sein Haus nur noch ein Schild mit der Aufschrift „Plattenladen“ anzubringen bräuchte, darf das. Die Platten selber zu hören, hat er schließlich nicht unbedingt viel Zeit. Und ohnehin, sagt Krukenberg, funktioniere das Teil ja und sei regelmäßig in Gebrauch. „Platten müssen eben knistern“, sagt er und lacht.

Dabei wäre es um einige Exemplare viel zu schade, den Tonarm seines betagten „C.E.C. Chuo Denki“ überhaupt auf ihre Rillen zu legen. Es sind schließlich Stücke dabei, von denen es weltweit nur wenige gibt und die dementsprechend weitweit gefragt sind. Kurioses ist darunter. Bei „Moneytalks“ von AC/DC besteht das Cover schlicht aus einem gefalteten Poster, bei Alice Coopers „School’s out“ lässt sich eine kleine Schulbank daraus falten. „Auf Ebay bin ich nicht angewiesen. Wenn ich eine bestimmte Platte in die Hand bekomme, weiß ich in der Regel, bei wem ich mich in den USA oder Japan melde. Wer das meiste bietet, bekommt sie. Ganz einfach.“

Als die Großmütter Scheiben aus dem Westen mitbrachten

Dass der 54-Jährige bestimmte Sammler kennt, liegt an seiner Präsenz auf vielen Festivals oder Konzerten dieser Welt. Und das ist mit ein Grund, weshalb er seine Zeit einteilen muss. Krukenbergs Spezialgebiet ist dabei Heavy Metal. „Wir sind die, die die Schallplatte am Leben erhielten. Der Pop und alle anderen hatten sich mit der CD ja weitgehend verabschiedet.“

Alice Coopers Erstausgabe von „Billion Dollar Babies“ gab es 1973 in Brieftaschenoptik und mit „Geldschein“

Alice Coopers Erstausgabe von „Billion Dollar Babies“ gab es 1973 in Brieftaschenoptik und mit „Geldschein“.

Quelle: Matthias Anke

Krukenberg, dessen eigentliches Hobby es ist, Kriegerdenkmäler zwischen Oder und Elbe zu erforschen, und der neuerdings auch für die Kriegsgräberfürsorge arbeitet, ist auf den ersten Blick überhaupt kein Metaller. Vielmehr ist er der Typ Familienvater und Handwerker. Wer genau hinsieht, kann seinen Kapuzenpullover aber der Szene zuordnen. „Keep it true“ steht darauf. Es bedeutet so viel wie „beim einzig Wahren bleiben“ und ist der Name eines Festivals in Baden-Württemberg. In der Würzburger Gegend war Krukenberg erst im November. Da aber war es das „Hammer of Doom“, laut Fachmann „Black Sabbath mäßig, eher schleppend“. Im Februar geht es nach Newcastle, England, zum „Brofest“. Auch dafür wird er wieder eine seiner Kutten überwerfen, die hinter seinem Schreibtisch an der holzvertäfelten Wand hängen. Eine davon ist mit „Motörhead“ bestickt.

Schallplatte von „Iron Maiden“ in Schädelkopfform

Schallplatte von „Iron Maiden“ in Schädelkopfform.

Quelle: Matthias Anke

Dennoch wäre es bei Krukenberg mit dem Handwerker nicht von zu weit her geholt: Aufgewachsen im Rhinower Raum arbeitete er als Rohrleitungsmonteur. Als es zu DDR-Zeiten im Gegensatz zu heute nicht überall alles zu kaufen gab, florierte der Schallplattenschwarzmarkt. „Wichtige Quelle waren die Omas“, erinnert sich Krukenberg: „Rentner durften ja in den Westen reisen und bekamen entsprechende Aufträge. Meine Oma war allerdings wenig angetan, nachdem sie mit einer Platte der Gruppe ,Kiss’ unterwegs war. ,Die sehen ja aus wie die Deibels, so was bringe ich dir nie wieder mit’, sagte sie mir wegen der teuflischen Maskerade der Jungs auf dem Cover.“

Seit 1980 konnte Krukenberg sich selbst versorgen. Er hatte einen Ungarnurlaub genutzt, „um rüberzumachen“. Angekommen in der Flüchtlingsaufnahme im westfälischen Unna-Massen, ergatterte er als Erstes eine AC/DC-Scheibe. „Und dann Köln! War ja nicht weit weg. Da traten Kiss auf mit Iron Maiden als Vorband. Kannte kaum einer.“ In der DDR, wo 100 Mark zu löhnen waren für eine Stones-Platte beispielsweise, wurde sein Bruder zum gefragten Mann. Die Leute kamen selbst aus Sachsen nach Rhinow, um die Musik über ihre Tonbandgeräte zu kopieren. Krukenberg schickte immer den aktuellen Stoff. Er erzählt von „Slayer“ und vom ersten „Metallica“-Album. „Das war ein Erdbeben.“ In den 1990ern handelte er dann auf dem „Wacken Open Air“, als 8000 Leute dort waren und nicht wie heute über 80 000.

Bei Alice Coopers „School’s out“ lässt sich das Cover zu einer kleinen,  alten Schulbank falten

Bei Alice Coopers „School’s out“ lässt sich das Cover zu einer kleinen, alten Schulbank falten.

Quelle: Matthias Anke

Nach der Wende verschlug es Krukenberg nach Zernitz wegen seiner dort lebenden Tante. Von dort aus verdient er, der nicht viel zum Leben brauche, als Selbstständiger seit nunmehr 15 Jahren auch offiziell seine Brötchen mit den Platten. Innerhalb der Szene gibt es zudem wohl keinen anderen Experten mit seinem Spezialgebiet im Spezialgebiet: lateinamerikanischer Metal. Diesem widmet sich seine Internetseite www.metaleros.de. Er sicherte sich auch schon mal Musikrechte, brachte eigene Platten heraus. „Die Fabriken in der Tschechei sind super. Aber seitdem die Musikindustrie die Schallplatte wiederentdeckte, gibt es Wartezeiten von einem halben Jahr.“ Doch das sei „bloß wieder so ein Trend“. Am Ende aber, weiß Krukenberg, würden noch immer genug Bands und Fans dem Vinyl treu bleiben.

Vom Schellack zum Vinyl

Die Anfänge der Schallplatte reichen ins 19. Jahrhundert zurück. Schallsignale wurden in Rillenform auf Metallplatten als Negative gebracht und über Hartgummipressungen vervielfältigt.

Schellack, eine harzige Substanz aus Gummilack, wurde ab 1895 als Grundstoff eingesetzt. Er band Gesteinsmehl, Kohlenstaub und Tierhaare.

Seit den 1950er Jahren setzte sich Polyvinylchlorid durch.

Von Matthias Anke

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