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Frau Ministerin, sind Sie politikverdrossen?

Interview: Sabine Kunst Frau Ministerin, sind Sie politikverdrossen?

Sabine Kunst (SPD) ist die letzten Tage im Amt. Sie war fünf Jahre lang Kulturministerin in Brandenburg. Überraschenderweise ließ sich die gestandene Wissenschaftlerin im Januar zur Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin wählen. Räumt sie ihren Stuhl am Kabinettstisch in Potsdam aus Politikverdrossenheit?

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Sabine Kunst gibt ihren Posten als Ministerin ab und wird Präsidentin.

Quelle: dpa

Potsdam. Fünf Jahre war Sabine Kunst (SPD) Kulturministerin in Brandenburg. Nun wechselt sie an die Humboldt-Universität Berlin – als Präsidentin.

Frau Kunst, als Sie Ihr Amt antraten, meinten Sie, der Gestaltungsspielraum einer Ministerin sei größer als der einer Uni-Präsidentin. Was konnten Sie als Brandenburgs oberste Kulturpolitikerin in den letzten fünf Jahren erreichen?

Sabine Kunst: Einiges! Mir ging es darum, die Brandenburger Kulturpolitik konzeptionell zuzuspitzen. Mit den Betroffenen haben wir uns in einer Art Gegenstromverfahren auf drei Schwerpunkte verständigt. Im Zentrum stehen die kulturelle Bildung, die regionale Vielfalt und der Kulturtourismus. Ein Gesellenstück war sicherlich die Landesausstellung 2014 zum Thema Preußen und Sachsen in Doberlug-Kirchhain. Durch sie wurde nicht nur ein Schloss, sondern die ganze Lausitz nachhaltig belebt. Brandenburgs Kultur ist in allen Regionen vielfältig und originell. Es bedarf aber guter Aufhänger, um diesen Reichtum nach außen zu tragen. Die Dachmarke Kulturland, ist ein solcher Aufhänger. Sie widmet sich in diesem Jahr dem Handwerk, 2017 der Reformation, 2019 Fontane.

Im Ranking der Bundesländer leistet sich das Kulturland Brandenburg aber einen hinteren Platz, wenn es um den Anteil der Kulturausgaben geht. War da am Kabinettstisch nicht mehr rauszuholen?

Kunst: Mir ist kein aktueller Vergleich bekannt. Den Anteil der Kulturausgaben in einem Land auszurechnen, ist nicht ganz einfach, da Kommunen und Landkreise das meiste Geld ausreichen. Unter den deutschen Flächenländern schneidet Brandenburg mit seinen demografischen Problemen sicher nicht schlecht ab. Als ich 2011 als Kulturministerin anfing, umfasste der Kulturhaushalt rund 100 Millionen Euro, heute sind es etwa 20 Prozent mehr – unter anderem konnten wir die Theater und Orchester bei den Tarifaufwüchsen unterstützen. Brandenburg diskutiert derzeit eine Verwaltungsstrukturreform. Wenn Brandenburg an der Havel, Cottbus und Frankfurt (Oder) am Ende in den Kreisen aufgehen, müssen wir die großen Kulturinstitutionen sichern. Wir haben in der Regierungskoalition bereits Einigung erzielt, dass der Finanzierungsschlüssel für die Theater und Orchester umgestellt werden soll – zu höheren Lasten des Landes. Das Land übernimmt dann durchgängig 50 statt bisher etwa 35 Prozent der Aufwendungen. Es ist mir offenbar gelungen, den Stellenwert der Kultur in Brandenburg zu vermitteln. Kultur ist mehr als Kitt, sie trägt maßgeblich zur Lebensqualität und zum Lebensgefühl bei.

Kehren Sie dem Ministersessel den Rücken, weil Sie politikverdrossen sind?

Kunst : Ich scheide sehr zufrieden und bereichert aus der Regierungsarbeit aus. Ich bin sehr dankbar, dass mir als Quereinsteigerin dieses Amt möglich war. Die Leitung einer Universität ist ein völlig anderes Arbeitsgebiet. Als Politiker muss man anders denken – es geht darum, einen Konsens herzustellen, der gesellschaftlich trägt. Das heißt auch, dass sich nicht alle Ziele erreichen lassen. Aber ich bin keinesfalls frustriert, im Gegenteil.

Zählt am Kabinettstisch wirklich das bessere Argument? Bestimmen nicht Lobbys und persönliche Eitelkeiten den Politikbetrieb?

Kunst: Dass unterschiedliche Parteiinteressen zu verbinden sind, hat mich nicht überrascht. Ich halte aber dieses Politik-Bashing für nicht gerechtfertigt. Man hört ja oft, dass Politiker ignorieren, wie die Bevölkerung denkt. Ich habe da andere Erfahrungen gemacht.

Sie sind erst im Dezember 2014 der SPD beigetreten. Spielen in der Kulturpolitik parteipolitische Profile überhaupt eine Rolle?

Kunst: Mein Beitritt war durchaus ein Bekenntnis. Die große Koalition im Bund hat erstmals eine gemeinsame Bund-Länder-Kulturpolitik in Gang gesetzt. Die Differenzen in den Positionen sind hier sicher nicht so deutlich wie auf anderen Politikfeldern. Aber einige Prioritäten werden doch unterschiedlich gesetzt. Die SPD betont mehr die allgemeine Teilhabe – kulturelle Bildung, Soziokultur, Kultur im ländlichen Raum spielen eine größere Rolle, ebenso die neuen Konzepte der Erinnerungskultur. Wie erhält man das Interesse an unserer Vergangenheit lebendig, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt? Hier ist Deutschland zurzeit führend.

Sie haben als Kulturministerin viele Veranstaltungen erlebt. Was war Ihr kulturelles Highlight?

Kunst: Oh, da fällt mir vieles ein. Angefangen von der beeindruckenden „Jephta“-Aufführung der Potsdamer Winteroper und der Oper „Orpheus und Eurydike“ am Staatstheater Cottbus, über die Fahrradkonzerte der Potsdamer Musikfestspiele und die Partnerkonzerte des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt in Polen bis hin zu dem Kunstfestival Aquamediale in Lübben und der letzten Sommerausstellung von Ulrike Hogrebe in den Privatgärten von Neuwerder. Aber ich will auch nicht die Aufführungen in der Potsdamer Tanzfabrik und im Theater des Lachens in Frankfurt vergessen! Also, es war schon einiges …

Brandenburg kann seit 2016 keine Mittel aus Brüssel mehr für Kulturinvestitionen abrufen. Ist das einem Versäumnis Ihres Hauses geschuldet?

Kunst: Nein. In den letzten 15 Jahren sind insgesamt rund 130 Millionen Euro in Kulturinvestitionen geflossen, darunter fast die Hälfte EU-Mittel. Baulich ist jetzt vieles ziemlich gut in Schuss. Es kommt nun darauf an, die hervorragend sanierten und ausgebauten Kulturstätten mit Leben zu füllen.

Ihr Nachfolger verfügt also kaum noch über finanzielle Spielräume, um größere Projekte anzugehen?

Kunst: Doch. Im Kontext der regionalen Entwicklung wird es weiterhin Möglichkeiten geben. Vom Bund kommt zudem in diesem Jahr eine Million Euro aus dem Kulturinvestitionsprogramm Ost, die wir und die Kommunen mit einer weiteren Million kofinanzieren. Außerdem stellen wir seit diesem Jahr 500 000 Euro jährlich für Notsanierungen in der Denkmalhilfe bereit.

Wenn Sie plötzlich 50 Millionen extra hätten, was würden Sie damit in der Kulturlandschaft Brandenburg bewegen?

Kunst: Ich würde das Geld nicht an einer Stelle verklotzen, sondern ich würde es in die kulturelle Breite und Vielfalt Brandenburgs stecken.

Käme es eher den baulichen Hüllen oder den Künstlern und Ensembles zugute?

Kunst: Ich würde eher in die kreativen Menschen investieren.

Inwieweit kann ein Kulturpolitiker überhaupt mit Geld garantieren, dass nennenswerte Kultur oder Kunst entsteht?

Kunst: Künstlerinnen und Künstler haben – oft unabhängig vom Geld – das Grundbedürfnis sich kreativ zu äußern. Um aber der Kunst in der Gesellschaft zur Wirkung zu verhelfen, ist die Ressource Geld unabdingbar. Vermittlung und Vernetzung, Vermarktung und Marketing kosten, Ausstellungen müssen gut ausgestattet sein und Transporte finanziert werden. Wir brauchen auch Stipendien für Künstler, um ihnen freie Arbeitsphasen ohne anderweitige Verpflichtungen zu ermöglichen.

Was hätten Sie in Brandenburg gern noch erreicht?

Kunst: Ich hätte gern unsere Kulturkonzeption im Rahmen der Verwaltungsstrukturreform weiter begleitet. Auch die Bemühungen, die Fontane-Forschung und Fontane-Vermittlung besser aufeinander abzustimmen, hätte ich gerne noch weiter verfolgt. Die Früchte werden spätestens im Fontane-Jahr 2019 sichtbar werden. Und ich hätte es toll gefunden, wenn es gelungen wäre, den ‘Intersonanzen‘, dem hochkarätigen Festival für Neue Musik in Potsdam, zu mehr Besuchern zu verhelfen.

Die künftige Humboldt-Uni-Präsidentin

Noch weiß Sabine Kunst (SPD) nicht, wann sie als Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Brandenburg abberufen wird. Der Ministerpräsident wird ihr das erst mitteilen, wenn er die Nachfolge geklärt hat.

 

Die 62-Jährige wurde am 19. Januar 2016 zur Präsidentin der Humboldt-Universität Berlin gewählt. Sie tritt das neue Amt im Sommersemester 2016 an, das offiziell am 18. April beginnt.

Seit 2011 ist die gebürtige Schleswig-Holsteinerin Mitglied des Brandenburger Kabinetts. Die promovierte Umweltbiotechnologin und Politikwissenschaftlerin wurde 2006 Präsidentin der Universität Potsdam. Sie hat drei erwachsene Kinder und lebt in Werder.

Von Karim Saab

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