Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 8 ° Regenschauer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Lange vor der "Stadt für eine Nacht"

Schiffbauergasse am Tiefen See Lange vor der "Stadt für eine Nacht"

Einmal im Jahr wird die Schiffbauergasse zur "Stadt für eine Nacht", aber das Gesicht der Schiffbauergasse ist vielfältig - und das Areal schon ziemlich alt. Wichtige Unternehmen sind hier ansässig wie der Softwarekonzern Oracle im restaurierten Koksseparator des ehemaligen Gaswerks. Erst im Juli 1990 wurde es stillgelegt. Der Gasbehälter wurde später ins Theater integriert.

Schiffbauergasse, Potsdam 52.403417 13.073775
Google Map of 52.403417,13.073775
Schiffbauergasse, Potsdam Mehr Infos
Nächster Artikel
Bald eine "Sieben-Tages-Stadt"?

Das Ölbild des Malers C. G. Gemeinert zeigt den Blick auf die heutige Schiffbauergasse im Jahre 1856. In der Mitte die alte Zichorienmühle.

Quelle: POTSDAM-MUSEUM FÜR GESCHICHTE

Potsdam. Wetten, dass der Standort Schiffbauergasse einst einer der saubersten Orte in Potsdam war? Porentief rein bis in die letzte Uniformfaser sozusagen. Der „Königlichen Garnisonswaschanstalt“ sei Dank. Von ihr kündet heute noch der hohe Schlot am Kunst- und Kulturzentrum „Waschhaus“. Die militärische Großwäscherei wurde Anfang der 1880er Jahre auf jenem wassernahen Areal errichtet, das bis ins 17. Jahrhundert hinein den wenig einladenden Namen „Potsdambsches Stopelfeld“ trug und als Holzlagerplatz diente.

Noch ungefähr ein weiteres Jahrhundert sollte es dauern, bis hier alles aufblühte – zumindest im übertragenen Sinne. Denn auch in der bäuerlich geprägten Mark hielt irgendwann die Industrialisierung Einzug. Das Mutterland dieses revolutionären Umbruchs ist bekanntermaßen Großbritannien und von dort stammte auch John Barnett Humphreys. Seiner innovativen Ader verdankt die Schiffbauergasse ihren Namen. 1787 in London geboren, zählte er hierzulande zu den Pionieren der Dampfschifffahrt. Grundlage dafür war ein Privileg, das ihm 1815 von der königlich-preußischen Regierung verliehen wurde. Humphreys, so hieß es darin, dürfe die „eigentümliche Methode, Dampfmaschinen zum Forttreiben von Schiffsgefäßen zu benutzen“ in Preußen nutzen.

Zunächst siedelte sich Humphreys mit seiner „Dampfboot-Baustelle“ in Pichelsdorf bei Spandau an, wo 1816 das erste in Deutschland gebaute Dampfschiff vom Stapel lief: die „Prinzessin Charlotte von Preußen“. Bald übernahm der Mittelraddampfer die segensreiche Aufgabe, mit Passagier- und Postdienst zwischen Berlin-Tiergarten, Charlottenburg, Spandau und Potsdam zu verkehren.

1818 verlegte Humphreys seine Werft an die Schiffbauergasse. Éin kurzes goldenes Zeitalter brach für den Ingenieur an. Höhepunkt war 1819 der Bau der „Fürst Blücher“ mit zwei Maschinen à 20 PS, einer Länge von 61 Meter und 7,60 Meter breit – damals das größte Dampfschiff Deutschlands. Längerfristig schaufelten die Schiffe aber keine Reichtümer in Humphreys’ Geldschatulle. Er verkaufte seine Werft an den preußischen Staat, der sie 1821 dichtmachte. Auch die Dampfschifffahrtsgesellschaft machte pleite.

Dass die Schiffbauergasse schon Jahrtausende vor der „Fürst Blücher“ ein Publikumsmagnet war, stellte sich 2002 heraus. Da machten Archäologen auf dem Baugelände des „Volkswagen Design Center“ eine aufsehenerregende Entdeckung: Sie stießen auf eine jungsteinzeitliche Anlage in Form eines breiten Grabens, der eine mehrere Hektar große Fläche umschloss – vermutlich ein religiöser Festplatz. „Das Erdwerk markierte die Grenze zwischen Heiligem und Profanem, Diesseits und Jenseits. Eine solche Anlage wurde erstmals im Land Brandenburg nachgewiesen, ist also ein sensationeller Fund“, heißt es in dem sehr lesenswerten historischen Abriss, den die Landeshauptstadt über den Kulturstandort Schiffbauergasse zusammengestellt hat. Gekrönt wurde die Ausgrabungstätigkeit, als die Wissenschaftler in dem Graben eine kultische Streitaxt fanden: rund 5500 Jahre alt und aus grünem Diabas gefertigt, einer wertvollen Steinsorte. Wahrscheinlich wurde die Axt als Opfergabe versenkt.

Apropos Streitaxt: Fast mutet sie wie ein prophetischer Vorbote für die spätere militärische Prägung des Geländes an: „Reithalle“, „Schirrhof“ – die Namen der heute meist kulturell genutzten Gebäude legen immer noch beredtes Zeugnis davon ab. Nirgendwo konnte man „Husarenritte“ besser bewundern als hier: 1838 hatte Friedrich Wilhelm III. den Bau der Leibgarde-Husaren-Kaserne befohlen. In der „Offiziersspeiseanstalt“ fanden Bälle und Gelage statt. Hier soll der spätere Kaiser Wilhelm II. bei den adeligen Offizieren jene militaristischen Sprüche aufgeschnappt haben, mit denen er später nicht gerade wohlwollendes Aufsehen in der Welt erregte.

Ob die Adelswelt und die hohen Offiziere sich je „Muckefuck“ einverleibten? Wohl kaum. Das Wort ist die verballhornte Form des französischen „Mocca Faux“ – falscher Mokka – und bezeichnete früher eine Art Ersatzkaffee ohne Koffein. Es war Kaffee der armen Leute, die sich das teure Luxusgetränk nicht leisten konnten. Schon 1799 ist eine „Zichorien Fabrique“ an der Havel erwähnt. Aus den gerösteten Wurzeln der „Blauen Wegwarte“ wurde in einer Windmühle Muckefuck hergestellt.

Nachdem die Zichorienmühle sowohl Flügel als auch Funktion verloren hatte, ließ Friedrich Wilhelm IV. sie durch seinen Architekten Hesse mit einem kleidsamen Zinnenkranz verschönern. Heute ist der Bau denkmalgeschützt und beherbergt das Seerestaurant „Il Teatro“ direkt neben dem Hans-Otto-Theater. „Bon appétit!“ statt Mocca Faux – das ehemalige „Potsdambsche Stopelfeld“ hat sich in Sachen Lifestyle ganz schön herausgemausert.

Von Ildiko Röd

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Stadt für eine Nacht
Stadt für eine Nacht 2016
Stadt für eine Nacht - der Rückblick
Stadt für eine Nacht in Potsdam

Sie ist ein Highlight für den Kulturstandort Schiffbauergasse. Am Wochenende strömten Tausende Besucher zur "Stadt für eine Nacht".

Stadt für eine Nacht 2013

Zum vierten Mal fand von 15 Uhr am Sonnabend bis 15 Uhr am Sonntag die "Stadt für eine Nacht" in der Schiffbauergasse in Potsdam statt. Rund hundert kostenlose Veranstaltungen lockten Hunderte Besucher an.