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Hunger, Wohnungsnot und ein heißer Sommer

Potsdam zur Zeit der Konferenz Hunger, Wohnungsnot und ein heißer Sommer

Die "Großen Drei", die Machthaber der Vereinigten Staaten, Großbritannines und der Sowjetunion, versammeln sich im Sommer 1945 in Potsdam und beraten über die Neuordnung Deutschlands und Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine historische Zäsur. Abseits der Konferenz geht der Alltag der Potsdamer weiter - irgendwie.

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Potsdam. Gerade erst zehn Wochen ist der Zweite Weltkrieg vorbei und wie überall im zerstörten Europa bemüht man sich im ersten Nachkriegssommer auch in Potsdam um eine Wiederherstellung von Normalität und Alltag. Im Juli 1945 fahren bereits wieder erste Buslinien im Zentrum und Linienschiffe sogar bis nach Werder. Der Schulbetrieb wurde wieder aufgenommen und im Waisenhaus ist man beschäftigt eine Stadtbücherei einzurichten. Auch die Feuerwehr ist bereits wieder voll einsatzbereit und das zerstörte Stadtzentrum wird enttrümmert.

Doch in Babelsberg hat sich auf dem heutigen Universitätsgelände am Griebnitzsee das Oberkommando der sowjetischen Besatzungstruppen unter Führung von Marschall Georgi Schukow eingerichtet. Es gilt offiziell die Moskauer Zeit. Auf Propagandatafeln im Stadtgebiet steht in russischer Sprache „Heil dem Großen Stalin“ und „Freies Europa!“ geschrieben. 

„Ende Juni erreicht uns das Gerücht, dass die Konferenz der Großen Drei in Potsdam stattfinden soll“, schreibt die Kunsthistorikerin Hanna Grisebach in ihrem Tagebuch. Sie lebt mit ihrer Familie in der Berliner Vorstadt – genau zwischen dem Tagungsort im Schloss Cecilienhof und den Unterkünften der Delegationen in Neubabelsberg. Ihre Wohnung wird kontrolliert, in ihrem Garten ein Posten aufgestellt, die Türen dürfen nicht mehr verschlossen werden. „Die Gärten werden gerodet und das Erdreich wird mit langen Stangen nach Minen durchstöbert, wodurch eine hässliche Wüstenei entsteht“, schreibt die 46-Jährige.

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Quelle: MAZ

Es herrschen Hunger, Wohnungslosigkeit und Temperaturen von mehr als 30 Grad, doch auf die Potsdamer Bürger und mehr als 10.000 Flüchtlinge, die sich in der Stadt aufhalten, kommen mit der Konferenz weitere Bürden hinzu. Schon am 18. Juni wurde der Neue Garten durch sowjetische Truppen gesperrt. Erste Gebäude in Neubabelsberg und nahe des Schlosses Cecilienhof werden beschlagnahmt. „Eine Verhaftungswelle geht durch die Stadt“ und „viele Männer werden abgeholt“, notiert Grisebach. Auf dem Wasser darf sich die Bevölkerung ebenfalls nicht mehr aufhalten. „Dagegen reiten Russen ihre Pferde zur Schwemme am Havelufer, nackt auf den ungesattelten Rücken der Tiere und wie in mythischer Vorzeit mit ihnen verwachsen scheinend“, beschreibt sie eine Begegnung. Den Bewohnern entlang der heutigen Bundesstraße 2 wird befohlen, die Flaggen der Alliierten an den Fenstern zu hissen. Der siebenjährige Nedlitzer Heinz Eckner schreibt in seinen Erinnerungen: „Nun muss man sich vorstellen, dass natürlich nicht mit den sowjetischen Truppen diskutiert werden konnte, wo man nach zwölf Jahren Nazireich amerikanische, sowjetische, und britische Fahnen hernehmen sollte“. Am Ende wurden Bettwäsche, Laken und andere Stoffe geopfert, um den Befehl in Handarbeit zu erfüllen.

Zu den sowjetischen Einheiten kommen nun britische und amerikanische Soldaten hinzu. Historische Filmaufnahmen zeigen wie US-Offiziere in Jeeps durch den Lustgarten am zerstörten Stadtschloss rasen und alliierte Einheiten durch die Innenstadt und entlang der Maulbeerallee marschieren. Auf der Sandscholle in Babelsberg spielen Mitglieder der britischen Delegation Fußball. Der interne Name des Platzes lautet „Wembley 2“.

Als am 16. Juli Josef Stalin eingetroffen ist, gilt für die Bewohner entlang der Verbindungsstrecke von Neubabelsberg zum Neuen Garten sogar Hausarrest. „Allmählich spüren wir unser Gefangenenlos als bedrückend und sehnen das Ende der Konferenz herbei“, schreibt Grisebach Ende Juli. Wenige Tage später hört sie Flugzeuge über die Stadt hinwegdröhnen „und es geht das Gerücht, dass in ihnen Truman und Attlee zurückfliegen. Am Tage darauf ziehen die Posten ab. Wir sind erleichtert, dass kein Zwischenfall oder Attentat sich ereignet hatte, wer weiß, was sonst mit uns geschehen wäre.“

Nur die Amerikaner und Briten ziehen Anfang August aus dem Stadtgebiet ab. Hinter ihnen senkt sich nach dem Potsdamer Abkommen der Eiserne Vorhang entlang der Stadtgrenze und über ganz Europa herab.

Von Peter Degener

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Das Protokoll zum Luftangriff: www.maz-online.de/Nacht-von-Potsdam