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Schon lange ein Einwanderungsland

Mein Standpunkt Schon lange ein Einwanderungsland

Der Zeithistoriker Thomas Schaarschmidt, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, sieht in der Zuwanderung eine Herausforderung und Chance für Deutschland. Er ist unter anderem Experte für die Entwicklung beider deutscher Staaten und für die damaligen innerdeutschen Beziehungen.

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Sie wählen den Seeweg, um die „Festung Europa“ zu erreichen. Die mit über 10 000 Albanern völlig überbesetzte „Vlora“ lief am 8. August 1991 in den italienischen Hafen von Bari ein.

Quelle: MAZ/Archiv

Potsdam. Thomas Schaarschmidt vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam ist unter anderem Experte für die Entwicklung beider deutscher Staaten und für die damaligen innerdeutschen Beziehungen.

MAZ: Es heißt, wir erleben gerade die größte Fluchtbewegung seit 1945. Ist das so?

Thomas Schaarschmidt: Wir müssen uns da auf Schätzungen verlassen. Aber es gibt starke Fluchtbewegungen auf allen Kontinenten, nicht nur in Europa. Daher kann das stimmen.

Wann waren in Europa schon einmal ähnlich viele Menschen auf der Flucht?

Schaarschmidt: In den frühen 1990er-Jahren kam es durch den Zusammenbruch in Albanien und die Kriege im ehemaligen Jugoslawien zu einer Fluchtbewegung, die in ihrem Ausmaß wohl ungefähr halb so groß war wie das, was wir gegenwärtig hier beobachten. Die Bilder des albanischen Flüchtlingsschiffs Vlora mit tausenden Flüchtlingen an Bord sind ja noch vielen im Gedächtnis. Noch weitaus größer war die Zahl der Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Flucht waren. Und es hat sehr lange gedauert, bis Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten eine neue Heimat gefunden haben.

Wann waren diese Gruppen integriert?

Schaarschmidt: Von einer Integration der Vertriebenen kann man erst ab Mitte der 1950er-Jahre sprechen. Parallel gab es ja noch Kriegsheimkehrer aus Gefangenschaft. Und dann begann die Fluchtwelle aus der DDR, die von 1953 bis zum Mauerbau 1961 sehr große Ausmaße hatte. Auch bei der Flucht von Deutschland nach Deutschland gab es trotz gemeinsamer Sprache Integrationsprobleme.

Wie war die Aufnahmebereitschaft?

Schaarschmidt: Direkt nach dem Krieg war die Integration der Menschen aus den Ostgebieten eine Mammutaufgabe für ein damals wirtschaftlich schwaches Land. Das war teilweise sehr spannungsgeladen. Schon während des Krieges hatte es Umsiedlungen und Zwangseinquartierungen gegeben. Das setzte sich nach dem Krieg in ähnlicher Form fort und die Einheimischen waren nicht begeistert, Leute aus dem Osten aufnehmen zu müssen. Etwas weniger trifft das bei den Flüchtlingen aus der DDR zu. Auch da gab es Konkurrenzgefühle. Aber inzwischen wuchs der Arbeitskräftebedarf, so dass die Integration einfacher wurde.

Thomas Schaarschmidt

Thomas Schaarschmidt

Quelle: ZZF

Wie sah das bei nichtdeutschen Flüchtlingen aus?

Schaarschmidt: Da waren die Fluchtbewegungen bis in die 1980er-Jahre kleiner. Nach der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands 1956 und nach dem Prager Frühling 1968 kamen kleinere Gruppen, außerdem sogenannte Boatpeople aus Vietnam in den frühen 1980er-Jahren. Das Hilfsschiff Cap Anamur brachte damals viele Boatpeople nach Westdeutschland. Obwohl es um eher kleine Gruppen ging, war die Aufmerksamkeit aufgrund des kalten Krieges groß.

Die Asylbewerberzahlen stiegen in dieser Zeit weiter an.

Schaarschmidt: Dazu kam es, weil es nach dem sogenannten Anwerbestopp 1973 nur noch sehr begrenzte Möglichkeiten eines legalen Zuzugs gab. Neben Asylsuchenden wurden Spätaussiedler aus Osteuropa ins Land gelassen und es gab die Möglichkeit der Familienzusammenführung. Deshalb stieg die Zahl derer, die Asyl beantragten, in den 1980er-Jahren stark an. Auch die fremdenfeindliche Gewalt setzte damals in größerem Umfang ein.

War Deutschland damals nicht eigentlich schon ein Einwanderungsland?

Schaarschmidt: Deutschland ist schon lange ein Einwanderungsland. Bereits in den 1890er-Jahren wanderten mehr Menschen nach Deutschland ein, als Deutsche auswanderten. Die stärkste Zuwanderung, wenn man so will, gab es in der NS-Zeit, als Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in vielen Betrieben die Mehrheit stellten. Unmittelbar nach dem Krieg überwog die Auswanderung, aber schon 1955 wurde der erste Anwerbevertrag mit Italien geschlossen. Das war von beiden Seiten ursprünglich im Sinne des Wortes Gastarbeiter als kurze Episode gedacht: Ohne Familie kommen, schnell Geld verdienen und wieder gehen. Mit dem Anwerbestopp wurden die ausländischen Arbeitskräfte vor die Entscheidung gestellt: Mit Familie dauerhaft bleiben oder wieder zurück.

Welchen Anteil hatten die Zuwanderer am westdeutschen Wirtschaftswachstum?

Schaarschmidt: Das lässt sich schwer bemessen. Aber sicherlich wäre das Wachstum bis zur Ölkrise ohne den Zustrom so nicht möglich gewesen. Danach haben viele ihre Arbeitsplätze verloren und fielen in die Sozialsysteme. Inzwischen gibt es aber auch viele ausländische Unternehmer, die selbst Arbeitsplätze schaffen. Die deutsche Gesellschaft hat sich verändert und gegenüber den Hauptherkunftsländern geöffnet, die ja auch zu den beliebtesten Urlaubsländern gehören.

Braucht Deutschland ein Einwanderungsrecht?

Schaarschmidt: Als Historiker kann ich dazu wenig sagen. Aber wenn Sie mich als Bürger fragen: ja, sofort. Viele Flüchtlinge sind hoch qualifiziert und könnten auf dem deutschen Arbeitsmarkt schnell integriert werden, weil es ja in vielen Bereichen einen Mangel an Fachkräften gibt. Das Asylrecht hält sie aber vom Arbeitsmarkt fern. Das ist eine Fehlentwicklung. Andererseits könnte eine offene Anwerbekampagne die Herkunftsländer schädigen, wenn die fähigsten Leute weggehen.

Da hatten Herrscher früher weniger Probleme. Die aus Frankreich fliehenden Hugenotten wurden mit einer Reihe von Privilegien nach Preußen gelockt.

Schaarschmidt: Um die Hugenotten hat es damals eine regelrechte Konkurrenz gegeben. Nicht nur Preußen hat sie umworben, auch andere Herrscher wollten mit ihrer Hilfe ihre Wirtschaft voranbringen. Und die Juden wurden mal verfolgt und vertrieben, mal angelockt. Als Nürnberg Ende des 15. Jahrhunderts seine Juden vertrieb, blühte das benachbarte Fürth durch ihre Ansiedlung auf.

Kann Deutschland heute aufblühen, wenn es die hierher gekommenen Flüchtlinge integriert?

Schaarschmidt: Das lässt sich nicht vorhersagen. Aber kommen werden sie sowieso. Zäune führen nur zu einer Verlagerung der Wege. Im Moment habe ich Sorge, dass mit immer neuen Rekordzahlen Ängste und Ressentiments geschürt werden. Das Beste, was die deutsche Gesellschaft machen kann, ist, die Entwicklung als Herausforderung und Chance zu begreifen. Es trifft Deutschland in einer stabilen wirtschaftlichen Lage, in der wir sehr viel mehr schultern können als andere Länder.

Von Ulrich Nettelstroth

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