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Der Roboter als Sprachtrainer

Informatiker wollen den Elektronenhirnen Empathie beibringen Der Roboter als Sprachtrainer

Menschenähnliche Roboter spielen schon Fußball oder begrüßen Kunden einer Bank. Jetzt wird getestet, inwieweit sie sich eignen, um Kindern im Vorschulalter Deutsch als Zweitsprache beizubringen. Pädagogen halten einen Einsatz unter bestimmten Bedingungen für sinnvoll.

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Passabler Fußballspieler und ­Gesprächspartner für Kinder, die Deutsch als Zweitsprache lernen: Der serienmäßig gefertigte Roboter Nao.

Quelle: CITEC/Universität Bielefeld

Potsdam. Der Roboter fasst sich mit der Hand auf den Bauch und krümmt sich ein wenig zusammen. „Ich habe Bauchschmerzen“, sagt seine Roboterstimme. Das Kind schaut ihn mitleidsvoll an und spricht nach: „Bauchschmerzen“. Noch ist die Szene eine Zukunftsvision, aber Forscher der Universität Bielefeld arbeiten daran, dass sie Wirklichkeit wird, mit dem jetzt gestarteten Projekt L2TOR (gesprochen El Tutor). Die Abkürzung steht für Second Language Tutoring using Social Robots, das heißt Förderung des Zweitspracherwerbs mit Robotern.

Nao heißen die menschenähnlichen Roboter des französischen Herstellers Aldebaran – 58 Zentimeter groß, gut vier Kilogramm schwer und gut 5000 Euro teuer. Die Geräte sind erprobt, werden etwa für Roboter-Fußball-Wettbewerbe eingesetzt. Für den Kita-Job müssen sie sehr aufwendig programmiert werden. „So weit sind wir erst in anderthalb Jahren“, erklärt Projektleiter Stefan Kopp. Die Wissenschaftler gingen zunächst einmal in die Kindergärten, um das Verhalten von Kindern und Erzieherinnen zu beobachten, so der Informatiker. Denn es sind anspruchsvolle Vorarbeiten zu leisten. Der 1,6-Gigahertz-Prozessor im Inneren des Roboters muss nicht nur die Antworten der Kinder verstehen, sondern auch ihren Gesichtsausdruck und ihre Körperhaltung erfassen und interpretieren. Und er muss dann entscheiden, wie er darauf reagiert.

Das über drei Jahre angesetzte Projekt, das mit Mitteln der Europäischen Union gefördert wird und in mehreren Ländern parallel läuft, wird auch von der Erziehungswissenschaft aufmerksam beobachtet. „Ich bin gespannt, was dabei herauskommt“, sagt Annette Dreier, die an der Fachhochschule Potsdam den Studiengang „Bildung und Erziehung in der Kindheit“ leitet. Der Roboter könne bei den Kindern sehr gut die Aufmerksamkeit wecken. Auch seien Maschinen geduldig darin, zur Not immer wieder das gleiche zu wiederholen.

Sprache hat mit Bindung zu tun

Vorstellen kann sich Dreier den Einsatz der Roboter aber nur in einem eng umgrenzten Feld. „Das Wesentliche beim Spracherwerb ist die soziale Interaktion“, betont sie. Da gehe es um Bindungsverhalten und darum, Gefühle und Gedanken mit einem anderen Menschen auszutauschen. Weder für den Erwerb der Muttersprache noch einer Zweitsprache im Kindesalter seien technische Hilfsmittel wie Fernsehen oder Tablet sonderlich geeignet. Viel kindgemäßer sei es, sich gemeinsam ein Bilderbuch anzuschauen. „Zusammen lesen ist eine Erfahrung, die man sich nicht durch Technik vom Hals halten sollte“, sagt Dreier.

In der Kita lernen Migrantenkinder Deutsch als Zweitsprache am besten im Gespräch mit anderen Kindern oder mit Erwachsenen, die sie als authentische Personen erleben, so Dreier. Und zu Hause sollte die Muttersprache in jedem Fall weiter praktiziert werden. Es sei irritierend für Kinder, würden die Eltern plötzlich zu einem womöglich noch mangelhaft gesprochenen Deutsch wechseln.

Sprachbad in der Gruppe

Am besten lernen Kinder in der Kita durch das sogenannte „Sprachbad“, sagt Susanne Kuger vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF). Damit ist die Alltagskommunikation gemeint, die in einer sprachgemischten Gruppe automatisch in Deutsch erfolgt. Die Erzieherin ist vor allem gefordert, die Kinder zu beobachten und frühzeitig einzugreifen, wenn Defizite oder Probleme erkennbar sind. Aus Sicht von Susanne Kuger kann der Roboter als Sprachtrainer helfen, um stille Kinder anzusprechen und zu aktivieren. Schon bisher würden zuweilen Tablet-Computer erfolgreich in der Kita eingesetzt. „Dabei kommt es natürlich auf die Steuerung an“, betont sie. Es reiche nicht, Kinder vor die Geräte zu setzen und machen zu lassen. Mediennutzung müsse gezielt angeleitet und begleitet werden.

Roboter als Lernspielzeug

In Bielefeld wird das Projekt L2TOR mit zwei Gruppen von Vorschulkindern starten: Türkischstämmige Kinder mit geringen Deutschkenntnissen und deutsche Kinder, die Englisch als Zweitsprache kennenlernen. Einige Untersuchungen ließen vermuten, dass die Roboter anderen E-Learning-Methoden überlegen seien, so Projektleiter Kopp. Sorge um die Arbeitsplätze im Kindergarten muss zumindest bisher niemand haben, die Geräte sollen keine Erzieher ersetzen. „Das ist ein interaktives Lernspielzeug als Ergänzung des Kita-Programms“, erklärt Stefan Kopp. L2TOR ist Grundlagenforschung. Die Informatiker versuchen, in Computer so etwas wie Empathie einzuprogrammieren. Nao soll die Kinder nicht bloß abfragen, sondern Gefühle erkennen und darauf reagieren. Wie das gelingt, ist offen.

Von Ulrich Nettelstroth

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