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Das Geschlecht wird gemacht

Gesellschaft und Wissenschaft Das Geschlecht wird gemacht

Der englische Ausdruck „Gender“ ist zum politischen Schlagwort geworden. Doch die Beschäftigung mit der alltäglichen „Konstruktion von Geschlecht“ in der Gesellschaft ist kein Luxus weltfremder Soziologen. Auch an den Hochschulen Potsdams haben Jahrhunderte alte Vorurteile noch Nachwirklungen. Zum Beispiel bei der Besetzung von Professuren.

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Mädchen rosa, Jungens blau, das ist doch ganz „natürlich“ – oder etwa doch nicht?

Quelle: Fotolia

Potsdam. Frau – Männin – Menschin. Mit dem provozierenden Titel ihres Buches über Feminismus und Gender wollte uns die Politikwissenschaftlerin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz im Jahr 2009 bewusst auf gar nicht mehr wahrgenommene kulturelle Vorurteile stoßen. Warum ist „der Mensch“ im Deutschen eigentlich männlich? Ist „die Frau“ demnach nur noch so etwas wie die – vielleicht auch untergeordnete – Unterart des Menschen? Die Menschen haben sicher ein biologisches Geschlecht, glauben heute noch die meisten. Aber legt dieses dann natürlicherweise auch fest, welches Schicksal sie später einmal haben werden? Oder ist der Lebensweg, den eine Frau geht, bestimmt vor allem durch den Druck, den die Gesellschaft auf sie ausübt, weil sie für ein bestimmtes Geschlecht ganz bestimmte Rollen vorgesehen hat?

Gender anno 1792

Gender war auch in der Vergangenheit ein Thema. Klassiker der Debatten sind die Schriften der französischen Revolutionärin Olympe de Gouges. Hinzu kommt Mary Wollstonecrafts Schrift „Verteidigung der Rechte der Frau“ von 1792. Simone de Beauvoirs publizierte 1951 das Buch „Das andere Geschlecht“. Alice Schwarzer veröffentlichte 1975 die Streitschrift „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“. Schließlich sorgte Judith Butlers 1990 erschienene Analyse „Gender Trouble“ (deutsch: „Das Unbehagen der Geschlechter“) für Furore.

Auch die Hochschulen selbst kennen solchen „Gender Trouble“. Der Anteil der Studentinnen an der Universität Potsdam liegt bei gut 58 Prozent. Bei den Promovierenden sind 40 Prozent Frauen und bei den wissenschaftlichen Mitarbeitern sind sogar fast die Hälfte Frauen. Doch bei Professuren hört die Gleichstellung trotz aller Maßnahmen anscheinend auf. An der „familiengerechten Hochschule“ sind nur 30 Prozent von Frauen besetzt.

„Bei dem Wort Gender denke ich erst einmal an das englische Wort für Geschlecht“, sagt Jan Glogau, Student an der Universität Potsdam. Verbunden sei der inzwischen auch im Deutschen häufig gebrauchte Ausdruck mit einer schon Jahrzehnte dauernden Debatte um die Unterscheidung zwischen den sogenannten primären Geschlechtsmerkmalen und dem, was die Gesellschaft aus einer Person mit solchen Geschlechtsmerkmale mache. Durch Behauptungen, Rollenzuschreibungen, Herrschaft entstünde genau das, was man „Gender“ nenne. „Es gibt noch immer Erwartungshaltungen an die Geschlechter Mann und Frau“, sagt Glogau. Man schreibe Männern und Frauen auch bei uns noch unbewusst Rollen und Verhaltensweisen zu, „die einer archaischen Vorstellungswelt entsprechen“.

Dass Glogau so im Stoff steckt, ist kein Zufall. Im Asta der Universität hat er zur Zeit das Referat „Geschlechterpolitik“ inne. Fragt man ihn, warum er sich denn als Mann für Frauenrechte einsetze, ist man selbst in die Genderfalle getappt. Feminismus werde meist deklassierend als „Frauenthema“ betrachtet, antwortet Glogau. „Wenn Frauen also mehr wollen, dann sollen sie gefälligst auch dafür kämpfen. Dabei wird aber außer Acht gelassen, dass die Gesellschaft eine männlich dominierte ist und Männer Privilegien genießen, die Frauen vorenthalten sind“, erläutert der Student. Ihm gehe es nicht nur um die Gleichstellung von Mann und Frau, sondern darum, „Ungerechtigkeiten, Sexismus und Belästigung“ aufzudecken. „Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der Menschen aufgrund körperlicher Merkmale benachteiligt und diskriminiert werden oder Hass und Gewalt ausgesetzt sind.“

Was Jan Glogau in der Praxis seiner politischen Arbeit erlebt, wird an der Fachhochschule Potsdam (FHP) nicht nur in Ringvorlesungen behandelt, sondern auch erforscht. Dass das „soziale Geschlecht“, in der modernen Sozialwissenschaft „Gender“ genannt, auch in unserer vermeintlich so aufgeklärten Zeit immer noch massiven Einfluss hat, bezweifelt Gudrun Perko, Professorin für Gender Mainstreaming und Umgang mit Vielfalt an der Fachhochschule Potsdam (FHP), nicht. „Ungleichbehandlung und strukturelle Diskriminierung sind eine gesellschaftliche Tatsache“, sagt sie. Die „gläserne Decke“ gerade in qualifizierten Berufen sei längst nicht aufgelöst. „Frauen sind viel weniger in Leitungspositionen als Männer; sie verdienen in manchen Bereichen immer noch weniger als diese“, so Perko.

Die Professorin kann dies praktisch vor der eigenen Bürotür sehen. „Einige Fachbereiche müssten den Professorinnenanteil noch viel stärker erhöhen“, sagt sie. Immerhin sei an der Fachhochschule schon einiges geschehen. Nicht nur seien inzwischen auch sehr viele Frauen auf Lehrstühle berufen worden: „Es gab und gibt einige Veranstaltung und Informationsmaterialien zur Sensibilisierung von Gendervielfalt und Gendergerechtigkeit.“

Das kann man von anderen Hochschulinstituten nicht durchweg behaupten. Die Professorenliste des Instituts für Physik und Astronomie an der Universität Potsdam scheint auf den ersten Blick sämtliche Vermutungen über die Benachteiligung von Frauen gerade im Fach Physik zu bestätigen. Das elfköpfige Kollegium hat mit der Experimentalphysikerin Svetlana Santer gerade mal eine einzige Frau aufzubieten. Der geschäftsführende Institutsleiter Arkady Pikovsky weist aber Vermutungen, Frauen könnten mit dem Fach einfach nichts anfangen, entschieden zurück. „Ich habe meine ganze Laufbahn lang nie irgendeine Abneigung in dem Fach gegen Frauen erfahren.“

Den geringen Frauenanteil am Institut führt er auf historische Ursachen und die fehlende Vereinbarkeit einer wissenschaftlichen Karriere mit Familienplanung zurück. Pikovsky glaubt, das Verhältnis werde sich ändern. „Etwa 40 Prozent der Studierenden sind Frauen.“ Er selbst habe einen Mann und eine Frau als Doktoranden und erst kürzlich habe das Institut gemeinsam mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (Pik) die Juniorprofessorin für die Analyse von Klimasystemen, Ricarda Winkelmann, berufen. „Sie ist wirklich eine hervorragende Wissenschaftlerin, die auch ausgezeichnet promoviert hat.“ Mit einiger historischer Verzögerung kann laut Pikovsky auch in der Physik ausgeglichen werden, was früherer Gender-Zuschreibungen an Ungleichheiten geschaffen haben.

Sein Kollege am Physikinstitut, Martin Wilkens, schließt dagegen geschlechterbedingte Vorlieben nicht vollkommen aus. Er führt zum Beispiel Statistiken an, wonach der Frauenanteil bei den Physikern in den angelsächsischen Kulturen geringer ist. Dort werde Physik vor allem als Ingenieurwissenschaft verstanden. Gäbe es ein naturphilosophisches Verständnis von Physik, sei der Frauenanteil höher. Dennoch hält auch Wilkens solche Faktoren – sollten sie überhaupt existieren – für vernachlässigbar. Schlimmer sei das „Rattenrennen“, in das Nachwuchswissenschaftler in Deutschland gezwungen würden. Wenn etwas den Frauenanteil an den Instituten gering halte, dann die kurzfristigen Verträge, die auch junge Physiker erhalten, bevor sie einen Lehrstuhl ergattern können: „Diese Phase ist der Killer für jede vernünftige Familienplanung.“ Weniger vom Fach, als von einer besseren Wissenschaftspolitik hängt auch nach Wilkens Meinung der Frauenanteil in der Physik zusammen

Dass weniger eine „natürliche“ Veranlagungen als vielmehr Umstände und Zuschreibungen Geschlechtsunterschiede hervorbringen, dafür haben auch die renommierten Potsdamer Kognitionswissenschaften Hinweise. Zumindest was die frühkindliche Entwicklung des Bewusstseins über Ziele und Absichten anderer Menschen betrifft, kann zum Beispiel die Entwicklungspsychologin Birgit Elsner im Potsdamer „Babylab“ keine Unterschiede zwischen ganz kleinen Mädchen und Jungen feststellen. „Wir untersuchen in unseren Experimenten, wie Säuglinge das Verhalten anderer Personen deuten, ob sie zum Beispiel erkennen, dass es auf bestimmte Ziele ausgerichtet ist, oder ob sie erkennen, dass es so etwas wie Wünsche und Absichten gibt.“ Die Versuche in Golm seien zwar nicht darauf angelegt, Geschlechterunterschiede herauszuarbeiten, es werde aber immer vermerkt, ob es sich bei dem Versuch um einen Jungen oder ein Mädchen handelte. „Wir konnten bisher bei Ein- und Zweijährigen keine Unterschiede der Geschlechter in diesem Bereich feststellen“, sagt Elsner. Zumindest bei ganz kleinen Mädchen scheint also nicht zu gelten, dass Frauen sich viel besser in andere hineinversetzen können als Männer.

Müsste man aber, um solche Zuschreibungen zu verhindern, dann nicht konsequent Geschlechtergerechtigkeit von Anfang an einüben und zum Beispiel auch in der Schriftsprache ausdrücken? Für Belustigung aber auch Streit hatte der Beschluss des Akademischen Senats der Uni Potsdam im Sommer 2013 gesorgt, als bei der Niederschrift der Protokolle auf männliche Bezeichnungen verzichtet werden sollte. Es hätte dann zum Beispiel heißen müssen: „Stellvertreterin Manfred Görtemaker referierte zum Thema.“ Das wurde so nicht umgesetzt.

„Wir sind in all unseren Dokumenten angewiesen, stets beide Gruppen zu benennen“, sagt Uni-Sprecherin Silke Engel. Auch sie spreche in ihren Mitteilungen zum Beispiel von „Dozentinnen und Dozenten“. Die vor eineinhalb Jahren beschlossene interne Richtlinie rate darüber hinaus, möglichst neutrale Bezeichnungen wie „Studierende“ oder „Teilnehmende“ zu verwenden. „Praktisch behilft man sich bei den Protokollen jetzt vor allem mit akademisch üblichen Abkürzungen wie Prof. oder K. für Kanzler“, sagt Engel. Damit hat man zwar das Problem der Gleichberechtigung in der Schriftsprache gelöst, noch nicht aber das Denken in Genderkategorien.

Heike Wiese, Professorin für Deutsche Sprache der Gegenwart, an der Universität, glaubt aber nicht, dass schon Sprache alleine Geschlechterstereotype transportiere. Die männlichen und weiblichen Formen hätten bisherigen Forschungsergebnisse zufolge allenfalls „minimalen Einfluss“ auf das Denken. Grundsätzlich gelte aber auch: „Wenn ich sowohl Frauen als auch Männer bezeichnen will muss ich das auch tun.“ Die Texte würden dann auch besser verstanden. „Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, das Genus sprachlich kenntlich zu machen“, sagt Wiese. Sie hält auch Hilfskonstruktionen wie das große „I“ wie etwa in „LehrerInnen“ für möglich. „Die Orthografie ist offen“, so Wiese.

Auch ihr Kollege Guido Nottbusch, Professor für Schriftsprachenerwerb und Sprachdidaktik an der Universität, würde Kinder nicht zu einer geschlechtergerechten Schriftsprache nötigen. Für eine Ausdrucksweise, bei der zum Beispiel stets beide Geschlechter genannt werden, tritt er nicht ein. „Aus meiner Sicht spielt dieses Problem in der Grundschule noch keine Rolle“, sagt er. „Viel wichtiger ist es für die Kinder, dass sie überhaupt erst einmal die Möglichkeit haben, sich schriftlich auszudrücken.“

„Wenn es einer Lehrerin wichtig ist, die Schüler auf solche Probleme hinzuweisen, kann sie ruhig darüber sprechen“, sagt Nottbusch. Zum festen Bestandteil des Schreibenlernens sollten geschlechtergerechte Ausdrücke nicht gehören. Schon gar nicht tritt Nottbusch für eine Grundrevision der Sprache ein, die etwa geschlechtsneutrale Ausdrücke neu erfinden würde.

Für die Sozialwissenschaftlerin Perko sind wir mit der Genderdebatte trotzdem nicht am Ende. Sie glaubt, dass wir sogar noch viel mehr Forschung brauchen, „damit wir Bestandsaufnahmen darüber haben, welche Geschlechterunterschiede im Hinblick auf Chancengleichheit und Chancenungleichheiten es in der Gesellschaft gibt“. Erst das Wissen ermögliche Anpassung auch in Bereichen, an die man gar nicht gleich denke, wie zum Beispiel die Medizin, „wo es um differenzierte Behandlungen gehen muss“ oder die privaten Lebensentwürfe, die auch einen Anspruch auf gerechte Behandlung hätten.

Von Rüdiger Braun

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