Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 5 ° Regen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Schuften für den Erzfeind

Für Stalins reise nach Potsdam wurden Gleise neu verlegt Schuften für den Erzfeind

Der sowjetische Diktator Josef Stalin litt unter Flugangst – daher kam er im Zug nach Potsdam. Männer wie Karl Heinz Schleinitz (94) mussten ein gesondertes Gleis für die Anreise verlegen, damit Stalin an der Konferenz im schloss Cecilienhof teilnehmen konnte.

Voriger Artikel
Tag 2: Warten auf den Generalissimus
Nächster Artikel
Tag 3: Ein erster kurzer Konferenztag

Geboren in Brieskow:Karl Heinz Schleinitz.

Quelle: Maurice Wojach

Potsdam. Denkt Karl Heinz Schleinitz an den Sommer 1945, rückt ein Wort in sein Gedächtnis – „dawai“. Der 94-Jährige sitzt bei einer Tasse Kaffee in seiner Plattenbauwohnung in Berlin-Lichtenberg, an der Wand hängt ein alter Dreschflegel.

„Dawei, dawei!“, hätten die sowjetischen Soldaten befohlen und er habe dem Arbeitsaufruf gehorcht. Ab auf den Boden, um die Bahngleise zu verbreitern. Wozu wohl die Schufterei? „Wir glaubten, wir werden die nächste Sowjetrepublik“, sagt er, „aber dass Stalin über die Schienen kommt, das dachte keiner.“ Vor 70 Jahren ließ die sowjetische Regierung ein russisches Breitspurgleis bauen, das bis ins besetzte deutsche Gebiet reichte. Auf einem Teil der Strecke mussten die Arbeiter, darunter viele deutsche Kriegsgefangene, das Gleis von europäischer Breite auf die russische umnageln. Josef Stalin hatte schlechte Erinnerungen an die turbulente Reise zur Konferenz der Alliierten in Teheran Ende 1943, den Diktator plagten Flugangst und Sicherheitsbedenken. Zum Treffen der „Großen Drei“ im Schloss Cecilienhof wollte er im gepanzerten Sonderzug durchfahren – von Moskau bis Potsdam.

Die Monate nach Kriegsende wirken im Leben von Karl Heinz Schleinitz wie ein loses Scharnier zwischen zwei sehr verschiedenen Abschnitten. Der Fluglehrer nahm als Jagdflieger an den Gefechten teil, drei Mal sei er abgeschossen worden. Der Überlebende gelangte über Umwege in die Nähe seines Heimatortes Brieskow (Oder-Spree), war als Landarbeiter in Rosengarten im Einsatz, heute ein Ortsteil von Frankfurt (Oder). Nach dem überstandenen Umbruch fand er sich in der DDR zurecht, baute ein Volkskunstensemble auf, arbeitete für „Tägliche Rundschau“ und „Neues Deutschland“, reiste nach China, schrieb Reportagen, später Romane, Theaterstücke und arbeitete für die DEFA. Vom Flieger zum Schriftsteller – an die kurze Zeit dazwischen hat er brüchige Erinnerungen, doch die Anstrengungen sind ihm noch bewusst.

Alle aus dem Dorf wurden zum Bahnhof gerufen, es galt die Strecke zwischen Frankfurt (Oder) und Rosengarten zu bearbeiten. „Das war eine Plackerei“, sagt der Rentner. Hinter dem Balkon der Wohnung von Karl Heinz und Gudrun Schleinitz geht ein Bauarbeiter mit einem Akkubohrer in der Hand, die Fassade wird saniert. „Damals lief alles über Muskelkraft“, sagt Schleinitz und erinnert sich daran, auf der Bahnstrecke mit einem Handbohrer Löcher in die Schwellen gebohrt zu haben. Sieben Jahrzehnte danach lässt sich nicht mehr sagen, an welchen Tagen Schleinitz genau im Einsatz war.

Der Historiker Burghard Ciesla könnte sich vorstellen, dass die Arbeiter aus Rosengarten in den Tagen vor Stalins Abfahrt unter anderem bereits bestehende Gleise ausgebessert haben könnten. Der Projektmitarbeiter der Universität Potsdam hat auch zu den Schienenwegen in Brandenburg geforscht. In einer seiner Untersuchungen ist nachzulesen, dass die sowjetischen Verantwortlichen schon viele Monate vor Kriegsende diskutierten, ob nicht für die Versorgung der Front die 1435 Millimeter breiten europäischen Gleise ausreichen könnten – mit dem Ziel, in der Sowjetunion ebenso dringend benötigte Loks und Waggons dort zu lassen.

Es kam anders, die deutschen Eisenbahnen genügten nicht, es erging der Befehl, „jeweils eine Strecke auf sowjetische Spur umzunageln“, kurz vor Kriegsende fuhren die ersten Züge auf der russischen Breite von 1524 Millimetern über die Oder. Der für Stalins Reise entscheidende Abschnitt durch Berlin nach Potsdam barg wegen der Kriegszerstörungen besondere Schwierigkeiten, er wurde zuletzt umgenagelt, alles wurde aber pünktlich fertig. Karl Heinz Schleinitz wusste nicht, für wessen Transport er damals ackerte, er tat einfach, was er musste – dawei, dawei! Der deutsche Ex-Jagdflieger hatte eine klare Einstellung zu Stalin. „Das war der Erzfeind der Nazis, der hatte uns besiegt“, sagt der Mann, der wacklig gehen, aber mit der Distanz von 70 Jahren bei solchen Sätzen süffisant lächeln kann.

Mindestens so wichtig wie die technische Arbeit war vor der Anreise Stalins der Sicherheitsaspekt. Schleinitz erinnert sich an sowjetische Einsatzkräfte rund ums Gleis, auch wenn ihm nicht bewusst war, wer da an seinem Dorf vorbeifuhr und gemütlich das dazugewonnene Gebiet begutachtete. Er habe gerade das Feld gepflügt, als der Zug vorbeifuhr. Von einer Anhöhe aus habe er ihm hinterhergeschaut. Heute ist bekannt, dass sich der um sich selbst besorgte Machthaber mehrmals täglich bei seinem Geheimdienstchef über die Geheimhaltung des Abfahrtstermins und darüber, wie dick das Panzerblech der Sonderwaggons sei, informierte.

Bei Burghard Ciesla ist nachzulesen, dass entlang der Strecke von Moskau nach Potsdam 17.000 Angehörige des Innenministeriums und 1515 Mitglieder operativer Mannschaften den reibungslosen Verlauf der Fahrt gewährleisteten, an jedem Kilometer standen bis zu 15 Personen Wache, außerdem fuhren acht Panzerzüge mit. Später sollte die russische Breitspur auf die europäische Norm zurückgenagelt werden, unter anderem weil die sowjetische Volkswirtschaft darauf angewiesen war, ihre Transportmittel wieder auf heimische Schienen zu setzen.

Karl Heinz Schleinitz erinnert sich, dass er zurück ans Gleis musste. Diesmal ging die Arbeit leichter von der Hand. Was dacht er? „Jetzt werden wir wieder Deutschland.“

Von Maurice Wojach

Zum Nachlesen : Karl Heinz Schleinitz hat einen autobiografisch geprägten Roman geschrieben, dessen Geschichte 1935?beginnt und mit den politischen Umbrüchen im Herbst 1989?endet: „... aber ruhig fließt der Strom“, erschienen bei R.G. Fischer, 751?Seiten, 38,95?Euro

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Die "Großen Drei" im Sommer 1945 im Schloss Cecilienhof

Im Potsdamer Schloss Cecilienhof fand vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 die Potsdamer Konferenz statt. Auf höchster Ebene verhandelten hier die drei Hauptalliierten des Zweiten Weltkriegs über das weitere Vorgehen Deutschlands und Europa verhandelt. Aber es gab auch ein Leben neben der Konferenz - und was für eins!

mehr
Mehr aus Potsdamer Konferenz
Sommer '45
Die "Großen Drei" im Sommer 1945 im Schloss Cecilienhof

Im Potsdamer Schloss Cecilienhof fand vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 die Potsdamer Konferenz statt. Auf höchster Ebene verhandelten hier die drei Hauptalliierten des Zweiten Weltkriegs über das weitere Vorgehen Deutschlands und Europa verhandelt. Aber es gab auch ein Leben neben der Konferenz - und was für eins!

mehr
Potsdams Innenstadt - vor und nach dem Krieg

Der 14. April 1945 ist ein sonniger, warmer Frühlingstag – ein Sonnabend.  Um 22:15 Uhr ertönen die Sirenen, Bomben fallen auf Potsdam und wenig später marschiert die russische Armee in Potsdam ein. Das Stadtbild ist ein anderes geworden.

Das Protokoll zum Luftangriff: www.maz-online.de/Nacht-von-Potsdam