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Potsdamer durchquert Grönland - zu Fuß

700-Kilometer-Expedition auf historischen Spuren Potsdamer durchquert Grönland - zu Fuß

700 Kilometer über Eis und Schnee. 700 Kilometer von der Ost- zur Westküste im Süden Grönlands. Zu Fuß. Das Gepäck auf kleinen Schlitten im Schlepp. Nur mit eigener Kraft gezogen. Das steht Wilfried Korth aus Potsdam bevor. Die MAZ begleitet seine Reise.

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Wasserläufe vom schmelzenden Eis machen die Grönlanddurchquerung besonders anstrengend.
 

Quelle: Stephan Orth

Potsdam.  Mit einem Ruck reißt Wilfried Korth die Alu-Verpackung auf. Zum Vorschein kommt die Sorte Powersnack, die gut 40 Tage lang den Speiseplan von Korth bestimmen wird: ein Gemisch aus getrocknetem Fleisch, reichlich Fett und ein paar Gemüsesprenkeln. Und über allem liegt ein Hauch von Brühwürfel. Das ist keine raffinierte Küche. Aber genau das, was der Potsdamer braucht: konzentrierte Nahrung für seine nächste große Expedition. Korth wird zusammen mit drei Wissenschaftlern und Abenteurern Grönland durchqueren. 700 Kilometer über Eis und Schnee. 700 Kilometer von der Ost- zur Westküste im Süden Grönlands. Zu Fuß. Das Gepäck auf kleinen Schlitten im Schlepp. Nur mit eigener Kraft gezogen.

Dreimal durch die Arktis, viermal durch Grönland

Am Mittwoch Abend geht es los. „Wir fliegen von Berlin nach Reykjavik auf Island, dann nach Kulusuk in Ostgrönland und in Tasiilaq startet die Tour dann richtig“, erklärt Korth. Der 56-Jährige ist erfahren, was Touren durch das ewige Eis angeht. Dreimal Antarktis, viermal Grönland. An seinem Handgelenk trägt der drahtige Potsdamer eine Uhr mit den Umrissen von Grönland auf dem Ziffernblatt. „Ein Andenken an die 2002er Tour“, erzählt er. Und er zitiert den US-amerikanischen Polarforscher Richard Byrd, der einmal von der „weißen Krankheit“ sprach. Wer das ewige Eis erlebt hat, meidet es für den Rest seines Lebens oder ist auf Dauer davon fasziniert.

 Korth, der im normalen Leben als Professor für Vermessungskunde an der Beuth Hochschule für Technik Berlin lehrt, gehört zur zweiten Kategorie. „In Grönland spürt man die Dimension der Welt“, schwärmt er. „Bis zum Horizont ist nichts. Nur eine weiße Ebene. Das ist eine unglaubliche Stimmung. Das kann man nicht beschreiben.“

Expedition soll handfeste wissenschaftliche Daten liefern

Der Potsdamer ist der Leiter des Expeditionsteams, zu dem auch Thomas Hitziger, Mathematiker an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg, sowie Tobias Küchenmeister und Uwe Hofmann aus Korths Fachbereich an der Beuth Hochschule gehören. Zwei weitere Forscher stoßen an der Westküste zum Team dazu. Ihnen allen geht es nicht nur um das Erlebnis Arktis. Die Expedition soll auch handfeste wissenschaftliche Daten liefern. Bei ihrer Grönlanddurchquerung folgen die Männer den Spuren des Schweizer Meteorologen Alfred de Quervain. 1912 machte er sich auf die 700 Kilometer lange Tour von Küste zu Küste und maß auf seinem Weg – er ging von West nach Ost – unter anderem die Höhe des Inlandeises. Er erstellte somit das erste Höhenprofil der Eiskappe Grönlands.

Jetzt, gut 100 Jahre später, wollen die Wissenschaftler um Korth die damaligen Messungen wiederholen. Diese Daten können zeigen, ob und wie stark das Eis geschmolzen ist. Dafür nutzen die Wissenschaftler modernste satellitengestützte Technik. Aber auch die alten Methoden von de Quervain sollen angewandt werden, erklärt der Expeditionschef: „So lässt sich der Wert der Daten von damals besser einschätzen.“ Der Vergleich werde seriöser. De Quervain hatte den Luftdruck bestimmt und dann die Höhe, in der er sich befand, berechnet.

Drastische Veränderungen im Eis nachgewiesen

Der Grönlandexperte Korth konnte schon bei mehreren seiner Expeditionen ins Eis einen zum Teil dramatischen Höhenrückgang nachweisen. Die Geschwindigkeit dieses Prozesses habe sich zuletzt erhöht. „Das Eis verändert sich drastisch“, sagt er. Die Felsen im Küstenbereich, an denen er vor gut zehn Jahren noch gezeltet hat, sind plötzlich um 20, 30 Meter „gewachsen“. Denn das Eisplateau, auf dem das Zelt stand, ist geschmolzen. Korth spricht bei diesen Veränderungen von einem „unumkehrbaren Prozess“. Diese offensichtlichen Folgen des Klimawandels bereiten ihm „ein beklemmendes Gefühl“.

Nun also der neuerliche Blick auf Grönland. Sponsoren und rund 40 Spender haben die Tour möglich gemacht. Das Team hat sich akribisch vorbereitet. Mit Fitnesstraining, Gesundheitscheck samt Zahnarztbesuch und sogar mit einem Trainingslager. Mit Schlitten und vollem Marschgepäck ging es im März dieses Jahres durch die norwegische Winterlandschaft.

Ein Hauch von Schweiß und Abenteuer

120 Kilogramm Gepäck zieht jeder Expeditionsteilnehmer quer durch Grönland. Essensrationen und Benzin für den Kocher machen allein 1,2 Kilogramm pro Person am Tag aus. Dann noch Messgeräte, Satellitentelefon, kleine Solaranlagen. Für Kleidung ist da nicht mehr viel Platz. Bei Unterwäsche und Socken wird es geradezu spartanisch. „Ein Paar Socken trägt man. Das durchgeschwitzte Paar vom Vortag hängt zum Trocknen am Schlitten und ein drittes Paar gibt es für den Notfall“, erklärt Korth lächelnd. Regelmäßiges Waschen auf der Tour? Fehlanzeige.

„Man fühlt sich dabei nicht unwohl“, sagt der Experte. „Wenn man sich im Kopf darauf einlässt.“ Er versichert, dass man in der weißen Schneelandschaft auch nicht dreckig werde. Aber die Forscher schwitzen. Das zaubert weiße Ränder in die Klamotten – und einen ganz besonderen Duft in die Umwelt. „Dass man dann in Potsdam nicht mehr Straßenbahn fahren könnte, ohne dass der Laden leer ist, ist klar“, witzelt der Potsdamer. Aber die Grönlanddurchquerer selbst riechen nichts. Dafür sorge schon der scharfe Wind, der die Nasenschleimhäute angreift.

25 Kilometer am Tag – das zerrt an den Kräften

Den Wind fürchtet Korth mehr als die Temperaturen. Die gehen nachts vielleicht auf minus 15 Grad Celsius runter und tagsüber kann es bei Sonnenschein und Temperaturen um den Gefrierpunkt sogar kuschlig warm werden. Aber bei Sturm muss das Team Schutz suchen. Zur Not in selbst gebauten Iglus, die mehr Sicherheit als ein Zelt bieten. Acht bis zehn Stunden ist das Team Tag für Tag unterwegs. 25 Kilometer sind die angepeilte Tagesleistung auf Flachetappen. „Da ist man abends gut müde“, berichtet der Expeditionsleiter. Bei der steten körperlichen Belastung hat schon so mancher Expeditionsteilnehmer einige Kilo Körpergewicht verloren. Auf einer Tour vor fünf Jahren hat einer der Forscher fast 20 Kilo abgenommen. Am Essen hat es nicht gelegen.

Von Gerald Dietz und Ute Sommer

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