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Nachrichtensperre bei der Potsdamer Konferenz

Journalisten hatten wenig zu melden Nachrichtensperre bei der Potsdamer Konferenz

Nein, die Journalisten hatten es im Somemr 1945 in Potsdam wirklich nicht leicht. Eigentlich muss es heißen: die Presse war mehr oder weniger von der "Potsdamer Konferenz" der "Großen Drei" ausgeschlossen. Was sich hinter den Kulissen zwischen Stalin, Truman, Churchill (später Attlee) abspielte blieb nebulös. Nur eines gab es: Fototermine. Und so entstanden einige Legenden...

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Schloss Cecilienhof im Neuen Garten in Potsdam.

Quelle: Christel Köster

Potsdam. Minen, klar. Aber Mücken? Dass ein sowjetisches Pionierbataillon in den frühen Juli-Tagen 1945 den Neuen Garten und Neu-Babelsberg nach Sprengkörpern absuchte, war eine kaum überraschende Vorbereitungsmaßnahme. Schließlich sollten die „Großen Drei“ in Potsdam gefahrlos verhandeln können. Von verplombten Kanaldeckeln wird allerdings nichts berichtet. Aber Amerikas Präsident hieß seinerzeit ja auch nicht George W. Bush, sondern Harry S. Truman. Bänglich war eher Generalissimus Josef W. Stalin, der seiner Flugangst wegen mit dem Zug aus Moskau anreiste, sich deshalb um einen Tag verspätete, damit aber noch die eigene Bedeutung herauszustreichen meinte. Dem Sicherheitsbedürfnis der Briten war unterdessen erst Genüge getan, nachdem die „Mosquitos“ gecheckt worden waren. Da schlug offenbar englische Kolonialherrenart durch. Denn erwartungsgemäß konnte „not dangerous“ gemeldet werden, Babelsbergs Mücken übertrugen keine Malaria. Wirklich bedroht war Premier Winston Churchill höchstens im Schlaf – als sein Bett unter ihm zusammenbrach ...

In der Zeitung stand das alles damals nicht. Keine Notiz über den Brand der Cecilienhof benachbart gelegenen Meierei, in der am 18. Juli 1945 das ausgelagerte Schlossmobiliar eingeäschert wurde. Aus den Zeitungen war damals überhaupt bloß lückenhaft zu erfahren, was zwischen dem 17. Juli und dem 2. August 1945 im Schloss Cecilienhof geschah respektive in Babelsberg, wo Stalin, Truman und Churchill in für sie beschlagnahmten Villen residierten, und das sich aus diesem Grunde in eine sowjetische, eine amerikanische und eine britische Zone teilte. Reporter hatten nichts zu melden auf und von der Potsdamer Konferenz, die sowieso nur eine Potsdamer geworden ist, weil die Reichshauptstadt für das ursprünglich als Berliner Konferenz geführte Gipfeltreffen zu kaputt war. „Es gab keine Pressekonferenzen“, erklärt Harald Berndt die Informationsflaute. „Nur Fototermine.“

Für einen ausstellungstauglich aufbereiteten „Pressespiegel“ der Potsdamer Konferenz scheint es trotzdem gereicht zu haben. Zumindest wagt sich Berndt, 1994 von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg als Kastellan nach Cecilienhof geholt, gemeinsam mit seinen Kollegen Teresa Härtel, Björn Ahlhelm und Matthias Simmich zum ersten Mal auf diese medienhistorische Brache. „Ausgewählte Artikel aus ausgewählten sowjetischen, amerikanischen, britischen, deutschen, französischen und polnischen Zeitungen haben wir zusammengestellt“, blockt Simmich indes allzu verstiegene Erwartungen ab. Ein aufgehängter Reader also, keine Enzyklopädie. Mehr war mangels Geld und Zeit nicht drin. Die Hoffnungen vor Beginn, die Berichterstattung während und die Bewertung der Ergebnisse nach der Tagung sind gleichwohl bestens nachlesbar. Und nachlesbar ist unter anderem auch, dass die als Inbegriff seriöser Journalistik geltende Londoner „Times“ hinterher als geheimstes Geheimnis lüftete, was die Franzosen durch einen deutlich ortskundigeren „Le Monde“-Korrespondenten schon vor der Konferenz erfahren hatten: den Namen Cecilienhof. Inklusive Beschreibung des zwölf Meter hohen Saals mit dem runden, extra in der Moskauer Möbelfabrik „Lux“ geschreinerten Tisch. Lediglich das Foto war falsch: Den Galliern wurde das Marmorpalais als Cecilienhof verkauft.

Womit sich Stalin, Truman, Churchill und – nach Sir Winstons Abwahl daheim auf der Insel – Clement Attlee in Potsdam beschäftigen wollten, referierten die Blätter allenthalben ziemlich komplett und vorab: Errichtung eines Rates der Außenminister, die Reparationsfrage, die polnische Oder-Neiße-Westgrenze, die Friedensverträge mit Italien, Bulgarien, Finnland, Ungarn, Rumänien, der Krieg gegen Japan. Doch, um mit dem Letzten anzufangen, genauso wenig wie die Öffentlichkeit erfuhr, dass sich Truman in seinem Babelsberger „Little White House“ für den Einsatz der Atombombe gegen das Reich des Tenno entschied, genauso musste sie sich mit mehr oder minder steilen Spekulationen zum Konferenzverlauf vertrösten lassen. Wie gesagt: Pressekonferenzen – Fehlanzeige. Eisernes Schweigen bis zum Abdruck des Abschlussprotokolls. Über das freilich durften sich dann selbst Werktätige in der „Prawda“ äußern.

Wofür die Nachrichtensperre gut war, mag hier dahingestellt bleiben, befördert hat sie jedenfalls Legenden. „Nein, John F. Kennedy saß nicht mit Dwight D. Eisenhower und Truman beim Tee in Cecilienhof“, schwört Kastellan Berndt. Das Date Trumans mit den „Presidents“ in spe habe in Babelsberg stattgefunden, korrigiert Simmich. Kennedy sei übrigens als Journalist nach Potsdam gereist. Seine Anwesenheit ist schwarz auf weiß dokumentiert. Fototermine eben.

Bilder können sehr beredt sein. Die von Kennedy etwa. Stets hielt er sich im Hintergrund, war aber bereits sehr kenntlich. Oder nehmen wir die offiziellen Fotos von Stalin, Truman, Churchill beziehungsweise Attlee: Die weiße Uniform des onkelhaft grienenden Sowjet-Imperators leuchtete heller als ein Churchill opportun fand. Der Mann aus dem Empire machte sichtlich verknurrte Miene zu des Diktators Machtmode. Zufriedener ruhte sein Kennerauge auf den stramm sitzenden Uniformen der russischen Regulierinnen, die Fähnchen schwenkend das nicht gerade stauverdächtige Verkehrsaufkommen lenkten. Über die Pontonbrücke zwischen Sacrow und Glienicker Ufer, mit der die Direktverbindung zwischen dem Flugplatz Berlin-Gatow und Babelsberg gesichert war, oder über die hölzerne Notbrücke unmittelbar neben der schwerst beschädigten Glienicker Brücke. Fotografien erzählen davon. Sie sind in den ehemaligen Arbeitsräumen der drei Delegationen zu betrachten.

Jährlich 180 000 Besucher kommen nach Cecilienhof, seltsam angezogen von der Architektur, die ein skurriler Anglizismus ist, doch mehr noch von der Aura dieses Schauplatzes der Weltgeschichte. „Ein Platz, der Emotionen provoziert.“ Bitte? Nach 60 Jahren? Wessen? „Die der Franzosen zum Beispiel.“ Simmich lacht. „Die können sich bis heute darüber echauffieren, dass sie nicht dabei gewesen sind.“

Von Frank Kallensee

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Das Protokoll zum Luftangriff: www.maz-online.de/Nacht-von-Potsdam