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Der Klimawandel schlägt durch

Wetterextreme Der Klimawandel schlägt durch

Die heißen Sommer und extreme Wetterphänomene wie Stürme in aller Welt häufen sich. In Deutschland war der Sommer 2015 nach 2003 und 1947 der drittwärmste seit 1881. Müssten nicht solche Ereignisse die Skeptiker des Klimawandels eines Schlimmeren belehren?

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Sonne ohne Ende: Auch das Land Brandenburg konnte 2015 nicht über mangelnden Sonnenschein klagen. Doch das Idyll hat Kehrseiten: neben gesundheitlicher Belastung auch ausgedörrte Felder.

Quelle: dpa

Potsdam . Der Einschätzung der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) schließt sich Florian Imbery von der Klimaabteilung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Offenbach an: „Ja, 2015 wird auf globaler Ebene wohl das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen“, sagt Imbery. Für Deutschland allein betrachtet sehe das allerdings anders aus. Da sei das Jahr 2015 im Gesamtdurchschnitt seiner Temperaturen gar nicht so furchtbar warm gewesen. Trotzdem herrschte an Wetterextremen kein Mangel.

„Der November war einer der wärmsten seit 1881“, sagt Imbery. Und am 5. Juli wurde im bayerischen Kitzingen der Allzeit-Temperaturrekord in Deutschland geknackt. 40,3 Grad maß die dortige Station. Das waren immerhin 0,3 Grad mehr als die Megahitze im Rekordsommer 2003 in Karlsruhe und in Freiburg. Insgesamt war der Sommer 2015 nach 2003 und 1947 der drittwärmste in Deutschland seit 1881. Interessant war für die Meteorologen dabei besonders das ständige Auf und Ab. „Dem Zustrom heißer afrikanischer Luftmassen an der Vorderseite von Tiefdruckgebieten folgte kühlere Luft vom Nordatlantik“, schreibt der DWD in einem Gesamtbericht. In Berlin gab es sogar mehr Tropennächte, also Nächte mit einer Tiefsttemperatur von über 20 Grad, als im Hitzesommer 2003.

Wer Sonne und Wärme liebt, dürfte sich 2015 auch in Brandenburg ziemlich wohlgefühlt haben. Schon der Winter 2015 fiel mau aus. Die -10,7 Grad, die am 6. Februar im uckermärkischen Grünow gemessen wurden, sind zwar recht frisch, als märkischer Kälterekord des Jahres 2015 aber nicht sehr beeindruckend. Dagegen fehlte es nicht an Sommertagen, an denen die Tagestemperatur jeweils bei mindestens 25 Grad lag. Die höchste Anzahl gab es in Cottbus und in Manschnow (Märkisch-Oderland). An 57 Tagen maßen die Stationen dort solch sommerliche Temperaturen. Den Ruhm der längsten Sonnenscheindauer heimste das uckermärkische Grünow ein. 16,3 Stunden lang schien dort am 1. Juli die Sonne. Den Hitzerekord knackte Lenzen in der Prignitz. Am 4. Juli stöhnten die Bewohner dort unter 38,7 Grad. Überhaupt schien in Brandenburg in diesem Jahr die Sonne mehr als üblich. Um 15 Prozent wurde der Durchschnitt überboten.

Was den Touristen freut, muss für den Landwirt nicht unbedingt von Vorteil sein: „Das Jahr ist bisher zu trocken“, urteilt der stellvertretende Leiter des Regionalen Klimabüros des DWD in Potsdam, Frank Kreienkamp. Der Februar war dabei der trockenste Monat. Nicht mehr als neun Liter Regen pro Quadratmeter maßen die Stationen im Mittel. Das dürfte die Pflanzen und nicht zuletzt auch die Schifffahrt gestresst haben. Gestresst waren laut Florian Imbery von der Klimaabteilung in Offenbach auch die Länder der Südhalbkugel. „Wir hatten in diesem Jahr ein sehr starkes El-Niño-Ereignis im Südpazifik.“

Bei El Niño ändern sich die Druck- und Zirkulationsverhältnisse in dieser Region in einem solchen Maße, dass es sich auf die Meeresströmung auswirkt. Dabei werden klimatische Bedingungen praktisch auf den Kopf gestellt. Die Meteorologen vermuten, dass wir die eigentlichen Auswirkungen des diesmal ausgesprochen starken El Niño erst noch dieser Tage und Anfang Januar zu spüren bekommen. An den Küsten von Ecuador und Peru, wo zu dieser Jahreszeit bei normaler Meeresströmung das Wasser recht kühl ist, wird es sich durch El Niño aufheizen. „Wenn es sehr warm ist, sterben wegen des geringen Sauerstoffgehalts die Fische oder sie ziehen weg“, so Imbery. Das werde der Fischerei in Lateinamerika schaden. Gleichzeitig wird viel warmes Wasser verdunsten und an der Küste zu starken Niederschlägen führen. „Das kann zu Bodenerosionen, aber auch zu schlechten Ernten führen.“ Umgekehrt werde es in Australien wegen des dort nun kühleren Wassers weniger Verdunstung und damit noch weniger Regen in einer ehedem trockenen Region geben.

Klimawandel – die größte Geschichte aller Zeiten

Hans Joachim Schellnhuber wurde einer größeren Öffentlichkeit mit der Gründung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (Pik) 1992 bekannt. Seitdem setzen er und seine Mitstreiter sich unermüdlich für die Eindämmung des Klimawandels ein. Ziel: Rigorose Einschränkung des Kohlendioxidausstoßes. Schellnhuber ist eigentlich promovierter Physiker. Sein Vorstoß hin zu ökologischen Themen war unter anderem seine Studie über das Ökosystem Watt, die er auf der Grundlage der Chaostheorie machte. Jene Arbeit am Institut für Chemie und Biologie des Meeres in Oldenburg führte ihn in die Klimaforschung.

Laudato si’ – „Gelobt seist du“ – heißt die päpstliche Enzyklika zu den Themen Umwelt- und Klimaschutz, zu deren Präsentation am 18. Juni dieses Jahres Hans Joachim Schellnhuber exklusiv in den Vatikan geladen wurde. Mit Verweis auf den heiligen Franz von Assisi lädt Papst Franziskus „zu einem neuen Dialog über die Art und Weise, wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten“, ein. Schellnhuber nannte die Enzyklika „in jedem Bereich auf neuestem Stand“ und brach gar eine Lanze für die Religion. Nur Wissenschaft und Religion gemeinsam könnten „der Komplexität der Schöpfung gerecht werden“.

Autobiografie und Wissenschaft vom Klimawandel vereinigt Schellnhubers Anfang November erschienenes Werk „Selbstverbrennung“. Ausgehend von den Erfahrungen seiner Kindheit und den bald erfolgenden Veränderungen in seiner bayerischen Heimat Ortenburg erläutert der 1950 geborene Schellnhuber, wie die Menschheit durch Nutzung fossiler Brennstoffe eine globale Krise heraufbeschwor. Der menschgemachte Klimawandel sei die größte Geschichte „aller bisherigen Zeiten“. Werde er nicht eingedämmt, sieht Schellnhuber die Grundlagen unserer Zivilisation durch die enormen Veränderungen bedroht.

Nach Regen sehnt sich auch das sonnenverwöhnte Kalifornien. Dort herrscht wegen eines extrem regenarmen Sommers seit Anfang November Mangel an Grundwasser. Die Dürre hält nun schon seit 2011 an. Städte müssen deshalb den Wasserhaushalt reglementieren. Bewässern des Vorgartens? Derzeit an der US-Westküste verboten.

Was Stürme vermögen, wissen die Philippinos seit dem Taifun Haiyan im November 2013. Dass der überaus starke Taifun Dodong am 10. Mai dieses Jahres nicht gleichfalls zur Katastrophe wurde, ist nur besserer Vorwarnung und dem Umstand zu verdanken, dass Dodong die Küste nur streifte. Die Westküste Mexikos erwischte erst am 23. Oktober dieses Jahres ein Sturm. Der Hurrikan Patricia hätte mit seinen knapp 270 Stundenkilometern noch Schlimmeres als einige Todesopfer und Tausende zerstörter Häuser anrichten können, wäre er nicht auf dünn besiedeltes Gebiet getroffen und ziemlich schnell durchgezogen. Müssten nicht all diese schlagenden Ereignisse die Skeptiker des Klimawandels eines Schlimmeren belehren?

„Man kann nicht bei einem einzelnen Extremereignis sagen: Das ist der Klimawandel“, sagt Imbery. Allerdings gebe es statistische Häufungen, die auch Skeptiker beunruhigen sollten. Einen Rekordsommer habe es schon 2003 gegeben, der jetzige sei aber auch extrem. „Da war früher eher ein Abstand von 50 oder 60 Jahren dazwischen.“ Hinzu komme, dass die globale Durchschnittstemperatur dieses Jahr schon wieder getoppt werde. Und der Anstieg Letzterer sei bei allen Schwankungen durchweg ein Trend der vergangenen Jahre auf globaler Ebene gewesen. Ob der menschgemachte Klimawandel also auch nur noch in Teilfragen wissenschaftlich umstritten sei, beantwortet Imbery deshalb mit einem klaren „Nein“.

Fragt sich nur, was das für uns bedeutet. Vielleicht, dass man die Edelrebe Sauvignon bald sogar in Brandenburg gut anbauen kann. Aber über die noch trockeneren Böden dürften sich Brandenburgs Landwirte schon viel weniger freuen. Sorge machen Imbery auch die Hitzewellen. Besonders für Alte, Kranke und Babys seien Tropennächte mit über 20 Grad Celsius enormer Stress. „Wenn so etwas mal fünf Tage anhält, ist es richtig schlimm.“ Ob positive Auswirkungen des Klimawandels die negativen aufwiegen könnten, „fällt mir wirklich sehr schwer zu sagen“, meint Imbery.

Von Rüdiger Braun

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