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Zwischen Biene Maja und James Dean

Stadt für eine Nacht 2010 Zwischen Biene Maja und James Dean

Künstler und Wissenschaftler, Tänzer und Besucher erweckten im September 2010 die "Stadt für eine Nacht" zum allerersten Mal zum Leben und füllten sie mit einem Mikrokosmos ungewöhnlicher und kreativer Ideen.

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Quelle: MAZ-Archiv

Potsdam. Sonnabendnachmittag, die Sonne scheint. Vor einer Stunde erst ist die „Stadt für eine Nacht“ eröffnet worden, doch über Bevölkerungsmangel kann sie nicht klagen. Potsdamer und Touristen gleichermaßen bummeln zwischen den individuell gestalteten Buden hin und her, werfen Blicke hinein. Auf der Bühne im Zentrum üben sich Kinder im Pirat-Sein. Hinten, auf der Wiese, fliegen Bälle hin und her. Auf einer hölzernen Tanzfläche im Fabrik-Garten ist Bewegung angesagt: Im steten Wechsel sorgen DJs volle 24 Stunden lang für Musik. Gerade läuft es ruhiger – zwei ältere Paare tanzen „Schieber“. Vor dem Eingang zum Fluxus-Museum geht es tänzerisch gewagter zu – hier kommt die Musik aus einem kleinen Handwagen.

Im Zeitraum für Fotografie, einem der fast 30 Stände der Stadt, ist ebenfalls Bewegung: Mit gefundenen Dias geben Kathrin Ollrogge und Markus Laspeyres einen Einblick in das Alltagsleben Unbekannter. Die Installation macht neugierig: In einem großen Glaszylinder wirbeln die Bildchen in einem immerwährenden Wasserstrudel durcheinander, eine Kamera filmt den Ursprung der Bewegung. Der Titel dazu passt: „Life streams“ – das Leben strömt.

Ein paar Meter weiter lockt der Begriff „Liebesgaben“ zu einer weiteren Kunstinstallation. Zwischen Gegenständen, die eine Assoziation zu Ex-Partnern wecken – im Zentrum steht ein Berg voller Kuscheltiere – findet man Ungewohntes, ein blechernes Werbeschild zum Beispiel.
Sonnabendnacht, der Mond steht am Himmel. Wissenschaftler vom Astrophysikalischen Institut haben ein Teleskop aufgebaut, mit dem man den Erdtrabanten fürs eigene Auge „heranholen“ kann. Das sinnliche Erlebnis steht dabei im Vordergrund – welches der vielen Meere man gerade erkennen kann, ist den meisten Sterneguckern in dieser Nacht unwichtig. Im „Nachtboulevard“ der Reithalle herrscht währenddessen Hochbetrieb. Ungeduldig warten vor allem Jugendliche darauf, dass sich die Türen öffnen. Leider kann nicht – wie ursprünglich geplant – ein Benjamin-Blümchen-Hörspiel mit Schauspielern stattfinden. Der Verlag hatte Wind von der charmanten Idee des Theaters bekommen und die Aufführung untersagt. Und so haben Peter Wagner, Holger Bülow und Florian Schmidtke eben „Biene Maja“ vorbereitet; ein absolut gleichwertiger Ersatz. Zur großen Freude des Publikums, das zum Teil auch auf dem Boden Platz nimmt, um dabei sein zu können, gibt das Trio seinem Affen Zucker. Schon bei der gesungenen Titelmelodie ernten die Schauspieler Lachsalven. Obwohl sie manchmal von Augenblick zu Augenblick die Rollen wechseln, haben die Gäste bald Wagner als Grashüpfer Flip und Schmidtke als Willi ins Herz geschlossen. Euphorisiert von der Reise in die eigene Kindheit sprechen auch gestandene Mittvierziger beim Gang nach draußen jenes charakteristische „Hü-hüpf“ des Grashüpfers nach.

Währenddessen werden beim Dauertanzen im Fabrikgarten gerade rockige Töne angeschlagen.

Sonntagmorgen, die Stadt ist noch nicht vollständig erwacht. In der „Kultfilmlounge“ der Reithalle schmeißt James Dean gerade ein Zigarette lässig aus dem Autofenster, obwohl er gerade ein Rennen fährt. Hinten, auf der Bühne, spielen sechs Teams aus der Schiffbauergasse und der Stadt gegeneinander Fußball. Auch im Hofgarten des Waschhauses sollte sich bewegt werden. Doch die Medizin nach Noten mit „Jane Fonda“ fällt anscheinend wegen allgemeiner Unlust aus. Während die zuerst von der Tanzfläche viel zu laut herüber schallenden Elektronikklänge jeden Kaffee überflüssig erscheinen lassen, ist Salt’N’Pepas folgender Hit „Push it“ für die Morgenstunde besser geeignet.

Noch immer wird getanzt, während sich bereits die nächsten Nachwuchs-Piraten bespaßen lassen. Claire Nicolas vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Bergholz-Rehbrücke zieht ein positives Resümee: „Die Besucher waren interessiert und haben Fragen gestellt. Morgens, als nicht so viel los war, konnten wir auch mal selber an den Ständen nebenan schauen.“ Unterdessen bemalt Peter Panzner von der Kunstschule die letzten freien Stellen des Pavillons. Die Arbeiten, von Kindern und Erwachsenen gleichermaßen auf die Folie des Standes der Kunstschule getuscht, werden das Ende der „Stadt für eine Nacht“ überdauern. Sie sollen Teil einer Ausstellung werden.

Von Sebastian Scholze

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