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An der Seine, aber nicht in Paris

Vor der letzten Etappe An der Seine, aber nicht in Paris

Zehn Kilometer sind die Grönlandforscher von der Westküste entfernt. Die sollen am Sonntag geschafft werden. Doch einfach wird es nicht. Am Freitag und Sonnabend mussten die Forscher fast 40 Kilometer „fressen“, um in der Luftlinie 25 Kilometer voranzukommen. Eisbuckel und Wasserrinnen machen die Tour zur Tortur.

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Die Forscher am Schmelzwasserfluss Seine.

Quelle: Privat

Grönland. Wilfried Korth kann seine Begeisterung kaum zügeln. „Das hier gehört zu den Top 3 der exotischsten Plätze. Das ist abgefahren“, ruft er aufgeregt ins Satellitentelefon. Der Potsdamer steht direkt am Schmelzwasserfluss Seine, der seinen Namen französischen Forschern verdankt. 30 bis 40 Meter tief hat sich der Fluss ins Eis gegraben. Korth: „Unglaublich!“ 15 Meter breit ist der Wasserfluss, der in einer sogenannten Gletschermühle tosend in die Tiefe stürzt, um dann unter dem Eis bis zum Meer weiterzufließen. „Ein total verrücktes Spiel! Allein schon für diesen einen Tag, für diesen Anblick hat sich die Tour gelohnt“, gerät der Grönlandforscher Korth ins Schwärmen. „Hier wollte ich schon immer mal zelten.“

Die Seine in Grönland entschädigt die Forscher, die jetzt als Sechserteam unterwegs sind, für so manche Strapaze, die sie gerade am Freitag und Sonnabend auf sich nehmen mussten. Eisbuckel und viele Wasserhindernisse stellten sich den Abenteurern in den Weg. Irgendwann hatte Korth, der am Sonnabend den schweren Gepäckschlitten übers Eis zog, „die Nase voll“, immer wieder Umwege machen zu müssen. Er ging quer durch einen Fluss. Korth hatte ohnehin schon nasse Füße. Also, war es fast schon egal. Überrascht und auch ein bisschen erleichtert konnte der Potsdamer Professor für Vermessungskunde abends im Camp feststellen, dass sich an den nassen Füßen keine Blasen gebildet hatten. „Wahrscheinlich haben sich die Füße schon daran gewöhnt“, witzelt er.

Aus dem Tagebuch

Sonnabend, 5. September 2015

Wir sind fast am Ziel!

Nach einer unglaublichen Plackerei, vor allem für Wilfried, der stundenlang die 100kg-Pulka über die Eisbuckel gezerrt hat, haben wir nach 16 km Marsch die Seine erreicht. Es ist ein Schmelzwasserfluss, den französische Forscher Ende der 50er Jahre benannt haben. Er entwässert ein riesiges Gebiet und führt entsprechend viel Wasser. An der Stelle, wo wir zelten, ist er mehr als 40m ins Eis eingeschnitten. Aber nur 200m von uns entfernt verschwindet er in der Tiefe in einer Gletschermühle. Die ist zwar überweht, so dass sie nicht zu bestaunen ist, aber das Wassergrollen in der Tiefe ist auch beängstigend.

Nach etwa 14 km Marsch waren wir drauf und dran, die Strecke doppelt zu laufen, da die Pulka einfach zu schwer war für das Gelände. Ungezählte 1-3 m tiefe Rinnen mit 45 Grad Ufern sind mit dem Schlitten nur mit äußerster Kraftanstrengung zu bewältigen gewesen. Als Wilfried nach der gefühlt 500sten tiefen Rinne neben einem großen Fluss aufgeben will, findet sich plötzlich direkt vor uns ein Durchschlupf zwischen zwei großen Gletschermühlen. Danach ist das Gelände dann wie ausgewechselt fast glatt. Wir laufen die letzten 1,5 km bis zu unserem jetzigen Zeltplatz fast entspannt.

Dahinter geht es ca. 10 km ziemlich geradeaus zum „Festland“. Es wird zwar auch nicht leicht, aber die großen Flüsse, die unüberwindlich werden können, liegen hinter uns!

Zumindest einen davon mussten wir heute queren. Nicht mit trockenen Füßen. Das Wasser ging über die Gamaschen der Schuhe...

Wie oft wir heute in verdeckte Wasserlöcher eingebrochen sind, wissen wir nicht. Wilfried hat es heute mit seinem ersten Schritt im Zuggeschirr der Pulka geschafft und dann im Laufe des Tages zigmal mit beiden Füßen wechselseitig wiederholt. Das kalte Wasser quietschte den ganzen Tag in seinen Schuhen... Es gibt dagegen nur ein Mittel: einfach ignorieren und stoisch durch die Wasserlöcher weiterlaufen. Bei Temperaturen um null geht das.

Aber jetzt liegen wir ziemlich zufrieden in unseren klammen Schlafsäcken und freuen uns auf die letzte Etappe. Nicht weil sie besonders schön ist, sondern weil es die letzte ist.

Der Plan für den Sonntag ist ein Fußmarsch von rund zehn Kilometern. Dann sollte das Festland erreicht sein. Am Montag steht eine vergleichsweise entspannte Wanderung zum Treffpunkt mit dem Boot an. Zu diesem Treffpunkt kommen auch die Freundinnen von Uwe Hofmann und Tobias Küchenmeister. Mit dem Boot geht es am Dienstag für alle nach Ilulissat an der Westküste Grönlands.

Für Wilfried Korth beginnt die Sonntagsetappe wieder mit einem kleinen Wassereinbruch. Gleich am Morgen tritt er in ein Wasserloch. Der linke Fuß ist komplett durchnässt. Da muss er doch noch einmal trockene Sachen raussuchen, bevor es losgehen kann.

Von Ute Sommer

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