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Briefe an eine Leidensgefährtin im Exil

Historische Dokumente Briefe an eine Leidensgefährtin im Exil

Bis in die frühen 70er-Jahre wusste in Deutschland kaum jemand etwas über Gabriele Tergit. Dann wurde das Werk der jüdischen Schriftstellerin und Journalistin wiederentdeckt. Das Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam ist nun in den Besitz einmaliger Briefe gekommen, die die ins Londoner Exil gegangene Gabriele Tergit von Freunden und Verwandten erhielt.

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Bis ins höchste Alter von 87 Jahren war Gabriele Tergit Sekretärin des PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland. Sie hatte das Amt von 1957 bis 1981 inne. Tergit starb im Juli 1982 in London.

Quelle: MMZ

Potsdam. Das freie Wort wagt man heute überhaupt nicht mehr – nicht einmal zwischen Spindlermühle und Ascona“, schrieb die bereits im Schweizer Exil lebende Jüdin Helene Stöcker 1933 an ihre in die Tschechoslowakei geflohene jüdische Bekannte Gabriele Tergit, die eigentlich Elise Reifenberg, geborene Hirschmann, hieß. Am Ende grüßt Stöcker diese „herzlich als eine Kampf- und Leidensgefährtin“.

Zeilen wie diese geben viel Aufschluss über das Schicksal von Juden im Exil geben. Doch 32 Jahre lang lagen sie vergessen zwischen anderen Blättern in einem Haus in Mayfield. Mayfield ist ein winziger englischer Ort zwischen Manchester und Birmingham. Dort wohnt Penny Chettle, die Schwiegertochter von Gabriele Tergit. Chettle hatte lange nicht mehr an die rund 6000 Briefe, Postkarten und Notizen gedacht, die ihre in Berlin geborenen Schwiegermutter aufbewahrt hatte – bis sich 2014 Tomas Hirschmann, der in Guatemala lebende Neffe Gabriele Tergits, bei ihr meldete. Eine Mitarbeiterin des in Potsdam ansässigen Moses Mendelssohn Zentrums (MMZ) interessiere sich sehr für den Nachlass der 1982 in London gestorbenen und lange Zeit vergessenen Gerichtsreporterin, Schriftstellerin und Sekretärin des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland. In der renommierten Forschungseinrichtung für europäisch-jüdische Studien sei Gabriele Tergits Nachlass übrigens auch in den allerbesten Händen.

Voller Hellsicht

Gabriele Tergit wurde als Elise Hirschmann am 4. März 1894 geboren. Sie war die Tochter des Unternehmers Siegfried Hirschmann und seiner Frau Frieda. Ihr Pseudonym nahm sie während ihres Studiums der Soziologie, Geschichte und Philosophie in Berlin an. Als Studentin schrieb sie Feuilletons in der Vossischen Zeitung. Schon zuvor hatte sie im Berliner Tageblatt publiziert. Später war sie unter anderem freiberufliche Gerichtsreporterin mit scharfem Blick für die sozialen Missstände in Berlin.

Erfolge als Schriftstellerin feierte Tergit unter anderem mit dem 1931 erschienen Berlin-Roman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“. In der Satire wird der Neuköllner Volkssängers Georg Käsebier von sensations- und auflagengeilen Berliner Blättern zum Musikstar der Saison hochgejubelt bis man ihm gar ein eigenes Musiktheater bauen will. Das Lügengebäude bricht zusammen, als die Blätter das Interesse an Käsebier verlieren. Die Autorin warnt schon Anfang der 30er vor Medienmacht und einer entfesselten Werbeindustrie.

Im Londoner Exil war sie vor allem als Sekretärin des Exil-PEN tätig. Die Vereinigung hatten Autoren wie Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Ernst Toller und Arnold Zweig ins Leben gerufen. Erst ab 977, aber immerhin noch zu ihren Lebzeiten, wurde sie von den Deutschen wiederentdeckt. Ihre Werke wurden neu aufgelegt.

Elke-Vera Kotowski ist diese Mitarbeiterin. Sie kann es immer noch nicht fassen, über welche verschlungenen Pfade die Dokumente ins Haus Am Neuen Markt gelangt sind. Seit dem 27. September 2014 ist das MMZ im Besitz der Papiere. Sie befinden sich allerdings derzeit bei der Buchrestaurierung in Leipzig, wo sie gereinigt werden. Viele der bis ins Jahr 1914 zurückreichenden Papiere hatten Schimmel angesetzt. Ein Umstand, den Studenten der Universität Potsdam, die im vergangenen Sommersemester eine erste Sichtung wagten, durch Hautausschläge zu spüren bekamen. Doch im Herbst werden sie nach Potsdam zurückkehren. Einige werden ab 30. November in Berlin ausgestellt.

„Es sind sehr persönliche Dokumente, die Gabriele Tergit aufbewahrt hat“, sagt Kotowski. Der inzwischen 92-jährigen Argentinier Robert Schopflocher, ein ebenfalls als Kind aus Deutschland vertriebener Jude hatte sie auf seinen Vetter Tomas Hirschmann in Guatemala aufmerksam gemacht. Tomas Hirschmann wiederum gab Kotowski bei einem wissenschaftlichen Konferenz in Berlin 2014 die Erlaubnis, den Nachlass in Augenschein zu nehmen.

„Die Briefe stammen vor allem von Verwandten und Freunden“, sagt Kotowski. Da sie die bewegten Zeiten des ersten Weltkrieges und des Aufstiegs des Nationalsozialismus bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges abdecken, erfahre man viel über die jüdische Perspektive auf die einschlägigen Ereignisse. Nicht zuletzt erhalte man tiefe Einblicke in die Geschichte der von Tergits Vater Siegfried Hirschmann gegründeten Deutschen Kabelwerke.

Von Rüdiger Braun

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