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Vielleicht geht es auch ohne Dich

Kultur und Gesellschaft Vielleicht geht es auch ohne Dich

In Zeiten eines globalen Wettbewerbs und der ständigen Erreichbarkeit ist der Druck auf jeden Einzelnen enorm. Wie also gewinnt man den täglichen Wettlauf mit der Zeit? Wissenschaftler und Studenten der Potsdamer Hochschulen geben Rat und kennen ein paar Tricks.

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Der Wettlauf mit der Zeit kennt Sieger: oft auch Verlierer.

Quelle: Fotolia

Potsdam. Den Tag und die Arbeit organisieren? Für einen Professor der Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Organisation und Personalwesen kein Problem, oder? „Schwierig“, gibt Dieter Wagner, Inhaber besagten Lehrstuhls an der Universität Potsdam von 1993 bis 2012 zu. „Wenn die Frist für den Drittmittelantrag am 20. August ausläuft und man zugleich drei weitere Projekte am Laufen hat, um die man sich auch kümmern muss und man praktisch alles gleichzeitig zu erledigen hat, dann kann es schon kompliziert werden“, schildert Wagner das Problem. Dann schlägt man sich eben doch mal die Nacht schreibend um die Ohren, um wenigstens den einen Antrag rechtzeitig fertig zu bekommen.

In Zeiten eines globalen Wettbewerbs und der ständigen Erreichbarkeit durch Smartphones ist der Druck auf jeden Einzelnen enorm. Das weiß Wagner. Dabei setzte er sich als Dozent und ehemaliger Direktor und von „Potsdam Transfer“, der Einrichtung für Gründung und Technologietransfer der Universität ständig mit solchen Fragen auseinander. Doch wenn es hart auf hart kommt, verliert auch Wagner zuweilen die Übersicht. Und damit hat er das Problem der „Work-Life-Balance“ noch gar nicht berührt.

Zeit verlieren und gewinnen

„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ heißt einer der bedeutendsten Romane des 20. Jahrhunderts. Der Titel von Marcel Prousts Mammutwerk scheint ungewollt auf den Zeitmangel gemünzt, den wir tagtäglich erleben. Und ähnlich wie Prousts Held Marcel scheinen wir unsere kostbare Zeit ständig mit nutzlosen Dingen zu vergeuden. Die Pointe des Romans: Indem Marcel am Ende seines Lebens genau über diese angeblich nutzlos verlebte Zeit schreibt, schafft er ein Werk von zeitloser Schönheit.

Der Spin-Doktor für Zeitmanagement unserer Tage ist Lothar Seiwert. Der Wirtschaftswissenschaftler stürmt mit Büchern wie „Simplify your life“ oder „Wenn du es eilig hast, gehe langsam“ die deutschen Bestsellerlisten. Seine Ratschlägen: „Konzentrieren Sie sich auf das für Sie Wesentliche“, „Geben Sie Ihrem Tun einen Sinn“.

Das Smartphone ist geradezu das Symbol unserer heutigen Zeit- und Aktionsverdichtung. Auf kleinstem Raum komprimiert enthält das kleine Wunderding nahezu alle Funktionen der Kommunikation, des Organisierens, Informierens und der Verarbeitung von Information. Daneben macht es uns unweigerlich zu einem ständig verfügbaren Bestandteil eines weltweiten Netzes der Arbeitsteilung und Produktion.

Ein paar Tricks kennt er aber dennoch. „Ich habe es mir angewöhnt einen Notizzettel zu machen, auf dem ich die fünf wichtigsten Dinge schreibe, die ich im Laufe des Tages schnell erledigen muss.“ Wagner nennt diese Rubrik „das Dringliche“. „Nebenbei notiere ich mir drei oder vier Dinge, die ich nicht aus den Augen verlieren darf.“ Das firmiert unter der Rubrik „Wichtiges“. „Wenn man Dringliches abarbeitet, verliert man leicht die größeren Zusammenhänge aus dem Blick“, sagt Wagner. Zum Beispiel sein Vorhaben, zu den Freunden und Förderern der Universität auch noch bis zu 1000 Alumni hinzuzugewinnen oder die Universität wirklich zu einer Spitzenuni auszubauen.

Wichtig sei es, diese übergeordneten Strategien in konkrete Ziele zu übersetzen und für die Verwirklichung dieser Ziele auch Termine zu setzen. Hier dürfe auch schon einmal delegiert werden. Übergeordnete Ziele wie Alumni rekrutieren oder tatsächlich eine Spitzenuniversität aufzubauen werden in Sitzungen besprochen. Und dabei melden sich auch Fachabteilungen, die für einzelne Aufgaben zuständig sind.

Der Bibliothekswissenschaftler Hans-Christoph Hobohm von der Fachhochschule Potsdam (FHP) meint, dass Techniken, die die Bibliothekswissenschaft nutzt, auch auf den Alltag übertragen werden können: „Zum Organisieren von Information und Dokumenten kann man vielleicht sagen, dass so formale Kriterien wie Zeit, Ort, Urheber und Format meist die wichtigsten sind“, sagt er. Setzt man statt „Urheber“ und „Format“ einfach „Personen“ und „Aufgaben“ ein, hat man die Bestandteile eines Terminkalenders zusammen. An diese Kriterien solle man sich halten, findet Hobohm, ob beim Einräumen der Bibliothek oder bei der Organisation des Alltags: „Alle weiteren Ablage- oder Sortierkriterien haben die Tendenz unübersichtlich zu werden, weil jeder anders kategorisiert und jeder zu einem anderen Zeitpunkt andere Kriterien vergibt.“

Ansonsten gelten die Tipps, die auch der Wirtschaftswissenschaftler Wagner beherzigt: „Die Grundlage der Strukturierung des Tages ist vor allem die Prioritätensetzung“, sagt Hobohm. Auch er setzt „A, B oder C-Prioritäten“. Daneben legt er sich einzelne Schritte fest, „deren tägliches Erreichen eine Belohnung ist“.

Antoine Laufer, Student der Allgemeinen theoretischen Linguistik, berät jeden Herbst Studienanfänger. „Das Wichtigste ist, dass die Studierenden überhaupt anfangen.“ Viele fühlten sich von Anforderungen überrollt und verfielen erst einmal in eine Art Schockstarre. Aus dieser heraus komme man durch konkrete Aktionen. Dabei sei es gar nicht so wichtig, schon von vorneherein eine Wertigkeit der Aufgaben festzustellen. „Das Studium ist heute sehr individualisiert, man kann dieses oder jenes mit seinem Abschluss anfangen“, sagt Laufer. Was wirklich wichtig sei, lerne man erst im Laufe des Studiums selbst. „Ich muss sehen, was ich möchte – und die Stärken, die ich habe, die setze ich ein.“ Das große Stichwort sei Disziplin. Einer müsse sich zum Arbeiten zwingen, ein Anderer komme in der Freizeit auf gute Ideen – und mache sich dann mit Spaß ans Werk.

Grundlegende Fragen an die Strukturierung des Alltags hat dagegen Leo Vermeulen, der ebenfalls solche Beratungen macht: „Ich führe niemanden zu einer Arbeitshaltung, die nicht lebenswert ist“, sagt er. Vielmehr schaue er sich mit seinen Studierenden an, „warum wir Lebenswerte über Leistung definieren“. Unterwerfe er Neulinge blind dem Diktat der Selbstoptimierung, würde er nur „Neurotiker“ ausbilden. Er wolle aber „Menschen mit einem gesunden Selbstwertgefühl, die selbstbestimmt leben und dazu stehen können ,Nein’ zu sagen“.

Dem stimmt auch ein Betriebswirt wie Dieter Wagner zu. Vielleicht, so der Professor, sei das Sich-Aufreiben auch ein wenig „Wichtigtuerei“. „Vielleicht geht es auch mal ohne dich“, sagt er. Und vielleicht ist das der Grund, warum Wagner auf seiner Radtour das Smartphone ausschaltet, obwohl das neue Handbuch zum Personalwesen fertig werden muss.

Von Rüdiger Braun

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