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Forschungsprojekt zur DDR-Architektur

Das andere Potsdam Forschungsprojekt zur DDR-Architektur

Beim Streit um den Umgang mit den verbliebenen Bauwerken aus der DDR-Zeit kochen in Potsdam regelmäßig die Emotionen auf. Ein Forschungsteam um den Marburger Architekturexperten Christian Klusemann bereitet auf, worum es eigentlich geht. Die Ergebnisse sollen im April 2016 mit dem Buch „Das andere Potsdam“ in den Handel kommen.

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Staudenhofensemble mit der Plastik „Stehende unter Baldachin“.

Quelle: Christel Köster

Potsdam. „Das andere Potsdam“ ist der Titel eines „DDR-Architekturführers“ für die Landeshauptstadt, der im April 2016 in den Handel kommen soll. Der Herausgeber Christian Klusemann (34) ist als gebürtiger Münsteraner west-sozialisiert und seit 2011 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kunstgeschichtlichen Institut der Philipps-Universität Marburg. Von 2002 bis 2011 wohnte er in Potsdam. Vor Ort erlebte er politische Debatten um das Leitbautenkonzept zur Rekonstruktion der historischen Innenstadt, den Streit um das Fachhochschulgebäude am Alten Markt, den Staudenhof und das „Mercure“-Hotel. Ziel des Buches sei „jenseits von Ostalgie und DDR-Sentimentalität“ die „objektive und genaue Erforschung einer historischen Epoche, die nun mal zur Stadtgeschichte gehört“.

Forschungsschwerpunkt Klusemanns ist die Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts, und da vor allem Architektur und Städtebau der DDR. Die Idee zum Buch entstand im Wintersemester 2013/14 in Marburg in einem Projektseminar „SBZ/DDR-Architektur in Potsdam 1945 bis 1990“. Schon zu Beginn der Veranstaltung und bei einer ersten Exkursion nach Potsdam schien, so berichtet Klusemann, „auffällig, dass ,DDR-Architektur’ in der dortigen Öffentlichkeit stets mit ,Plattenbauten’ oder der so genannten ,Ostmoderne’ assoziiert wird“. Dabei sei „kaum bekannt, dass das Bauen in der DDR, auch in Potsdam, weitaus vielfältiger war“.

Zu den für weniger Ortskundige verblüffenden Feststellungen zählt, dass auch in Gebäuden und ganzen Straßenzügen DDR-Architektur steckt, in denen man sie auf den ersten Blick überhaupt nicht vermutet. Dazu gehört das nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend rekonstruierte Barock-Ensemble der Wilhelm-Staab-Straße, das nach dem Krieg wieder aufgebaute „Haus des Handwerks“ an der Charlotten-/Ecke Friedrich-Ebert-Straße und die Brandenburger Straße, die in den 1970er Jahren so originalgetreu rekonstruiert wurde, dass, so Klusemann, „sogar Überformungen aus dem 19. Jahrhundert zurück gebaut wurden, um das Bild des 18. Jahrhunderts wieder aufleben zu lassen“.

Über die Geschichte von 26 herausragenden Zeugnissen der DDR-Architektur in der Potsdamer Innenstadt werden „unterschiedliche Ansätze einer Umsetzung der gesellschaftlichen Gesellschaftsutopie in die bauliche Praxis“ erkundet. Berücksichtigt sind neben Wohnzeilen etwa Am Kanal und in der Französischen Straße, in der öffentlichen Diskussion stehenden Bauten wie der Schwimmhalle am Brauhausberg, dem Rechenzentrum oder dem Terrassenrestaurant „Minsk“ auch verschwundene Bauten wie das „Haus des Reisens“ an der Friedrich-Ebert-/Ecke Yorckstraße oder der Theaterneubau am Alten Markt, der es nach dem Mauerfall noch bis zum Rohbau schaffte, bevor der Abriss beschlossen wurde.

Auswahl namhafte Bauten der „Ostmoderne“ in Potsdam

Zu den bemerkenswerten Neubauten der Nachkriegszeit bis zu Ende der 1950er Jahre gehören nach Einschätzung Christian Klusemanns das Pionierhaus (heute Treffpunkt Freizeit) am Neuen Garten und die Studentenwohnheime im Park Babelsberg. Markant war das Ende der 1950er Jahre errichtete Ensemble des neuen Hauptbahnhofs an der Pirschheide.

Zu den Bauten der 1960er Jahre zählen das 1968 begonnene Wohngebäudeensemble an der Neustädter Havelbucht, das 1969 bis 1974 errichtete Schuhkaufhaus an der Stelle der heutigen Wilhelmgalerie am Platz der Einheit und das Ende 1960er Jahre begonnene Rechenzentrum an der Dortu-/Ecke Breite Straße. In dem zum Kriegsende schwer zerstörten Alten Rathaus und dem benachbarten Knobelsdorffhaus wird das Kulturhaus „Hans Marchwitza“ eröffnet, am Rande des früheren Lustgartens wächst das Hochhaus des „Interhotels“.

Um 1970 entstehen das Institut für Lehrerbildung (heute Fachhochschule) und die Wissenschaftliche Allgemeinbibliothek, das Staudenhofensemble, das Terrassenrestaurant „Minsk“ und die Schwimmhalle am Brauhausberg.

Ebenfalls um 1970 bekommt der Bassinplatz einen avantgardistischen Busbahnhof, wird das Ausflugsrestaurant „Charlottenhof“ in Potsdam-West fertiggestellt. 1983 eröffnet das Restaurant „Seerose“, das heute unter Denkmalschutz steht.

Komplettiert wird der Architekturführer mit Kapiteln zur von DDR-Jahrzehnt zu DDR-Jahrzehnt höchst unterschiedlichen städtebaulichen Entwicklung. Anliegen sei eine „differenzierte und genauere Betrachtung“ auch vom Abriss bedrohter Neubauten der „Ostmoderne“ auf ihre Qualitäten, ihre Schwächen und nicht zuletzt auf ihre historische Aussagekraft hin. Unterstützt wurden die Recherchen der Forschungsgruppe in Potsdam von Zeitzeugen, Wissenschaftlern und Experten, die Kontakte reichten von der die Rekonstruktion befürwortenden Initiative „Mitteschön“ bis zur Initiative „Metropolar“, die mit „Potsdamer Mitte neu denken“ mittlerweile ein Forum zur Diskussion über einen neuen Umgang mit der verbliebenen DDR-Architektur geschaffen hat.

Eine Parteinahme sei mit dem Buchprojekt nicht beabsichtigt. Anliegen sei es vielmehr, einen Blick aus der Außenperspektive zu eröffnen und damit möglicherweise neue Diskussionsansätze zu ermöglichen. Mit Empfehlungen halte er sich zurück, so Klusemann. Nach seiner persönliche Ansicht zu zwei sehr zentralen Streitobjekten befragt, antwortet er, dass das Gebäude der Fachhochschule wohl nicht zu halten sei. Eine Chance hingegen habe der Staudenhof mitsamt dem Wohnblock verdient. Der Preis dafür wäre der Verzicht auf die Rekonstruktion des letzten der insgesamt fünf im Leitbautenkonzept vorgesehenen Karrees.

Info : Christian Klusemann (Hrsg.): „Das andere Potsdam“, Vergangenheitsverlag, 200 Seiten, 16,90 Euro, ISBN-13: 9783864082009, Bestellnummer 8440043, vorauss. Erscheinungstermin: 18. April 2016.

Von Volker Oelschläger

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