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Ein Wissenstempel in der Demontagehalle

Bauten der Wissenschaft Ein Wissenstempel in der Demontagehalle

Vor mehr als 100 Jahren begann die Berliner Maschinenbau AG – vormals Schwartzkopff – damit, in Wildau ein Lokomotivwerk zu errichten. Heute residiert an diesem Standort die Technische Hochschule Wildau. Ihr ist es gelungen, historische Industriebauten in die Moderne zu retten.

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Die moderne Hochschulbibliothek in einer alten Industriehalle.

Quelle: dpa

Wildau. Größer könnte der Gegensatz kaum sein. Fast 100 000 Bücher, Zeitschriften und andere Medien in einem hypermodernen, lichtdurchfluteten Gebäudekomplex – und oben, an der Decke dieses Baus ein rund 100 Jahre altes Tragwerk, an dem sogar noch die Laufschienen eines Portalkrans zu entdecken sind. Diese faszinierende Kombination ist an der Technischen Hochschule (TH) Wildau zu entdecken. Deren Bibliothek ist zusammen mit der Mensa in einem Industriebau aus den 1920er Jahren untergebracht.

Der Lokomotivenhersteller Berliner Maschinenbau AG machte damals seine Produkte in dieser Industriehalle versandfertig – die Loks wurden auseinandergebaut und verpackt. Heute gehen hier Studenten ein und aus. Im September 2007 wurde die Hochschulbibliothek in der Halle 10 offiziell in Betrieb genommen. Sie entstand nach Entwürfen der Berliner Architekten Rebecca Chestnutt und Robert Niess. „Es ist eine Symbiose der besonderen Art“, lobt Bernd Schlütter, Sprecher der TH Wildau, den Bau. In die Hülle des historischen Indu­striebaus wurde das moderne Innenleben eingefügt. Durch große Fensterflächen im Dach fällt reichlich Tageslicht in das Gebäude, durch das ein gläserner Aufzug rauscht. Der Altbau wurde zudem durch ein neu errichtetes Segment ergänzt.

In Halle 14 haben Seminarräume, Labore und Hörsaal Platz

In Halle 14 haben Seminarräume, Labore und Hörsaal Platz.

Quelle: Bernd Schlütter

Das Neue verhalte sich sehr harmonisch zum Altbau, sagt Schlütter. Das liege nicht zuletzt an den verwendeten Farben. Der moderne Stahlbeton wurde eingefärbt: mit warmen Terrakotta-Farben. Und auch die verwendeten Holzpaneele unterstützen diesen Farbton. Mit rund 13 Millionen Euro wurde dieser Bau gefördert. Im Jahr 2012 gab es für die außergewöhnliche Kombination und den darin angebotenen Service den Titel „Bibliothek der Jahres“, der vom Deutschen Bibliotheksverband verliehen wird. „Wir haben hier immer ein volles Haus“, sagt Schlütter über die Bibliothek. Sie werde von den Studenten sehr gut angenommen. Und bei öffentlichen Führungen über das Hochschulgelände sorge gerade die Halle 10 für so manchen Aha-Effekt bei den Besuchern.

Industrie-Tradition

Am Standort der heutigen TH Wildau errichtete die Berliner Maschinenbau AG – vormals Schwartzkopff – ab 1897 ein Lokomotivwerk.

Die 1991 gegründete Wildauer Hochschule nutzt eine ganze Reihe historischer Gebäude.

Neben den Hallen 10 und 14 ist dies das Haus 13, das ursprünglich das Verwaltungsgebäude der Berliner Maschinenbau AG war. Jetzt ist hier der Sitz des Hochschulpräsidenten und der Verwaltung.

Die Halle 17 – ebenfalls ein Bau aus den 1920er Jahren – war mal eine Abstellhalle für Lokomotiven. Seit 2013 wird das Gebäude als Hörsaalzentrum genutzt. Es beherbergt Seminarräume, Hörsäle und ein Audimax mit rund 400 Plätzen.

(Haus 19) entstehen zurzeit ein Studentenclub und eine Kindertagesstätte.

Der Wildauer Standort ist ein traditionsreiches großes Industriegelände. Etwa ein Drittel davon wird Schlütter zufolge heute von der TH Wildau genutzt. „Wenn man mal schaut, was auf diesem Drittel gewachsen ist, dann ist das schon etwas Besonderes“, betont der Hochschulsprecher. Ein weiteres Beispiel für den Spagat zwischen Alt und Neu ist die Halle 14. Bereits 1907 erbaut, wurde sie unter anderem als Räder- und Dampfzylinderwerkstatt sowie Ringwalzwerk genutzt. Anfang der 2000er Jahre begann der Umbau zu einem Hochschulgebäude. Die Pläne dafür lieferte das Berliner Architektenbüro Anderhalten. Dessen Grundidee war es, die denkmalgeschützte historische Bausubstanz der Montagehalle nahezu unberührt zu lassen. Sie wurde nur gereinigt. Danach bekam der „komplett hohle Vogel“, wie es Schlütter sagt, ein Innenleben Marke „Gebäude im Haus“. Zwei Gebäude – ein Dreigeschosser und ein Zweigeschosser – wurden in die Fabrikhalle gesetzt. Hier haben Seminarräume, Büros, Labore und ein großer Hörsaal Platz gefunden. Im Jahr 2007 wurde die modernisierte Halle 14 ihrer Bestimmung übergeben – zeitgleich mit dem Bibliotheksbau in Halle 10.

Um möglichst viel Licht in die Hörsaal-, Seminar- und Laborkomplexe der Halle 14 zu bekommen, sind sie wie Glaskästen aufgebaut. Die gläsernen Wände lassen sich aber bei Bedarf mit Jalousien blickdicht verschließen. Das werde Schlütter zufolge bei Prüfungen gern gemacht. Schließlich ist da die etwas abgeschottete, ruhigere Atmosphäre sehr willkommen. Diese Gebäudekomplexe können ganz normal beheizt werden. Das gilt allerdings nicht für die Gänge zwischen den „Glaskästen“. Der unmittelbare Fabrikhallen-Bereich kann im Winter also empfindlich kühl werden. Das sei ein Nachteil, meint Hochschulsprecher Schlütter. Aber der müsse für den schonenden Umgang mit der historischen Bausubstanz eben in Kauf genommen werden.

Mittlerweile sei der besondere Umgang der Wildauer mit ihrer Industriearchitektur sogar zu einem Standortvorteil geworden – sowohl für die Hochschule als auch für die Region. Schlütter: „Da ist etwas Herausragendes gelungen, das nicht viele vorzuweisen haben.“ Oder einfach ausgedrückt: „Dieses Ensemble hat einfach Charme“, so Bernd Schlütter.

Von Ute Sommer

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