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Die Suche nach dem Lebensglück

Neben dem materiellen Wohlstand nehmen Forscher zunehmend subjektive Faktoren in den Blick Die Suche nach dem Lebensglück

Macht Geld glücklich oder nicht? Glücksforscher haben zwar herausgefunden, dass Armut und Arbeitslosigkeit unglücklich machen. Aber zur Lebenszufriedenheit trägt nicht so sehr der Reichtum bei, sondern es sind Faktoren wie Selbstbestimmung und vielfältige soziale Kontakte.

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Das Streben nach dem Glück bestimmt das menschliche Leben.

Quelle: dpa

Potsdam. Was ist Glück? „Die Definition ist schwer, weil verschiedene Dinge damit gemeint sein können“, sagt Barbara Lieberei, Chefärztin der Potsdamer Heinrich-Heine-Klinik. Das reicht vom glücklichen Zufall bis zu einer allgemeinen Lebenszufriedenheit, die viel mit Achtsamkeit und der Fähigkeit zum Genuss zu tun hat, so die Psychotherapeutin.

Die Ökonomie hat im Unterschied zur Psychologie lange Zeit einen Bogen um den Begriff Glück gemacht und sich an leicht zu quantifizierende Größen wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gehalten. Die Annahme: Steigt der Wohlstand, wächst in gleichem Maße die Zufriedenheit der Menschen. Es stellte sich aber heraus, dass rein materielle Zuwachszahlen wenig über das gefühlte Glück aussagen. Denn in den vergangenen Jahrzehnten ist der Wohlstand in westlichen Gesellschaften massiv gewachsen. „Frühere Befragungen zeigen aber, dass im gleichen Zeitraum keine Zunahme der Lebenszufriedenheit zu verzeichnen war“, erklärt Ronnie Schöb von der Freien Universität Berlin. Das ist das sogenannte Easterlin-Paradoxon, benannt nach Richard Easterlin, der das Phänomen 1974 erstmals beschrieb. Die Menschen nehmen ihren Wohlstand nur im Vergleich zum Niveau anderer Menschen wahr, so der Finanz-Experte. Wird die gesamte Gesellschaft gleichmäßig reicher, ändert sich am Ranking nichts. „Außerdem gibt es Gewöhnungseffekte“, sagt Schöb. Wer regelmäßig im Luxusrestaurant speise, empfinde dabei bald kein besonderes Glück.

Die Lebenszufriedenheit ist also eine eigene Größe, unabhängig vom Wohlstand. Der Himalaya-Staat Bhutan erhebt sogar offiziell das Nationalglück. Für den jährlich veröffentlichten deutschen Glücksatlas werden Menschen nach ihrer Lebenszufriedenheit gefragt. Die Brandenburger liegen dabei im bundesweiten Vergleich regelmäßig am unteren Ende der Skala. Im internationalen Ranking steht Dänemark an erster Stelle und Deutschland auf Platz 26. Für Ronnie Schöb haben solche internationalen Vergleiche aber eine geringe Aussagekraft. Es sei immer kulturell vorgeprägt, als wie glücklich sich Menschen einstufen. Relevanter seien Langzeituntersuchungen, wie sie etwa mit dem sozioökonomischen Panel des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) durchgeführt werden. Ein Ergebnis: Wer arbeitslos geworden ist, dessen Lebenszufriedenheit geht deutlich nach unten. Der Zusammenhang ist sogar stärker als bei der Scheidung vom Partner, die ebenfalls unglücklich macht. Während aber Geschiedene allmählich wieder eine ausgeglichene Stimmung erlangen, bleibt sie bei Langzeitarbeitslosen dauerhaft im Keller. Das ändert sich erst beim Übergang in den Ruhestand. Obwohl sich das verfügbare Einkommen dadurch meist nicht erhöht, steigt beim Übergang in die Rente die Lebenszufriedenheit deutlich, so Schöb – ganz anders als bei Erwerbstätigen, die als Ruheständler oft zunächst einmal etwas weniger glücklich sind. Eine Erklärung: Für Rentner gibt es mehr soziale Anerkennung als für Arbeitslose.

Neben der allgemeinen Lebenszufriedenheit erfragen Glücksforscher auch das emotionale Wohlbefinden. Mit der Tagesrekonstruktions-Methode werden die Gefühle für jeden Teil des Tagesablaufs erfasst. Erstaunlich, so Schöb: Hierbei gibt es keine allzu großen Unterschiede zwischen Erwerbstätigen und Arbeitslosen. Und obwohl Arbeit für die Lebenszufriedenheit so wichtig ist, fühlen sich Beschäftigte während der Arbeitszeit eher unglücklich.

Psychotherapeutin Barbara Lieberei hat einige für das Glücksgefühl wichtige Bedingungen ausgemacht. Dazu gehört eine gewisse Achtsamkeit sich selbst gegenüber und eine Fähigkeit zum Genuss, zum Sich-Zeit-Nehmen für positive Empfindungen. Mit ihren Patienten macht sie ein Genuss-Training. Da wird etwa eine Mandarine ganz langsam und mit großer Aufmerksamkeit für jedes Detail gegessen. Ein möglichst authentisches Leben nennt sie als weiteren Punkt. „Es geht darum, nicht für den äußeren Schein zu leben“, erklärt sie. Zur Lebenszufriedenheit gehöre auch, bewusst dankbar für die Dinge zu sein, die man habe und sich nicht so sehr auf Defizite zu fokussieren. Bescheidenheit scheint also das Glück zu befördern. Um Askese geht es aber nicht. Neuere Studien der ökonomischen Glückforschung zeigen, dass auch das absolute Niveau des Wohlstands eine gewisse Rolle spielt, betont Ronnie Schöb. „Mehr ist besser als weniger“, sagt er. Schließlich bringe ein ökonomisches Wachstum Verbesserungen etwa bei der Gesundheitsversorgung.

Die Erkenntnisse der Glücksforschung haben eine Bedeutung auch für einzelne Politikfelder. Klimaforscher Linus Mattauch vom Forschungsinstitut MCC Berlin hat untersucht, was die Glücksforschung zur Lösung von Verkehrsproblemen beitragen kann. Beim Pendeln zur Arbeit sind die Menschen eher unglücklich, und zwar besonders, wenn sie mit dem Auto im Stau stehen. Trotzdem wählen immer noch viele eine Kombination von Wohnen und Arbeit, die genau diese Art des Pendelns bedingt. „Das hat damit zu tun, dass bei der Entscheidung externe Belohnungen wie ein schönes Haus und ein attraktiver Job gut erkannt werden“, erklärt Mattauch. Stressfaktoren wie die beim Pendeln verlorene Zeit würden dagegen eher ausgeblendet.

Für sein Glück ist jeder selbst verantwortlich, mit gutem Grund. Beglückung von oben ist in einer freien Gesellschaft nicht erwünscht. Aber die Politik kann Angebote machen, so der Wissenschaftler, indem sie zum Beispiel Radschnellwege baut. Körperliche Bewegung erhöht erwiesenermaßen das Wohlbefinden und Radfahren senkt den Stresspegel. Wird die Anzahl der Autofahrten dadurch reduziert, erhöht das die Lebensqualität für alle Stadtbewohner. Je höher die Qualität der zu Fuß erreichbaren Umgebung sei, desto geringer sei auch das Depressionsrisiko, sagt Mattauch. Glücksforschung liefere die Idee von einem Wohlstand, der nicht in reinen Wachstumszahlen zu messen sei.

Von Ulrich Nettelstroth

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