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Das Gewöhnliche im Wunder

Weihnachtsfrieden 1914 Das Gewöhnliche im Wunder

Heiligabend im Kriegsjahr 1914: An der Westfront ließen britische und deutsche Soldaten die Waffen ruhen und feierten gemeinsam das Weihnachtsfest. Ein Weihnachtswunder? Nicht für den Potsdamer Militärhistoriker Markus Pöhlmann.

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Heiligabend 1914: Ein Deutscher Soldat nähert sich den britischen Linien.

Quelle: Imago/United Archives International

Potsdam. Diese Geschichte ist schon etwas ganz Außergewöhnliches. Erst recht, wenn man bedenkt, wann sie sich abgespielt hat: Heiligabend im Kriegsjahr 1914. Mitten im zermürbenden Stellungskrieg an der Westfront in Flandern verdrängten britische und deutsche Soldaten für ein paar Stunden, für ein paar Tage ihre verordnete Feindschaft. Sie ließen die Waffen ruhen, kletterten aus den Gräben und begingen gemeinsam das Weihnachtsfest. Soldaten sangen „Stille Nacht, heilige Nacht“ und wünschten sich „Merry Christmas“. „Die Weihnacht hatte aus erbitterten Feinden Freunde gemacht“, schrieb der britische Gefreite Frederick W. Heath in einem Brief von der Front. Kann es irgendeinen Zweifel daran geben, dass diese Geschichte am besten als „Weihnachtswunder“ tituliert wird?

Der Brief von Heath wurde im Januar 1915 in der „North Mail“ erstmals veröffentlicht. In der Neuzeit entdeckten Forscher dieses Zeugnis des „Christmas Truce“, also des „Weihnachtsfriedens“, wieder und gaben ihm erneut ein öffentliches Podium in britischen Medien wie dem „Independent“. Bis heute ranken sich Mythen um diese Kriegsweihnacht. Sie wird gern als grandioses Beispiel für einen „Frieden von unten“ herausgestellt. Für eine Verbrüderung kampfesmüder Soldaten, die sich unter dem besonderen Eindruck des Heiligen Abends auf ihre Menschlichkeit zurückbesonnen haben.

Rotes Kreuz


Krieg , das ist ein ritterlicher Kampf, in dem der Stärkere siegt – so das romantisierte Bild, das bis ins 19. Jahrhundert vorherrschte. Die Realität hatte wenig damit zu tun und umso weniger, je tödlicher die Waffen wurden.


wurde die europäische Öffentlichkeit durch Berichte von der Schlacht von Solferino 1859 zwischen Österreichern und Franzosen. 40 000 Soldaten starben, sehr viele von ihnen erst in den Tagen danach durch die unzureichende medizinische Versorgung.

Der Schweizer Henri Dunant , der die Schlacht als Augenzeuge erlebte, kümmerte sich um Verletzte und Sterbende beider Seiten. Später verfasste er ein Buch über seine Eindrücke, in dem er die Gründung von freiwilligen Hilfsgesellschaften zum Schutz von Verwundeten vorschlug. Das führte 1864 zur Aushandlung der ersten Genfer Konvention, die das humanitäre Völkerrecht begründete.

Die Rechte von Kriegsgefangenen und Verwundeten auf eine faire Behandlung wurden definiert. Schon ein Jahr früher wurde das Rote Kreuz als Organisation zum Schutz der Verwundeten ins Leben gerufen.

Mit solch überschwänglichen Bewertungen der damaligen Ereignisse räumt der Militärhistoriker Markus Pöhlmann auf. Pöhlmann, der am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr tätig ist und an der Universität Potsdam lehrt, bringt das Profane des Weihnachts-Wunders zum Vorschein. Nach seiner Analyse waren die Soldaten Ende 1914 schlichtweg nicht mehr in der Lage, mit großem Hurra-Geschrei die Kampfhandlungen fortzusetzen. Seit November saßen sie in ihren Gräben fest – wenige Meter vom Feind entfernt, der wie sie im Schlamm steckte, fror und mit Läusen zu kämpfen hatte. „Die Armeen waren nicht auf einen Stellungskrieg vorbereitet“, erläutert der Historiker. Es mangelte an Winterkleidung, die Verpflegung sei schlecht gewesen und selbst die Munition habe nicht ausgereicht. Der Krieg an sich „war zum Stillstand gekommen“, sagt Pöhlmann. Und genau das habe erst die Möglichkeit eröffnet, sich für eine kurze Zeit mit dem Feind zu verbrüdern.

Ohnehin seien im Ersten Weltkrieg Absprachen mit den gegnerischen Soldaten, ja sogar temporäre Feuerpausen keine Seltenheit gewesen. Auf diese Art habe man Pöhlmann zufolge beispielsweise Gefallene auf dem Schlachtfeld bergen können. Bei aller Euphorie, die auch noch heute den Begriff des „Weihnachtsfriedens“ von 1914 begleitet, weist der Potsdamer Experte darauf hin, dass an den großen Verbrüderungsszenen vor allem Briten und Deutsche beteiligt waren. Die Franzosen und Belgier, die von den Deutschen angegriffen worden waren und auf deren Grund und Boden der Krieg geführt wurde, hielten sich in den meisten Fällen zurück. Sie prosteten nicht so gern dem Feind zu, der ihr Land besetzt hatte. Weihnachten hin oder her.

Die Briten hingegen konnten beobachten, dass ihr traditioneller „Christmas pudding“ – ein gekochter Pudding und keine Süßspeise, wie wir sie kennen – bei den Deutschen großen Eindruck machte. Beim Anblick dieser Speise seien die Augen der Deutschen ganz groß geworden. Und „beim ersten Bissen wurden sie zu unseren Freunden – für immer“, schrieb der britische Gefreite Heath. Dieses „Immer“ währte allerdings nur wenige Tage. Dann ging das Verstümmeln und Töten aufs Neue los.

„Der Weihnachtsfriede 1914 klingt zwar schön, aber die Verlustrate auf deutscher Seite war nie so hoch wie bis zu diesem Zeitpunkt“, erklärt Harald Fritz Potempa vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam. Im Ersten Weltkrieg ließen durchschnittlich 1300 Soldaten pro Tag ihr Leben. Pöhlmann sieht in den damaligen Weihnachtsereignissen sogar etwas Ernüchterndes. Der Krieg war für die Menschen zur Gewohnheit geworden. Aufstehen, schießen, töten, essen, schlafen, aufstehen... Die Tage hatten ihren Rhythmus. Einen „grausamen Rhythmus“, wie der Historiker betont. Zu diesem Ablauf gehörten auch Pausen, die sich die Kämpfenden in der Not auch mal selbst nahmen. Wie zu Heiligabend. Sicher habe auch die „religiöse Prägung“, der Glaube an die Weihnacht dabei geholfen, dass die Soldaten im Gegenüber eben mal nicht den verhassten Feind sahen, räumt Pöhlmann ein. Der Potsdamer Experte aber ist überzeugt, dass die traurige Realität von Weihnachten 1914 mit der späteren Romantisierung der Ereignisse wenig zu tun hat.

Von Ute Sommer

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