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Bald eine "Sieben-Tages-Stadt"?

Stadt für eine Nacht 2014 Bald eine "Sieben-Tages-Stadt"?

Stadt für eine Nacht und 25.000 Fans strömen in die Schiffbauergasse. Theaterintendant Wellemeyer wünscht sich Ausweitung der Stadt auf sieben Tage., damit man die Visionen der urbanen Zukunft und Diskussionen zur Potsdamer Innenstadt noch intensiver führen kann.

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24-Stunden-Fest am Tiefen See

Trampolinkunst: "Grand Jeté" gaben eine Kostprobe.

Quelle: MAZ-Archiv

Potsdam. Was für ein Anblick: Der dicke buttergelbe Mond über dem Tiefen See, fast wie aus einem Gemälde von Caspar David Friedrich, davor die wimmelnde Schiffbauergasse: Von oben sähe diese „Stadt für eine Nacht“ wie ein riesiger Ameisenhaufen aus. Sogar Frösteltemperaturen und Regenwolken konnten dem Gratis-Mega-Event keinen Strich durch die Besucherrechnung machen, die am Ende lautete: ungefähr 25 000 „Stadt“-Flaneure, genauso viele wie im Vorjahr.

Pünktlich um 14 Uhr hatten sich die unsichtbaren Stadttore zur mittlerweile fünften Auflage des Freiluftfests geöffnet. Für die Besucher war es eine Qual – die Qual der Wahl: Sollte man „hoch hinaus“ bei der Trampolin-Performance des Tanz- und Filmtheaters „Grand Jeté“, das in der Schinkelhalle spektakuläre Sprünge zeigte, oder rüber zum neuen Generationenchor des Waschhauses oder später dann der „Fabrik“ aufs Dach gucken, wo in luftiger Höhe eine Tanzvorführung lief?

Am besten: Einfach nur treiben lassen zwischen Urania-Pavillon mit „Sternenwelten“ und den Tropengewürzen am Biosphäre-Stand, zwischen dem „Primadonna“-Zentrum mit Musikkabarett und dem T-Werk, wo die rappelvolle „Vaudeville“-Aufführung wegen Publikumsandrang die Türen schließen musste, und vom Hans-Otto-Theater mit diversen Aufführungen wie dem „Kirschgarten“ hinüber zum Fluxus-Museum. Aber die „Stadt“ war nicht nur was fürs Auge, für die Ohren, für die Künstlerseele – sie stellte auch Fragen: „In welcher Stadt wollen wir künftig leben? Wie sieht die Stadt von morgen aus?“ Antworten und Denkanstöße wurden von unterschiedlichsten Akteuren geliefert. Beispiel: die Riesen-Jurte am Ufer, wo bei den Kulturcampern die Facebook-Gruppe „Debatten zur Gestaltung der Potsdamer Innenstadt“erstmals von Angesicht zu Angesicht diskutierte. Im Zelt der Fachhochschule erfuhren Neugierige unter anderem, was sie mit Restholz und -stoff machen können: Bitte ja nicht wegschmeißen, sondern dank eines neuen FH-Projekts als „Möbel aus Müll“ weiterleben lassen! „Anschließend bekommt das Möbelstück den Namen des Spenders“, erklärte Kommunikationsdesign-Studentin Christin Renner. Wer die Zukunft schriftlich haben wollte, war im Zelt von Friedrich Althausen richtig. Jeder durfte hier eigene Buchstaben kreieren: Das Ergebnis war eine Potsdam-Schrift, die man auf „www.typografisch-potsdam.de“ herunterladen kann. Aber was wäre eine Stadt ohne Tiere? Die in der Stadt von morgen sind jedenfalls eine hochinteressante Kreuzung, zumindest wenn es nach Sally (8) geht: „Das ist Ratt – eine Mischung aus Koalabär, Bär, Katze und Ratte“, stellte das niedliche blonde Nähtalent ihren rosagemusterten Teddy mit Knopfaugen vor, den sie in der Bastelecke von „Werkhaus“erschaffen hatte .

Beeindruckt von der quirligen Kreativ-Kommune war Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD), der auf „Staatsbesuch“ in der temporären Stadt war. Sein Fazit: „Man nimmt Anregungen mit: Das Thema ,Twitter und Bürgerbeteiligung’ fand ich spannend und das Verkehrssimulationsprogramm“.

Zufriedenheit auch bei den „Alteingesessenen“ an der Schiffbauergasse, die zusammen mit der Stadt ein Dreivierteljahr in die Vorbereitungen gesteckt haben. Tobias Wellemeyer, Intendant des Hans-Otto-Theaters und „Stadt“- Miterfinder, träumt sogar von einer zwar nicht räumlichen, aber zeitlichen Ausdehnung: „Eine Sieben-Tages-Stadt“, in der neue Zukunftsvisionen und -ansätze noch intensiver diskutiert werden.

Aber auch die nächste Zukunft präsentiert sich für die Schiffbauergassen-Anrainer positiv: Erstmals wird es eine einrichtungsübergreifende Sommer-Aktion von T-Werk, Waschhaus und Fabrik geben, um Jugendliche zu locken: „What’s Art“ heißt der Workshop (11. bis 15. August; hundert freie Plätze) mit Bildhauerei, „Sounds und Beats der Stadt“, Tanz und Kunstworkshops.

Im Hans-Otto-Theater gab es zu späterer Stunde viel nackte Haut. Zur „Ladies Night“ war der Theatersaal bis auf den letzten Platz besetzt – nicht nur mit Frauen. Spätestens, als am Ende die ersten Takte von Joe Cockers „You can leave your hat on“ ertönten und die sechs Schauspieler sich nach und nach ihrer Polizeiuniformen entledigten, war in manchem Besuchergesicht die Frage zu lesen: „Was mache ich hier?“ Die Frauen im Saal tobten trotzdem.

Je später die Nacht, desto jugendlicher die „Stadt“: Während das Getümmel an den Ständen draußen ruhiger wurde, lockte der Waschhaus-Klub nicht nur die Jugend mit Live-Musik. Auch Erwachsene tummelten sich nachts um ein Uhr noch in der Schiffbauergasse, die um diese Uhrzeit sonst in der Hand der Potsdamer Partygänger ist. Vor dem Konzert der Potsdamer Band „Blues Baby Blues“ war Geduld gefragt: Die Warteschlange zog sich durch das ganze Treppenhaus. Belohnt wurden die Wartenden am Ende mit einer halben Stunde tanzbarer Gitarrenmusik.

Getanzt wurde mitten in der Nacht im Freien vor der Waschhaus-Arena unter Kopfhörern. „Hölle, Hölle, Hölle, Hölle“, brüllte eine kleine Gruppe und warf die Arme in die Luft. Von Wolfgang Petry bekamen Umstehende ohne Kopfhörer aber gar nichts mit. Nur die Freiluft-Tänzer hörten bis in die Morgenstunden die Musik – ganz andere, als aus der Arena nach außen dröhnte.

Von Ildiko Röd und Friederike Steemann

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