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Der Karpfen im Netzgehege

Fischzucht Der Karpfen im Netzgehege

Die Experten des Sacrower Instituts für Binnenfischerei testen eine Produktionsmethode in einem Tagebaurestsee. Ziel ist es, junge Karpfen vor dem Appetit fischfressender Vögel zu schützen. Erste Ergebnisse der Pilotanlage liegen bereits vor. Sie lassen aufhorchen.

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Der Spiegelkarpfen ist ein Saisonfisch. Er kommt traditionell an den Feiertagen zum Jahreswechsel auf den Mittagstisch.

Quelle: Michael Hübner

Potsdam . Wenn Frank Rümmler vom K2 spricht, dann meint er nicht den legendären Achttausender, den Berg im Karakorum. Mit K2 meint der stellvertretende Direktor des Instituts für Binnenfischerei in Potsdam-Sacrow einen „zweisömmrigen Karpfen“. Einen Karpfen also, der seinen zweiten Sommer und somit seinen zweiten kräftigen Wachstumsschub erlebt. Denn um an Gewicht zuzulegen, braucht der traditionelle Festtagsfisch neben gutem Futter vor allem die Wärme. Bei Wassertemperaturen von 22 bis 25 Grad Celsius fühlt er sich wohl und wächst. Dann bringt er schon im zweiten Sommer gute 300 bis 500 Gramm auf die Waage. Doch damit fangen die Probleme an. Fische, die bis zu einem Pfund schwer sind, stehen ganz oben auf der Speisekarte von Kormoranen und Fischreihern. Für die Vögel sind sie noch leicht genug, um in die Luft entführt werden zu können, und sie sind schwer genug für eine mehr als anständige Mahlzeit.

Das hat für die Binnenfischer Brandenburgs schwerwiegende Folgen, wie Frank Rümmler erklärt. Die Verluste, die allein bei der „K2-Aufzucht“ anfielen, so der Experte, lagen in der Zeit von 2010 bis 2013 bei durchschnittlich 52 Prozent. Das heißt, mehr als die Hälfte der Aufzucht haben sich die Vögel als Snack geholt. „Da haken wir mit unserer Forschung ein“, sagt der Vizechef des Instituts für Binnenfischerei. Die Sacrower Wissenschaftler haben im Süden Brandenburgs eine Pilotanlage entwickelt und getestet, in der der Karpfen wohlbehütet aufwachsen kann. Er schwimmt zwar in einem See, bleibt dabei aber ständig von einem schützenden Netz umgeben. Für die Fische als Schwarmtiere sei diese Haltung kein Problem, sagt Rümmler. Der Experte spricht von einer „Produktion im Netzgehege“. Die habe es auch schon mal zu DDR-Zeiten gegeben, wurde dann aber wieder eingestellt, da die Ausscheidungen der Fische die Seen belasteten.

Der neuerliche Test steht diesbezüglich unter ganz anderen Vorzeichen. „Für die Fischaufzucht wird ein Tagebaurestsee in der Lausitz genutzt“, berichtet Rümmler. Diese Seen haben ihre Besonderheiten: Sie haben als Folge des Braunkohleabbaus eine höhere Eisenkonzentration in ihren Sedimenten. Das sieht man auch an der sogenannten Verockerung der Spree. Dieses Problem wird bei der Fischaufzucht zu einem Vorteil. Der Eisengehalt hilft dabei, den Phosphor aus den Ausscheidungen der Karpfen zu binden. Und der See gerät nicht aus dem Gleichgewicht. Seit fünf Jahren laufen schon die Tests. In der Zeit wurde die Qualität des Gewässers ununterbrochen kontrolliert. „Es hat in diesen fünf Jahren keine Verschlechterung des Zustands gegeben“, konstatiert Rümmler. Und das Ergebnis für die Fischzucht ist mehr als befriedigend. Rümmler zufolge sanken die Verluste bei den zweijährigen Karpfen auf 0,68 Prozent. Bei dieser Kon­stellation ist die Aufzucht im Netzgehege für die Binnenfischerei betriebswirtschaftlich interessant.

Festschmaus

700 Tonnen Speisekarpfen wurden im Jahr 2013 im Land Brandenburg erzeugt. Das ist im deutschlandweiten Vergleich Platz drei der Karpfenproduktion – nach Sachsen und Bayern.

In der Lausitz und in Bayern ist der Karpfen, der aus Asien stammt, besonders stark gefragt: entweder als Weihnachtsschmaus oder zu Silvester.

Der Spiegelkarpfen wird heute vor allem angeboten. Er hat kaum Schuppen. Nach einem alten Brauch soll eine Karpfenschuppe im Portmonee dafür sorgen, dass das Geld nicht ausgeht.

Denn nur wenn die Karpfen einen dritten und eventuell auch vierten Sommer erleben, klingelt beim Binnenfischer die Kasse. Die Drei- bis Vierjährigen, die gut und gerne zwei Kilo auf die Waage bringen, kommen zu Weihnachten oder Silvester auf den Tisch. Vor zehn Jahren hat sich Rümmler zufolge der Verbraucher noch mit einem Karpfengewicht von 1,5 Kilogramm zufriedengegeben. Zu DDR-Zeiten reichte sogar ein schlankes Kilogramm für den Verkauf. Jetzt darf es etwas mehr sein.

Die Sacrower machen mit ihrer Entwicklung die Karpfenzucht wirtschaftlicher. Das Projekt wurde vom Europäischen Fischereifonds mit Geld der EU und des Landes Brandenburg gefördert. Die Wissenschaftler haben es erst kürzlich abgeschlossen. Sie wollen aber weiter in diesem Bereich tätig sein, kündigt Rümmler an. „Denn gerade in der Lausitz gibt es sehr viele kleine Tagebau-Seen mit niedrigem pH-Wert und hohem Eisengehalt im Sediment“, ergänzt der Experte. Der pH-Wert lässt sich neutralisieren. Und die Eisenbelastung ist eine gute Voraussetzung für die Fischaufzucht.

Von Ute Sommer

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