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Viel Spaß – ganz im Ernst

Computerspiele Viel Spaß – ganz im Ernst

Die Serious Games Solutions in Potsdam entwickelt „ernste Spiele“. Über das Spiel will Unternehmensgründer Ralph Stock auf leichte Art Wissen vermitteln. Doch der Pionier der Branche der Spieleentwickler ist längst nicht nur auf das ernste Fach festgelegt.

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Bei „Emergency“ steuert der Spieler den Einsatz der Rettungskräfte. Es ist eine der erfolgreichsten Entwicklungen von Ralph Stock.

Quelle: Serious Games Solutions

Potsdam. Erhobener Zeigefinger, mahnende Worte und strafender Blick – eine erfolgversprechende Animation zu mehr Fitnessübungen dürfte anders aussehen. Zum Beispiel so: Ein Spiel, eine virtuelle Welt, in der ein Spieler komplette Städte kreieren kann. Mit Gebäuden in allen möglichen Größen, mit Straßenbahnhaltestellen, mit Kinos, Parkplätzen, Bäumen... Die Währung, mit der der Spieler seine Bauprojekte finanziert, sind Schritte. Ein paar Minuten per pedes bewegen – und schon gibt es Coins, virtuelle Münzen für den nächsten Prachtbau.

Solch ein Spiel hat die Serious Games Solutions GmbH für den Schweizer Pharmakonzern Novartis entwickelt. Es ist eines der jüngsten Produkte der Potsdamer Spieleentwickler und soll Diabetes-Patienten auf besondere Art dazu „motivieren, ihren Lebensstil zu verbessern und sich mehr zu bewegen“, erklärt Firmenchef Ralph Stock. Im nächsten Jahr kommt das Spiel in den App Store.

Firmenchef Ralph Stock

Firmenchef Ralph Stock.

Quelle: Serious Games Solutions

Die Serious Games sind ernst in ihrer Absicht. Die aber wird mit viel Spaß rübergebracht. Spielerisch, eben. Dadurch lassen sich die Menschen viel eher packen. Sie wollen mehr und mehr Häuser für ihre virtuelle Welt kaufen? Dann müssen sie sich bewegen. Sie streben nach Status, wollen besser sein als andere? „Dafür gibt es Punkte und Highscorelisten im Internet“, erklärt Stock. Sie wollen im Spiel ein Problem lösen? Das Wissen dafür lasse sich spielerisch leichter vermitteln als über frontalen Unterricht. Davon ist Stock überzeugt. Er will den Spieltrieb dazu nutzen, dass über das Gamen hinaus etwas Gutes getan wird.

Der gebürtige Gießener hat schon als 15-Jähriger sein erstes Spiel herausgebracht. Das war 1984. Heute hat der inzwischen 46-Jährige Firmenniederlassungen in Tübingen und in Potsdam. In der von jungen Menschen dominierten Branche der Spieleentwickler gehöre er zu den Opas, meint er mit einem Augenzwinkern. Aber eines hat sich nicht verändert: Das Kreieren von Spielen ist für ihn eine Berufung. Das Spiel sei zwar eine ganz triviale Sache, sagt der Unternehmer. Aber es gehöre zum Leben und zur Entwicklung dazu. Kinder, zum Beispiel, lernen durch das Spielen.

Milliarden-Umsatz

Die Gamesbranche in der Region Berlin-Brandenburg kommt mittlerweile auf einen Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde Euro. Das geht aus dem aktuellen Medienindex vom Medienboard hervor.

42 Prozent der Bundesbürger ab einem Alter von 14 Jahren spielen Computer- oder Videospiele. Das entspricht rund 30 Millionen Personen. Vor zwei Jahren waren es erst 25 Millionen Spieler. Das ergab eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. Laut Bitkom hat sich „Gaming“ fest etabliert und zählt neben Musik- oder Filmangeboten zu den beliebtesten digitalen Medien.

An den Firmenstandorten in Tübingen und Potsdam tüfteln insgesamt 30 Spezialisten an neuen Ideen. Jennifer Kamm, die in Potsdam den Bereich Game Design leitet, führt durch die Büros von Serious Games Solutions in der Medienstadt Babelsberg. Die meisten der Programmierer, Designer und Grafiker sind Ende 20, Anfang 30. Club-Mate- und Cola-Flaschen stehen auf den Tischen. Die Augen sind konzentriert auf die Computerbildschirme gerichtet: Werfen Gebäude und Bäume in der virtuellen Welt ihre Schatten im richtigen Winkel? Wie schnell soll sich ein Auto durch die Pixel-Stadt bewegen? Und der Notarzt, der zu einem Unfallopfer gerufen wird – schaut er auch in die Richtung des Verletzten und nicht an ihm vorbei? Spiele-Tester checken direkt die Qualität der Spiele. „Sie probieren aus, wie lange ein Spiel dauert und wann es einen Zeitbonus für den Spieler geben kann“, erklärt Jennifer Kamm.

Ein erfolgreiches Spiel sei allerdings viel mehr als die Summe der Mechanismen und Grafik, die dahinterstehen, sagt Firmenchef Stock. „Es muss in sich schlüssig sein.“ Das mache den Zauber und die Faszination eines Spiels aus. Dabei ist Ralph Stock längst nicht nur auf „serious games“ festgelegt. Eine seiner erfolgreichsten Entwicklungen ist „Emergency“. Hier steuert der Spieler den Einsatz von Rettungs- und Hilfskräften in einem fiktiven Katastrophenfall. Rund 1,5 Millionen Mal wurde die App schon verkauft. So häufig wie kaum eine andere deutsche App, sagt Stock. Sein Geschäftsmodell beschreibt der Unternehmer kurz und bündig: „Erfolgreiche Spiele – und ein Faible für serious games“.

Im vergangenen Jahr bekam Serious Games Solutions für sein „Siemens Power Matrix Game“ den Deutschen Preis für Onlinekommunikation. Es geht darum, eine Stadt nachhaltig mit Energie zu versorgen. Solarkraftwerke und Windräder können gebaut werden. „Und wenn nachts bei Windstille alle Lichter ausgehen, ist klar, dass auch Kohlekraftwerke nötig sind“, erklärt Stock. „Da lernt man was.“ Genauso wie beim Spiel „Menschen auf der Flucht“. Der Spieler ist hier in der Rolle eines Flüchtlings, erlebt also dessen Schicksal hautnah. Das Spiel entstand im Auftrag der gemeinnützigen Organisation „missio“ und erhielt 2013 den Deutschen Computerspielpreis. Stock und seine Beschäftigten arbeiten gerade an einer Weiterentwicklung dieses sehr ernsten Spiels, das so aktuell wie noch nie ist.

Von Ute Sommer

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